Strand, Sonne, Schwulsein

Redaktion Von Redaktion

Spanien ist nicht nur eines der liebsten Urlaubsländer der Deutschen. Was die Gleichstellung von Schwulen und Lesben angeht ist es ebenfalls fortschrittlich. Homo-Ehe und sogar Homo-Adoptian sind in dem christlichen Land erlaubt. Aber das war nicht immer so.

Mit seinen 45 Millionen Einwohnern und ca. 8000 km langen Stränden gehört Spanien zu einem der beliebtesten Urlaubsländer der Deutschen. Was aber eher weniger bekannt ist: Spanien ist eines der tolerantesten Länder was Homosexualität betrifft.

Das war jedoch nicht immer so, weiß Miguel Álvarez. Er ist Geschichtslehrer und begann sich mit der Schwulengeschichte seines Landes zu beschäftigen, nachdem sein Sohn sich bei ihm geoutet hatte.

Kastriert und verbrannt
Zu Beginn der geschichtlichen Aufzeichnungen Spaniens mit dem römischen Reich war Homosexualität weit verbreitet. Es war gestattet homosexuelle Handlungen an Sklaven, Eunuchen und Strichern auszuführen. Nur jeder der ein anständiger Bürger sein wollte, hielt sich von dieser Art der sexuellen Vergnügung fern. "Trotz der gestatteten Homosexualität wurde man als weiblich angesehen, wenn das herauskam", so Álvarez.

Dies änderte sich jedoch im weiteren Verlauf der Geschichte. Mit der sogenannten Christianisierung wurde Homosexualität verboten. Die Strafen waren drakonisch und reichten von Peitschenhieben über das Kahlscheren des Kopfes bis hin zu Verbrennung auf dem Scheiterhaufen. Zudem wurden Männer häufig sogar kastriert, was zur damaligen Zeit nicht ungefährlich war. So berichtet Alvarez, dass mangelnde Hygiene bei der Kastration oft zum Tod der Männer führte von den Qualen einmal abgesehen: "Man muss es sich mal vorstellen bei vollem Bewusstsein kastriert zu werden." Diese und andere Strafen wurden in Spanien für lange Zeit angewendet. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die  Todesstrafe für Homosexuelle abgeschafft.

Überraschende Hochzeit
Im Jahre 1901 fand in Spanien die erste Homosexuellen-Hochzeit statt. In einer kleinen Pfarrkirche in La Coruña gaben sich Marcela und Elisa da Ja-Wort. Elisa wurde zu Mario und der Vater Cortiella gab seinen Segen zu dieser Hochzeit. Das Interesse der Öffentlichkeit an dieser Hochzeit war groß. Dennoch fand die Trauung nur im engsten Familienkreis statt. "Die beiden wollten heiraten ohne das die Hochzeit von jemand gestört wird", meint Álvarez.  Das Glück für die beiden frisch verheirateten war aber dennoch nicht lang von Dauer. Wegen gesellschaftlicher und juristischer
Schwierigkeiten sowie Problemen eine Arbeitsstelle zu finden, verließen die beiden gemeinsam das Land in Richtung Argentinien.

In den Haftanstalten vergessen
Während der Diktatur von Franco (Bild rechts) waren homosexuelle Handlungen wieder illegal und eine Vielzahl von Schwulen wurde eingesperrt. "Die Diktatur von Franco war eine richtige Unterdrückung für unser Land", sagt Pablo Gonzalez der zu dieser Zeit aufwuchs. Er erinnert sich mit Schrecken an diese Zeit zurück. Das damalige Vagabundengesetz setzte Homosexualität mit Zuhälterei gleich. Die Strafen, die daraus hervorgingen, wurden als eine Art Erziehungsmaßnahme verstanden. Die katholische Kirche achtete zu dieser Zeit sehr streng auf die Einhaltung der traditionellen Ehe. Wer sich durch sein Verhalten gegen die Ehe stellte wurde sowohl vom Staat als auch von der Kirche sehr hart bestraft. Das galt für uneheliche Beziehungen
genauso wie für Schwule und Lesben. "Nach dem Tod Francos wurden viele Homosexuelle in den Haftanstalten einfach vergessen", meint Gonzales. Und Álvarez fügt noch hinzu: "Es gab für Homosexuelle eigene Gefängnisse, das muss man sich mal vorstellen"!

1960 entwickelte sich dann langsam eine heimliche Schwulenszene in Barcelona. Die Einstellung der spanischen Bevölkerung zur Homosexualität begann sich zu ändern. Es entwickelte sich eine Kulturbewegung die als La movida (Nachtleben) bekannt wurde und wesentlich zur heutigen Situation
von Homosexuellen beigetragen hat.

Vorreiter bei der Homo-Ehe
Mit der Movida wuchs das Selbstbewusstsein von Schwulen und Lesben, Transsexuellen und Bisexuellen. Nicht nur im spanischen Sitges sondern auch in Barcelona, Madrid und Valencia finden jährlich schwule Sportgroßveranstaltungen und allerhand weitere Festivals für Schwule und Lesben statt.

Mit der Ablösung der konservativen Regierung durch die Sozialisten gab es in Spanien einen sehr großen Schnitt. Als weltweit drittes Land führte Spanien im Jahr 2005 die Legalisierung der Homo-Ehe ein und setzte zudem fest, dass homosexuelle Paare die gleichen Rechte haben wie auch heterosexuelle. Das wurde auch auf das Adoptionsrecht ausgedehnt. Im Moment verhandelt Spanien mit ausländischen Regierungen über die Auslandsadoption für homosexuelle Paare. Mittlerweile gibt es in Spanien 5890 gleichgeschlechtliche Ehen. Der überwiegende Teil davon sind Ehen zwischen zwei Männern. Die Zahl dürfte allerdings nach Schätzungen mehr als doppelt so hoch liegen, da kleinere Gemeinden sowie das Baskenland in den statistischen Erhebungen nicht berücksichtigt werden.

Bevölkerung offener als in anderen Ländern
Trotz Homo-Ehe gibt es immer wieder öffentlich homophobe Äußerungen. So verglich der Bischof von Teneriffa in seiner Weihnachtsansprache 2007
Homosexuelle mit Kinderschändern . Und als wäre dies nicht genug, setzte er noch einen drauf und behauptete, dass viele 13-jährige Sex mit Erwachsenen suchen würden. Diese Äußerungen gingen allerdings nach hinten los. Die spanische Bevölkerung reagierte empört. Die Kirche von Teneriffa blieb leer und der Bischof wurde zum Rücktritt getrieben.

Dieses Beispiel zeigt, dass Homosexualität in Spanien heute zum Alltag geworden ist. Man begegnet ihr fast täglich auf offener Straße sowie auch im Fernsehen. Werbespots mit Homosexuellem Inhalt zählen hier als normal. In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage der GUS (Statistischen Amt für Spanien) befürworten 64% der Spanier die Homosexuelle Eheund 49% deren Recht auf Adoption. Damit ist die spanische Bevölkerung gemessen am EU-Durschnitt relativ tolerant. Denn von den EU-Bürgern befürworten nur 49% die Homo-Ehe und und  nur 35% die Homo-Adoption.

Gleichstellung als Wahlkampfthema
Wer allerdings glaubt, dass in Spanien deshalb alles in Ordnung ist, der täuscht sich. Kritik und Widerstand kommen immer wieder aus den Reihen von Kirche und  Konservativen. Wie das allerdings nach den Wahlen dieses Jahr aussieht bleibt abzuwarten. Die christlich-konservative Partei PP , die unter großem Einfluss der katholischen Kirche steht, ist auf dem Vormarsch.

Zwar beteuerte José María Aznar, Vorsitzender der PP auf einer Wahlkampfrede in Andalusien,  die Fortschritte bei der Gleichstellung von Schwulen und Lesben fortzuführen. Aber wenn man bedenkt, dass Andalusien zu einer der tolerantesten Regionen Spaniens mit vielen Homosexuellen zählt, kann diese Aussage auch nur als "Stimmenfang" gewertet werden.

Hinzukommt dass gerade in ländlichen Gebieten, wo die Konservativen und die Kirche einen größeren Einfluss haben, die  Aggressivität und die körperlichen Übergriffe auf Homosexuelle kürzlich wieder leicht ansteigen. In den Urlaubsregionen und Großstädten tobt allerdings nach wie vor das schwule Leben.

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