Stolperfallen

Redaktion Von Redaktion

Matthias mag den Herbst nicht. Wenn er nicht gerade auf dem undefinierbaren matschigen Blätterbreiausrutscht, stolpert er über die sprachlichen Gepflogenheiten inNRW. Ja ja, das Leben ist hart.

Lieber Christoph!

Ach,die Wetterlage. Ich hasse den Herbst, hatte ich das bereits erwähnt?Überall diese grässlichen, braunen, matschigen, vermodernden Blätter.Memento Mori. Und die kahlen Bäume. Und diese aufdringlichenLebkuchen-, Schokoladennikolaus- und Weihnachtsmannregale imSupermarkt, dass man die Kasse kaum findet. Wie herbstlich! Nein, ichmag diese Jahreszeit echt nicht. Gar nicht. Und so kalt ist es jetzt jaauch wieder. Ich frag mich, wie ich den Winter überstehen soll, wo ichjetzt schon in meiner dicksten Jacke und meinem längsten Schalrumlaufe. Und ganz schlimm am Herbst ist auch, dass es nur noch so kurzhell ist, tagsüber. Der frühe Sonnenuntergang, und die Dunkelheitmorgens. Von der ich auch noch was mitbekomme, das ist ja der Punkt!

Vorbei ist die postabiturielle Tatenlosigkeit: Ich hab mich jetzt fürArchitektur eingeschrieben. Nicht, dass ichs ernsthaft durchziehenwill, ich möchte es nur ein bisschen austesten, ob es mir gefallenkönnte. Übernächste Woche fange ich ein Praktikum an, da ist dannsowieso nix mehr mit Uni, aber die ersten zwei Wochen geh ich jetzthin.

Früher, als ahnungsloser, naiver, optimistischer Schüler hatte ich mirgedacht: Uni, das ist cool. Um 10 aufstehen, um 12 die erste Vorlesung.Und um 16 Uhr fertig, wieder nach Hause, vielleicht noch ein paar - freiwillige - Übungen machen. Tja, denkste. Okay, vielleicht kamendiese sonnigen, lebensfernen Illusionen auch daher, dass ich - bisherzu mindestens - hauptsächlich Geisteswissenschaftler kannte... InArchitektur hab ich jetzt einen Stundenplan bekommen, fünf Tage dieWoche ab 8:30, meist bis 16 Uhr, Übungen sind verpflichtend und werdenbenotet... Nun, für zwei Wochen kann man das ja mal machen. Und ausdiesem Grund bin ich jetzt auch dazu genötigt, etwas zu tun, von demich mir die letzten 13 Jahre geschworen hatte, es nach dem Abitur niewieder zu tun: Früh aufstehen. Um sieben oder noch früher. Schließlichmuss ich ja mit der S- und U-Bahn in die Stadt zur Uni fahren. Und dasdauert mindestens 45 Minuten. Und Klamotten aussuchen, Anziehen,Waschen und Frühstücken muss ja auch noch sein. Ohne Frühstück käme ichübrigens überhaupt nicht weit. Ich weiß nicht, wie du das währenddeiner Schulzeit geschafft hast. Aber den Versuch, deineErnährungsgewohnheiten zu verstehen, habe ich ja sowieso schon in denWind geschossen.

Beidem Thema: Reiberdatschi aus der Flasche, dazu fehlen mir echt dieWorte. "Reiberdatschi" ist übrigens das hiesige Wort für "Reibekuchen".Wenn du schon nach Süddeutschland gezogen bist, solltest du dich auchden hiesigen Gepflogenheiten anpassen. Also, nicht, dass ichbayerischer Patriot wäre, oder die bayerische Sprache irgendetwasanderes als lächerlich fände, aber schließlich wurde ich auch sehrschief angeschaut, als ich in Dortmund in der Bahnhofsbäckerei nach"Rosinensemmeln" verlangte. Und wenn es uns Bayern in NRW schon sogeht, muss es euch NRWlern in Bayern genauso gehen. AusgleichendeGerechtigkeit. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wie du mir, so ich dir. Bäh.Von eben jenem Erlebnis am Dortmunder Bahnhof bin ich so gezeichnet,dass ich sogar schon in München nur noch Rosinen"bröchten" kaufen will.Außerdem muss ich beim Wort "Semmel" neuerdings immer an das Wort"Rennsemmel" denken, und das ist einfach ein unmögliches Wort.

Ansonsten hoffe ich, es geht dir gut? Und Schnupfen und Erkältung habendich noch nicht in ihren grässlichen, schleimigen Klauen? Und hast dueinen Tipp für mich, wie man Herbst gut überstehen kann? Vielleichtsollte man auch einfach in den Süden fliehen...

Es schickt dir demonstrativ sommerlich-sonnige Grüße:


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