Streit im Vatikan

Christian Brandl Von Christian Brandl

Das bereits vorab im Internet veröffentlichte Dokument des Vatikans zum Thema "Instruktionüber Kriterien zur Unterscheidung der Berufung (zum Priestertum) beiPersonen mit homosexuellen Neigungen in bezug auf ihre Zulassung zumSeminar und zu den heiligen Weihen" stößt auch in den eigenenReihen auf heftige Kritik. So äußerte sich der katholische Theologe undPhilosoph Eugen Drewermann gegenüber der Netzzeitung mit den Worten: "Esist sehr bedauerlich, dass der Vatikan in einer Welt vollerdramatischer Umbrüche sich gewissermaßen mit sich selbst beschäftigt,anstatt angesichts von 40 Millionen Aidskranken sein Verbot vomGebrauch von Kondomen zurückzunehmen oder angesichts von 50 MillionenVerhungernden seine Einstellung zu Geburtenkontrollen zu revidieren".

Drewermann kritisiert insbesondere auch, dass hiermit ein Problem derjüngsten Kirchengeschichte einer einzelnen Gruppe angelastet wird: "Alsinfam muss man empfinden, dass dieses Schreiben als Reaktion auf diezahlreichen Missbrauchsfälle in den USA, Kanada, Irland, Deutschland -wo eigentlich nicht? - deklariert wird", meint der Theologe. "Soals sei Homosexualität mit Pädophilie gleichzusetzen und als gäbe esnicht genauso Fälle heterosexuellen Missbrauchs Minderjähriger durchKleriker." Auch die Praxistauglichkeit des Erlasses sei nachseiner Meinung anzuzweifeln, da eine Kontrolle der gefordertendreijährigen Enthaltsamkeit für homosexuelle Kandidaten faktisch nichtmöglich sei. Aktuell werde die Zahl homosexueller Kandidaten in denPriesterseminaren vorsichtig auf 20 bis 50 Prozent geschätzt.

Anstatt sich mit solchen Themen zu beschäftigen, solle die Kirchelieber in die eigene Zukunft blicken und sich der modernen Gesellschaftstärker öffnen. In Hinblick darauf sei es "längst überfällig", dass derHeilige Stuhl seine Zölibatsforderung aufgebe und "ein ehrliches Feldsich entwickelnder Reife und Liebesfähigkeit" ermöglicht.

Auch der Jesuit und Psychotherapeut Hermann Kügler kritisiert das Dokument scharf: "DieseArt von Gesinnungsschnüffelei kann nicht klappen. Sollte esfunktionieren, müssten in manchen Jahrgängen bis zu 40 Prozent derKandidaten ausscheiden.", so der katholische Priester gegenüber dem Spiegel. Darüber hinaus sei es "einVorurteil zu sagen, alle Homosexuellen seien pädophil. Das ist falsch.Pädophile gibt es genauso unter Hetero- oder Bisexuellen. Es istdiskriminierend, wenn man homosexuell empfindenden Menschenunterstellt, sie seien verkappte Kinderschänder. Das ist völliger Unfug".


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Weitere Quellen: n24.de, Spiegel ONLINE