Sprechen Schwule schwul?

Falk Steinborn Von Falk Steinborn

Das Klischeebild des schwulen Mannes kommt nicht ohne eine geschwollene und näselnde Sprache aus. Doch wieviel Wahrheit steckt dahinter? Die Wissenschaft versucht, Antworten zu finden.

Sie quieken, sie näseln, sie kreischen. Wenn das Klischee des schwulen Mannes bedient wird, dann darf die Sprache nicht fehlen. Zahlreiche schwule Figuren aus der Fernsehwelt werden so charakterisiert, z.B. Jack McFarland aus der US-Sitcom Will & Grace. Er spricht oft ein dutzend Oktaven zu hoch und seine Aussagen sind blumig und bunt.

Auch wenn es sich bei solchen Figuren um bewusste Übertreibungen handelt, der Impuls dafür muss irgendwo herkommen. Vielleicht aus der Realität? Diese Frage könnte die Soziolinguistik, die Wissenschaft vom Sprechverhalten bestimmter Menschengruppen, klären. Auch Homosexuelle - und vorrangig schwule Männer - werden immer wieder von ihr untersucht. Dabei geht es um Besonderheiten in Wortschatz und Aussprache.

Schwuler Slang als Geheimsprache

Der bekannteste und am besten erforschte Wortschatz schwuler Männer heißt Polari, der hauptsächlich Mitte des 20. Jahrhunderts in London gesprochen wurde. Er sollte Schwulen zur Verständigung dienen, ohne dass ein Außenstehender etwas verstand. Denn zu dieser Zeit war Homosexualität noch unter Strafe gestellt. Polari war also eine Geheimsprache. Sie wurde ausschließlich mündlich verbreitet und umfasste etwa 400 Worte. So bedeutete "omee-palonee" so viel wie "schwuler Mann". Ansonsten bezeichneten die Begriffe vor allem Körperteile, Aussehen und sexuelle Praktiken.

Das Sex-Vokabular

Mittlerweile ist Homosexualität in Großbritannien und der westlichen Welt legalisiert. Eine Geheimsprache ist deshalb nicht mehr notwendig. Dennoch haben Schwule nach wie vor einen eigenen Wortschatz. Vielleicht erinnerst du dich selbst noch an deine ersten Kontakte mit der schwulen Welt und wie du bei Wendungen wie "blaue Seiten" (für Gayromeo) oder "out of the closet" (für einen geouteten Schwulen) rein gar nichts verstanden hast. Das ist nicht verwunderlich, denn einige Begriffe rund um das Thema Homosexualität kommen in der heterosexuellen Welt einfach nicht vor. Sie sind deshalb zunächst unbekannt, wenn man auf sie stößt - wie beispielsweise das Sex-Vokabular. Doch dieses ist weniger eine Geheimsprache als vielmehr ein kleiner Fachwortschatz aus rein pragmatischen Gründen natürlich.

Gleiches gilt auch für bestimmte Worte, die mit der Identitätsbildung und Gemeinschaft von Schwulen zusammenhängen: gay, queer oder CSD. Sie geben bestimmten Sachverhalten eine Bezeichnung, die im heterosexuellen Vokabular nicht existieren. Damit füllen sie eine sprachliche Lücke. Mittlerweile finden solche Begriffe aber auch Einzug in die heterosexuelle Welt, auch wenn der eine oder andere Heterosexuelle zunächst über solche Wort stutzt.

Alles etwas länger und höher

Vom Wortschatz abgesehen erforschen Soziolinguisten auch immer wieder die Aussprache schwuler Männer. Dabei wollen sie festgestellt haben, dass etwa die Laute "p", "t", "k" und "n" überdurchschnittlich behaucht werden, so als würde man dem Buchstaben noch einen kleinen Luftstoß am Ende nachschieben. Dadurch wirkt die Sprache geschwollen und leicht näselnd. Ebenso würden Schwule das "s" länger und höher Aussprechen. Damit ähnelt ihre Aussprache der von Frauen. Das Problematische an diesen Untersuchungen: Häufig wurden Testpersonen gewählt, die dem schwulen Klischee entsprachen, damit überhaupt Auffälligkeiten in der Aussprache feststellbar waren. Außerdem dienten oft Frauen als Vergleichstypen statt heterosexuelle Männer. Das ist durchaus zweifelhaft.
 
Schwules Sprechen zur Abgrenzung

Dennoch gibt es sicherlich einige Schwule, die bewusst und unbewusst sprachliche Klischees erfüllen. So stellten Soziolinguisten fest, dass schwule Jugendliche während ihres Coming-outs mitunter ihre Sexualität überbetonen und sich bestimmten Stereotypen anpassen. Dazu gehört teilweise auch eine schwule Aussprache - wie etwa die von Jack McFarland. Damit können sich schwule Jugendliche von Gleichaltrigen abgrenzen und gleichzeitg zeigen, dass sie zur schwulen Community dazugehören. Außerdem geht es ihnen auch darum, in der Öffentlichkeit zu provizieren. Auf lange Sicht wird diese klischeehafte Aussprache aber wieder abgelegt - zumindest von den meisten Jugendlichen.
 
Gefahren solcher Erkenntnisse

Insgesamt gilt deshalb: Es gibt sicherlich Schwule, die sprachliche Klischees erfüllen. Das sind aber nur wenige von vielen. Ebenso benutzen wir auch heute noch einige Begriffe, die ein Heterosexueller nicht versteht. Ein eigenständiger Wortschatz ist das aber noch lange nicht. Schwule sprechen deshalb genauso wenig schwul wie Heterosexuelle heterosexuell sprechen. Alle anderen Feststellungen bergen nur die Gefahr, Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Menschen zu konstruieren und sie als Grund für Diskriminierung zu missbrauchen.


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