Spiel mit dem Feuer

Redaktion Von Redaktion

Eine weltweite Forschergruppe leugnet, dass AIDS durch HIV ausgelöst wird. Diese These stellt 20 Jahre Forschung auf den Kopf. Was ist dran? dbna erklärt den aktuellen Stand der Forschung. Was sagt die Schulmedizin zu der gewagten These?

Es ist zum Verzweifeln. Sie sagen, dass sie auf Kondome allergisch reagieren. Sie sagen, dass sie es einfach vergessen haben. Sie sagen, dass es sie bei einem Mal schon nicht treffen wird. Sie sagen, dass sie ihr Leben leben wollen und dass sie entscheiden, wann sie eine Lümmeltüte nehmen und wann nicht.

Da kann die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung machen, was sie will. Sie kann Teams in Schulen schicken, die mit den Schülerinnen und Schülern einen AIDS-Parcours ablaufen. Sie kann Anzeigen schalten, in denen Kondombenutzer als Helden dargestellt werden. Sie kann gratis Kondome verteilen in Diskotheken.

Die Zahlen sprechen deutliche Worte. 56 000 Menschen sind in Deutschland HIV-infiziert, 34 000 davon sind schwul. 8 700 Menschen leiden derzeit unter AIDS, bei ihnen ist die Krankheit ausgebrochen. Im letzten Jahr gab es fast 3 000 Neuinfektionen.

Kritik an der allgemein-gültigen AIDS-Forschung

Oder gab es die gar nicht? Es existiert eine weltweite Forschergemeinschaft, darunter Nobelpreisträger, Künstler, Professoren, die leugnet, dass AIDS durch HI-Viren ausgelöst wird (dbna berichtete). Sie sagen, dass das HI-Virus nur ein Passagier sei, aber dass es AIDS nicht auslösen könne.

In der Folge behaupten sie, dass AIDS eine lebensstilspezifische Krankheit ist. Sie sagen, dass AIDS durch Drogenmissbrauch, durch Mangelernährung und durch die HIV-Medikamente ausgelöst wird. Sie sagen sogar, dass AIDS Menschen, die niemals mit Drogen in Berührung kamen, nicht treffen kann.

Diese Behauptungen sprechen eine deutliche Sprache. Sie stellen nicht weniger als 20 Jahre AIDS-Forschung auf den Kopf. Und nicht nur das: Wenn sich diese Behauptungen durchsetzen, ist das für Kondomverweigerer Wasser auf ihre Mühlen. Sie haben einen weiteren, durch die Forschung ja durchaus vertretenen Grund, Kondome nicht zu benutzen. Das ist ein Spiel mit dem Feuer.

"Viele falsche Behauptungen"

In Deutschland ist für Infektionskrankheiten wie AIDS das Robert-Koch-Institut (RKI) zuständig. Es ist dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt. Jede neue Infektion muss dem RKI gemeldet werden, allerdings anonymisiert. In einer Stellungnahme kritisiert das Institut die AIDS-Dissidenten scharf.

"In Schimpansenversuchen wurde eindeutig nachgewiesen, dass HIV den Schimpansen infizieren kann und in diesen Tieren zu einer Infektion führt", schreibt das Institut. Dies werde aber von den Dissidenten ignoriert. Gleichwohl "gibt es Belege, dass die Viren von Affen auf den Menschen übertragen wurden."

Es lasse sich nicht belegen, dass AIDS nur bestimmte Risikogruppen betreffe. "HIV-Positivität und AIDS-Erkrankungen bei Kindern, sowie die heterosexuelle Ausbreitung von HIV, sowohl in den Industrieländern, als auch in den Entwicklungsländern, lassen sich damit nicht erklären", sagt das Institut. Ebenso wenig lassen sich die HIV-Infektionen und AIDS-Fälle nach Bluttransfusionen erklären, da sich in diesen Fällen bei der Nachprüfung immer beim Spender und dem Empfänger die genetisch identischen Viren nachweisen lassen und damit ein ursächlicher Zusammenhang zwischen HIV und der Erkrankung AIDS erhärtet werde.

Immer wieder verweist das RKI in seiner Stellungnahme auf fehlerhafte Darstellungen. Es wirft ihnen nicht belegte Tatsachenbehauptungen vor, die nicht dem neuesten Stand der Wissenschaft entsprechen und belegt werden mit langen Literaturlisten, die aber großteils Eigenpublikationen des jeweiligen Autors sind. Wesentliche Befunde und Arbeiten würden schlicht ignoriert. Dieses Argumentationsmuster ziehe sich durch alle Publikationen zu diesem Thema. Was aber ist dann der aktuelle Stand der Forschung?

Der Übertragungsweg

Normalerweise wird das Virus über Körperflüssigkeiten wie Blut oder Sperma übertragen. Wenn diese Flüssigkeiten in blutende Wunden geraten oder aber auf die Schleimhäute, beginnen sie, ihr Erbgut in jede Zelle des Körpers einzuschleusen.

Sobald der Körper einen Fremdkörper entdeckt, aktiviert er wiederum sein Immunsystem. Dazu hat jede Zelle außen einen Proteinkomplex, das so genannte MHC. Sobald eine Zelle angegriffen wird, dient das MHC als eine Art Signal und sagt den Zellen des Immunsystems, dass die Zelle befallen ist.

Das HI-Virus aber schleust das MHC ins Innere der Zelle, so dass das Immunsystem nicht mehr erkennt, dass die befallene Zelle infiziert ist. Deswegen kann es nicht reagieren. Diese Zelle infiziert dann wiederum neue Zellen, die dann wieder weitere Zellen infizieren. Das Virus breitet sich im Körper aus und alle auf diese Art befallenen Zellen können nicht mehr sagen, dass sie krank sind, weil das Protein dafür eingesperrt wurde. Dadurch wird das System angreifbar für jede Art von Krankheit.
Bis die ersten Symptome auftreten, kann es bis zu 15 Jahre dauern, aber sobald eine bestimmte Zahl von Zellen infiziert ist, bricht das gesamte System zusammen. Deswegen stirbt der infizierte Mensch meistens an eigentlich harmlosen Krankheiten.

Therapieforschung

Die bisherigen AIDS-Medikamente setzen an drei verschiedenen Stellen an. Die so genannten "Fusions-Hemmer" verhindern, dass das Virus, nachdem es sich an eine Körperzelle geheftet hat, mit ihr verschmilzt. Dann gibt es Medikamente, die verhindern, dass das Erbgut der Zelle verändert wird (die "Reverse-Transkriptase-Hemmer" (reverse Transkriptase nennt man einen Teil der Umschreibung des Erbgutes) und schließlich die "Protease-Hemmer", die verhindern sollen, dass sich die infizierte Zelle teilt und sich somit vermehrt.

Damit haben diese Medikamente bewirkt, dass sich die Lebenserwartung von Infizierten so enorm verlängert hat, dass viele Forscher inzwischen von einer "chronischen Erkrankung" sprechen, zumindest in Ländern mit einem funktionierendem Gesundheitssystem. Dieser Status ist allerdings immer mehr bedroht, denn viele der Medikamente auf dem Markt wirken nicht mehr oder nicht mehr vollständig. Das Virus ist teilweise resistent gegen die Medikamente geworden.

Neue Medikamente in der Warteschleife

Diese Fähigkeit des Virus, seine enorme Wandlungsfähigkeit also, macht es der Forschung so schwer, erfolgreich Therapien und Arzneeien zu entwickeln. Dennoch werden in diesem Jahr voraussichtlich zwei neue AIDS-Medikamente zugelassen. Das eine neue Medikament soll verhindern, dass sich das Virus überhaupt an eine Körperzelle heftet, man nennt es "Co-Rezeptoren-Hemmer". Das andere verhindert, dass das Erbgut in die Wirtszelle eingeschrieben wird, die sogenannten "Integrase-Hemmer".

Diese neuen Mittel wurden bisher großflächig an stark vorbehandelten Patienten getestet. In einer Studie mit 700 solcher Patienten konnte bei 60% der Probanden bei gleichzeitiger Einnahme anderer AIDS-Medikamente die Viruslast im Blut nach vier Monaten unter die Nachweisgrenze gesenkt werden. Bei einer Vergleichsgruppe, die ein Placebo bekam, war dies nur in 30% der Fälle möglich.

Die Entwicklung eines Impfstoffes allerdings lässt weiterhin auf sich warten. In den letzten Wochen wurde vermehrt über das so genannte Aidsvax berichtet, das in der letzten Phase der klinischen Tests stehe, allerdings stellte sich heraus, dass die Kapitalgeber die Studien derart beeinflusst haben, dass Ergebnisse verfälscht worden sind.

Was bleibt am Ende? Wird AIDS durch HIV ausgelöst oder ist die Krankheit für die Pharmabranche ein Geldsegen, den man nicht abstellen möchte? Die AIDS-Dissidenten verfälschen scheinbar einiges, um ihre These durchhalten zu können, aber sie benennen einige Fakten, die sich nicht wegdiskutieren lassen, wenn sie auf Fragen hinweisen, die die aktuelle AIDS-Forschung nicht beantworten kann. Warum gibt es bis heute keinen Impfstoff und keine vernünftige Prävention? Das ist kein entscheidendes Argument, ihrer These zu glauben, aber es sollte ein großer Ansporn sein, weiter zu forschen.

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Weitere Quellen: Robert Koch Institut, Süddeutsche Zeitung,Brockhaus Enzyklopädie Online, Microsoft Encarta, WikipediaBilder: fotolia.de