Segen oder Fluch?

Redaktion Von Redaktion

Das Internet ist für viele schwule Jugendliche die Anlaufstelle Nummer Eins: Chat, Dating und Sex - hier lässt sich alles finden. Aber vorsicht! Nicht alle virtuellen Versprechen halten auch dem Tageslicht stand.

Ich weiß noch genau, wie ich mich das erste Mal über das Schwulsein informierte. Alles war neu und unbekannt, doch da war dieses Gefühl mehr erfahren zu wollen. So kam ich schnell dorthin, wo heute fast jeder Deutsche angemeldet ist: In ein Chatportal. Allerdings in ein Schwules.

Während ich versuchte, mich auf der Seite zurecht zu finden, hörte ich auf einmal ein Klingeln. Ah, das war die erste "private Nachricht" die mir jemand schrieb. Von diesem jemanden war allerdings nicht viel zu sehen, da er in seinem Profil keine Bilder hatte.

Ich öffnete seine "private Nachricht", doch mit dem, was ich las, konnte ich nicht viel anfangen. Erwartet hatte ich ein paar nette Zeilen, wie "Hallo, bist du neu hier? Wie gehts dir?", doch ich bekam etwas ganz anderes: "Lust auf C2C?".

Internet   das "Land" der unbegrenzten Möglichkeiten
Wir wachsen mit dem Chatten auf, für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, "private Nachrichten" oder "Messages" an "Nicknames" zu verschicken. Das Internet, die große Kontaktbörse. Man(n) findet dort alles, was das schwule Herz begehrt, von Jugendmagazinen über Foren, in denen über Gott und die Welt geredet wird, bis hin zu Sexseiten und Fetischportalen. Wo Mann alles findet, kann man auch nach allem suchen.

Nehmen wir eine Kontaktbörse als Beispiel: Dort in der "Usersuche" gibt es verschiedene Kriterien, nach denen gesucht werden kann: Zunächst Größe, Alter und Gewicht, aber auch anderes, wie bevorzugte Sexpositionen oder besondere Fetische.

Backe backe Kuchen, wir backen uns unseren Traummann.Klingt auf den ersten Blick super einfach. Doch wie konnten sich Schwule zu einer Zeit ohne Internet kennenlernen? Die liegt noch gar nicht so weit zurück, denn erst ab 1993 entwickelte sich das WWW mit Hilfe des ersten grafikfähigen Browsers zu unserem Medium Nummer Eins.

1986: Schwulsein bedeutete den gesellschaftliche Tod
Ich unterhielt mich mit verschiedenen Männern zwischen 35 und 60. Da ist zum Beispiel Frank,  der aus einem 1700 Seelen-Dorf in Bayern kommt. Er berichtet mir, er habe 1986 mit 14 Jahren seine ersten sexuellen Erfahrungen auf einer öffentlichen Toilette gemacht, wo sich regelmäßig Männer getroffen hätten. "So nutzte ich jede der seltenen Einkaufsfahrten meiner Mutter zu für mich psychisch sehr belastenden, nichtsdestotrotz hocherotischen Trips zu öffentlichen Toiletten." Natürlich hab es auch Cafés gegeben, erzählt Frank weiter. Einmal die Woche trafen sich damals schon Schwule um zu quatschen, feiern und Gleichgesinnte kennenzulernen. Aber für Frank war das "unerreichbar weit weg in dieser Zeit." Denn Schwulsein war 1986 kein öffentliches Thema, sondern bedeutete den "gesellschaftliche Tod."

Heute gibt es Identifikationsfiguren, Schwule und Lesben sind aus dem öffentlichen Leben nicht wegzudenken. Schwulsein ist möglich und gesetzlich zumindest teilweise akzeptiert. Damals gab es den § 175, der Sex unter Männern unter Strafe stellte. Er galt bis 1994. Zu den wenigen Identifikationsfiguren damals zählt Freddy Mercury, bis zu seinem Tod Sänger der Rockband "Queen".

Verlogen und verdreckt, dennoch vorteilhaft
Auch Walter hat seinen ersten Partner in einer Bar kennengelernt. Als "völlig im Untergrund, verlogen und verdeckt" bezeichnet er das schwule Leben zwischen 1968 und 1975, dem Zeitpunkt, zu dem er Mitte 20 war. Doch einen Vorteil sieht er seinem damaligen  Leben zwischen "Angst und Unglück"- nämlich den der Menschlichkeit: "Egal wie schwer es war, Gleichgesinnte kennenzulernen, man lernte sich immer von Angesicht zu Angesicht kennen."  Trotzdem: Kennenlernen war ohne eine gewisse Angst, zwangsweise geoutet zu werden, nicht möglich und geschah nur in einschlägigen Kneipen oder Toiletten. Hingegen waren Kontaktanzeigen in Zeitungen selten. Und an das Internet wagte noch keiner zu denken.

Schneller, freizügiger, einfacher?
Mit dem Internet änderte sich das. Von nun an konnte mann sich schnell, direkt und anonym mit anderen Schwulen austauschen und verabreden. Schnell anmelden, ein paar Angaben zu seiner Person machen, vielleicht das ein oder andere Bild hochladen und los gehts. Die Gefahr dabei ausversehen eine Hete anzubaggern und sich dadurch zu outen, gehört mit dem Internet ebenfalls der Vergangenheit an. Die anfängliche Schüchternheit wird schnell überwunden, das bunte Treiben beginnt. Dazu ist es noch nicht einmal von Nöten, sich viel Zeit zu nehmen um irgendwo hin zu gehen. Mann kann -mal eben- schnell ins Netz. Flirten wird zur Nebensache vor dem PC. Moment... Flirten?

Wie war das mit dem C2C? Schnell für alle: C2C meint nichts anderes als sich gegenseitig vor der Webcam anzuschauen, meist nackt. Dafür gibt es ja mittlerweile auch schon Portale, auf denen extra Kontakte dafür gefunden werden können. Vorteil: schnell und unkompliziert. Nachteil: kein Ersatz für echten Sex weil unpersönlich und trotzdem Handbetrieb.

Aber auch echter Sex lässt sich schnell im Internet finden. Oftmals völlig unversteckt, es ist aber auch möglich, in seinem Profil "Suche Sex" oder ähnliches anzugeben.

Anonymität: Gefahr oder Vorteil?
Ein weiterer Vorteil ergibt sich dadurch, dass das Internet keine regionale Beschränkung bietet. Theoretisch ist es möglich, mit Menschen aus der ganzen Welt zu chatten. Das Schöne: Der User bleibt anonym. Vermeintlich. Anhand der Wortwahl des Chatpartners kann man schnell Auskunft über den geistigen Horizont seines Gegenübers erahnen.

Außerdem sind viele Menschen im Netz ungehemmter. Mit ein paar geschickten Fragen ist es ein leichtes, seinem Chatpartner private Dinge zu entlocken. Sogar so private Dinge, dass es dem celveren User schnell gelingt, Name und Adresse herauszufinden. Dies ist aber nur eine der Gefahren, es gibt weitere: Bilder können kopiert und als eigene ausgegeben werden, beim persönlichen Treffen kann man sein blaues Wunder erleben. So kann aus einem 17-jährigen Chatpartner im echten Leben schnell mal ein 48-Jähriger werden, der einem an die Wäsche will. Keine zu empfehlende Erfahrung.

Scheinidentitäten sind möglich
So wirkt es, dass manch einer versucht, sich im Internet selbst zu verwirklichen. Die gegebene Anonymität bietet die Chance, dass man sich als jemand anderes besseres ausgibt, als man in Wirklichkeit ist. Frei nach dem Motto "Jeder ist seiner Identität's Schmied". Wenn irgendetwas Negatives dazwischen kommt, löscht man sein Profil, richtet sich ein Neues ein und beginnt ein neues virtuelles Leben - bis man sein Wunschleben gefunden hat und lieber dort anstatt in der wirklichen Welt lebt.

Aber Vorsicht: Das Internet kann auch abhängig machen. Einige User sind zu jedem möglichen Zeitpunkt online. Die Folge: Soziale Vereinsamung oder genauer gesagt, die sozialen Kompetenzen verarmen.Chatten ist weniger eindeutig, weil man das Gegenüber nicht direkt vor sich hat. Immerhin sind es ja nur Buchstaben und Bilder, die man sieht, so lassen sich Mimik und Ausdruck nicht deuten

Wir halten fest: Alles hat seine Vor- und Nachteile. Man muss nur damit umgehen können. Fakt ist, das wirkliche Leben findet abseits des Bildschirms statt.         


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