"Sex ist kein Wettkampf!"

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"Sex ist kein Wettkampf!"
Erik Reis/123rf.com

Der Artikel "Warum ich keine Schlampe bin" hat polarisiert. Der 25-jährige Thomas hat jetzt eine Antwort an Marius geschrieben. Er findet, dass ein Schlampen-Lebensstil kein Vorbild sein sollte.

Als ich den Artikel "Warum ich keine Schlampe bin" auf der Startseite von dbna gesehen habe, konnte ich mir bereits, bevor ich überhaupt den ersten Satz las, grob vorstellen, was sein Tenor sein würde. Warum ich diese Vorahnung hatte, die sich als wahr herausgestellt hat? Ich denke, dass jeder von uns, der je mit der "Szene" oder Online-Chatportalen für Schwule konfrontiert war, wohl jemanden kennt, dessen Sexualleben mit dem von Marius vergleichbar ist. Mir geht es lediglich darum, meine abweichenden Ansichten zu den Aussagen von Marius darzustellen. Dabei will ich ihn nicht verurteilen, aber ich halte es für bedenklich, sich seinen Lebensstil zum Vorbild zu nehmen.

Natürlich hat keiner das Recht, Marius als Schlampe zu bezeichnen, nur weil er andere Moralvorstellungen hat als andere. Vor allem ist eine solche Beleidigung oft eher ein Ausdruck von Neid als aufrichtige Kritik. Jeder Mensch hat in einer freien Gesellschaft das Recht, seine Sexualität so auszuleben, wie es ihm gefällt. Wir können froh sein, dass wir nicht von staatlicher Seite diskriminiert oder wie Kriminelle behandelt werden. Aber man sollte es nicht für selbstverständlich halten, dass häufig wechselnde Sexualpartner, Sex ohne Gefühle, gezieltes Suchen nach Sexdates und Videoabende, die von vornherein nur auf das eine ausgelegt sind, das Leben eines schwulen Mannes ausmachen.

"Irgendwann fragt man sich, welcher Lebensstil einen glücklich macht"

Man muss sich nur homophobe Kommentare auf Facebook oder in Zeitung und Fernsehen anschauen (wenn zum Beispiel mal wieder ein bayerischer Konservativer, katholischer Priester, Neonazi oder ein Pegida-Mitgleid seine Ansichten äußert). Dann stellt man leider fest, dass Menschen, die mit Homosexualität ihre Probleme haben, die oben aufgeführten Argumente als Begründung für ihre offen ausgesprochene Homophobie äußern. Dieser Stimmung sollte man nicht noch Zündstoff geben, indem man sich so verhält, wie diese Leute es von uns erwarten. Wobei ich mir der Doppelmoral durchaus bewusst bin, denn es ist ja nicht so, dass ein promisker Lebensstil ein rein schwules Phänomen ist.

Ihr mögt mich gerne prüde, frigide oder altmodisch nennen. Es wäre geheuchelt, das so zu bestätigen, schließlich habe auch ich meine Erfahrungen gemacht. Aber man muss sich irgendwann die Frage stellen, welcher Lebensstil einen im Leben voranbringt und glücklich macht. Klar, mit 16, mit 20, mit 22, da will man sein Leben genießen, Spaß haben. Aber gerade die, denen wegen ihres Aussehens oder Charmes die Möglichkeit, Sex zu haben, direkt zufliegt, vergessen oft, dass sie es mit steigendem Alter immer schwerer haben werden.

"Keiner wünscht sich einen Jungen, den alle schon nackt gesehen haben"

Sie werden nicht immer die Männer bekommen, die sie interessieren. Vor allem, wenn sie nicht auf Gefühle und Eigenschaften wie Sympathie oder Authentizität Wert legen, sondern nur auf Aussehen, Jugend und Figur. Und dann hat man eventuell ein Problem, weil es einem schwer fällt zu akzeptieren, dass sich die Welt um einen geändert hat und nichts mehr so selbstverständlich ist wie früher. Das hört man natürlich nicht gerne, aber wir alle kennen solche Fälle.

Wer irgendwann Sex nur noch aufgrund seiner Triebe hat und die Gefühle vernachlässigt, begeht das Risiko, irgendwann moralisch abgestumpft zu sein. Und seien wir ehrlich: Kein Mensch wünscht sich für eine langfristige Beziehung einen Jungen, den die Hälfte der Schwulen in seiner Stadt schon nackt gesehen hat. Somit ist es denke ich wichtig, dass man immer für sich selbst reflektiert, was man da eigentlich gerade macht und es nicht zelebriert, als wenn es alle so machen würden wie man selbst.

"Ich wäre froh, wenn ich dich zum Nachdenken anregen könnte"

Wir sind alle keine Engel. Man kann es letztendlich mit seiner Sexualmoral halten wie man möchte, aber man muss nicht auch noch stolz darauf sein. Sex ist kein Wettkampf! Die meisten von uns haben den Wunsch, ihre Jugend zu genießen. Aber eben auch, irgendwann jemanden zu finden, mit dem man nicht nur Spaß hat, sondern neben dem man auch 30 Jahre später noch aufwachen kann, ohne irgendetwas zu vermissen oder das Gefühl zu haben, dass man irgendetwas falsch gemacht hat. Gewiss ist Monogamie ein gesellschaftliches Konstrukt und deshalb nicht biologisch gefordert. Trotzdem ist jeder in seinen Grundfesten erschüttert, wenn er erfährt, dass ihn sein Partner betrogen hat. Also scheint was dran zu sein an der Monogamie

Marius hat in seinem Artikel einen interessanten Satz geschrieben: "Ich frage mich, ob das nötig ist, und ob ich immer das Richtige tue." Mich hätte nun sehr interessiert, zu welchem Schluss er bei diesem Gedanken kommt. Lieber Marius, nimm doch meine Sichtweise als Motivation, eine andere Perspektive auf die Dinge einzunehmen. Ich wäre froh, wenn ich dich und andere Menschen, die es ähnlich halten wie du, mit meinen Worten zum Nachdenken anregen könnte. Mit Freunden allein reden hilft vielleicht, aber meistens hat man dieses Bedürfnis dann, wenn einen etwas belastet und man zumindest unterbewusst eine gewisse Unzufriedenheit verspürt.

"Wenn es soweit ist, kann man die Zeit nicht zurückdrehen"

Zum selbstkritischen Verhalten gehört dann aber auch, dass man nicht nur mit den Leuten spricht, die einem das sagen, was man hören will. Man sollte darüberstehen, was andere von einem halten. Letztendlich ist man am Ende nur sich selber Rechenschaft schuldig. Traurig ist es dann nur, wenn man irgendwann feststellt, dass die Bilanz nicht so ausgefallen ist, wie man sie sich gewünscht hätte. Wenn es soweit ist, kann man die Zeit nicht mehr zurückdrehen

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