Straßenstrich 2.0

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Straßenstrich 2.0
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Berlin, Bahnhof Zoo: Irgendwann zwischen 23 Uhr und 2 Uhr nachts. Lässig lehnen sie an Laternenpfählen und Hauswänden. Die meisten sehen aus wie Porzellanpuppen. Zerbrechlich und doch schön. Trotz Augenringen. Sie tragen enge Jeans oder Lederhosen, dazu Netzhemden, die die schlanke Statur der Jungs betonen. Autos fahren im Schritttempo vorbei. Dicke Autos. Hin und wieder halten sie an und die Beifahrertür geht auf.

Berlin, Bahnhof Zoo: Irgendwann zwischen 23 Uhr und 2 Uhr nachts. Lässig lehnen sie an Laternenpfählen und Hauswänden. Die meisten sehen aus wie Porzellanpuppen. Zerbrechlich und doch schön. Trotz Augenringen. Sie tragen enge Jeans oder Lederhosen, dazu Netzhemden, welche die schlanke Statur der Jungs betonen. Autos fahren im Schritttempo vorbei. Dicke Autos. Hin und wieder halten sie an und die Beifahrertür geht auf.

So einer ist Fabian* nicht. Und er will es auch nie sein. Nein, Fabian kommt aus gutem Hause und studiert Medienmanagement an einer Privatschule. Der Zwanzigjährige möchte Journalist werden, genau wie seine Eltern. Neben dem Schreiben ist Musik seine große Leidenschaft. Doch nicht Lady Gaga oder Madonna zieren seine CD-Regale, stattdessen finden sich Hildegard Knef und Ray Charles zwischen übrig gebliebenen Abizeitungen und Bildbänden. Künstler, deren Songs er mit Leidenschaft auf seinem Klavier spielt. So würde er gut als der nette junge Mann von nebenan durchgehen. Wenn er nicht gerade mit Werner* unterwegs ist.

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Im Trennungsschmerz lies sich Fabian erstmals zu Sex gegen Geld überreden.

Im Trennungsschmerz lies sich Fabian erstmals zu Sex gegen Geld überreden.

Mitleid als Motiv?

An einem kalten Novembernachmittag fing es an. Die Trennung von seinem Freund lag noch nicht lange zurück. Wirklich verarbeitet hatte er sie noch nicht, dafür waren die Wunden zu frisch und zu tief. Das Wetter passte zu seiner Gefühlslage. "Bling" machte die Internetseite, die auch liebevoll das "schwule Einwohnermeldeamt" genannt wird. Es war das Zeichen für eine neue Message. Eigentlich habe er nur aus Jux und Dollerei zurückgeschrieben, sagt Fabian. Doch dabei blieb es nicht. Werner wollte das, was viele ältere Männer von jungen Attraktiven wie Fabian wollen: Sex. Wenn nicht so, dann für Geld. Fabian ließ sich darauf ein. Ein mögliches Motiv: Mitleid. "Überleg dir mal ganz illusionsfrei, wie du vielleicht in 45 Jahren so deinen Spaß haben möchtest. Da wird es dir nicht anders ergehen, als so vielen Schwulen, die sich ins Geldbeutelchen greifen", so sagt er. Das ist der Moment, in dem man zu grübeln beginnt. Warum bietet jemand Sex für Geld? Oder warum bietet jemand Geld für Sex?

Das Internet senkt die Hemmschwelle

Fabian ist Escort. Hinter dem Wort verbirgt sich die Bezeichnung für junge Männer, die für Geld Begleitservices anbieten und sexuelle Handlungen an sich ausüben lassen. Der Unterschied zum Straßenstrich: Die Auswahl der Escortboys sowie der Kunden erfolgt diskret im Internet. Mehrere Communities bieten Raum für diese Dienstleistungen. Annoncieren kann dort jeder. Fabian habe jedoch nicht von allein die Initiative ergriffen, um seinen Dienst anzubieten. Er reagierte nur auf Werners Nachricht. Hätte dieser ihn auf der Straße angesprochen, wäre ihm wohl nicht in den Sinn gekommen, sich zu prostituieren. Vielleicht ist es diese Distanz, die für beide die Hemmschwelle sinken ließ.

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Für Fabian ein Job, für Dominik* jedes Mal eine Art Vergewaltigung.

Für Fabian ein Job, für Dominik* jedes Mal eine Art Vergewaltigung.

Ein Job wie jeder Andere

Durchschnittlich einmal pro Woche trifft Fabian seinen Kunden. Sie gehen essen und quatschen. Irgendwann geht es dann zu Werner nach Hause: "Beim Sex mit ihm geht es mir aber nicht um mich, sondern darum, dass der Kunde seinen Spaß hat." Werner ist Fabians erster und einziger Kunde. "Er beschert mir finanzielles Wohlergehen, sodass es nur so kracht." Nötig hat er seine Nebentätigkeit nicht, aber der Wunsch nach hohem Lebensstandard ließ ihn erweichen. Für ihn ist es ein Job wie jeder andere auch, das erhöhte Alter seines Kunden schreckt ihn nicht ab. Einen Mehrwert bringt ihm der Sex nicht: "Das ist eine Tätigkeit, die man mal ganz ohne den Altersfaktor abwickeln kann. Das Hinhalten ist einigermaßen erträglich."

Zwischen Hunger und Gewaltandrohungen

Ganz anders liest sich die Geschichte von Dominik*: Der gerade achtzehnjährige lebt ebenfalls noch zu Hause bei seinen Eltern. Aber anders als bei Fabians Familie, ist das Geld in seiner Familie sehr knapp. Er tut es, weil er Hunger habe und sich auch neue Sachen kaufen wolle. "Es fühlt sich furchtbar an, wenn man zwei Tage nichts gegessen hat und die Mutter sagt, dass die Nudeln für das Erste reichen müssten." Durch normale Nebenjobs würde er am Ende des Monats nur auf maximal 400 kommen. Zudem hätten sie den Nachteil, dass man im Job immer wieder was dazu lernen müsse. Für Dominik ist das viel Aufwand für wenig Geld. Der Job als Escort bietet ihm mehr Flexibilität und somit Einkommen - wann immer er es will. Oder er von seinem Ex-Freund dazu gezwungen wird.

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Einen Ausweg aus ihrer Situation finden manche Jungs nicht ohne weiteres.

Einen Ausweg aus ihrer Situation finden manche Jungs nicht ohne weiteres.

Zu Hause geht es nicht: Eltern

Geldmangel alleine ist bei Dominik nicht der Hauptgrund. Von seinem 28-jährigen Ex-Freund dazu angetrieben, anzuschaffen, liest sich die Geschichte so, wie die einer typischen Beziehung zwischen Zuhälter und Prostituiertem: "Die Beziehung hielt nicht lange. Jetzt droht er mir, wenn ich das nicht mache, sprich Geld ran hole, würde er mich totschlagen und meinen Eltern sagen, ich sei schwul." Einen Ausweg sieht er nicht. Sein Ex-Freund würde sowieso immer wieder kommen und seine Eltern seien intolerant und würden sich sehr negativ über Homosexuelle äußern. Stattdessen tut er, was sein Ex-Freund von ihm verlangt: Geld anschaffen durch Prostitution. Auch Dominik findet seine Kunden mit Hilfe des Internets. Das Spiel ist immer dasselbe: Zunächst wird im Chat geklärt, was der Kunde gerne machen möchte und was das kosten soll. Bei beidseitigem Einverständnis machen sie einen Treffpunkt ab, meist im Hotel oder beim Kunden zu Hause. Bei Dominik zu Hause geht es nicht, schließlich wohnt er bei seinen Eltern.

"Jedes Treffen gleicht für mich einer Vergewaltigung"

Doch was sind das für Männer, die deutlich Jüngeren Geld für Sex bieten? Die Kundschaft hat zwar verschiedene Motive, deckt aber vor allem eine Gruppe ab: Männer zwischen 40 und 65 Jahren. Männer, die einsam sind und Zuneigung wollen. Männer, die auf normalem Wege nicht mit gutaussehenden Jünglingen Sex haben können. Männer, die einfach dafür sorgen wollen, dass ihre "Jungs" sich ein wenig Geld dazuverdienen. Männer, die denken, sie täten ihnen damit auch noch etwas Gutes.

Den eigentlichen Akt beschreibt er als einen kurzen Prozess: "Man geht hin, spricht kurz und fängt dann sofort an. Danach wird man bezahlt und geht." Im Gegensatz zu Fabian hat Dominik wechselnde Kundschaft und geht anders damit um. Seinen Kunden kann er nichts abgewinnen; die ganze Sache ist eine Qual für ihn. "Ich habe jedes Mal Angst, dass ich nicht mehr nach Hause komme. Jedes Treffen gleicht für mich einer Vergewaltigung. Wenn ich wieder daheim bin, weine ich und dusche mich ganz lange." Er würde lieber in den Armen seines Freundes liegen, der ihn behüten und ihm Sicherheit geben würde. Aber so einen hat er nicht.

Für eine bessere Zukunft

So weiter zu machen wie bisher kommt für Dominik nicht in Frage. Er möchte nicht länger in diesem Teufelskreislauf leben und versucht, ihm zu entfliehen. Dafür hat er sich professionelle Hilfe gesucht, indem er sich an eine Beratungsstelle gewandt hat. Aus heutiger Sicht bereut er, dass es überhaupt so weit gekommen ist. Er kämpft jetzt dafür, diesen Lebensstil hinter sich zu lassen. Aber das ist nicht einfach. Und Dominik ist kein Einzelfall.


* Namen von der Redaktion geändert

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