Studie: Acht von zehn queeren Jugendlichen erleben Diskriminierung

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Studie: Acht von zehn queeren Jugendlichen erleben Diskriminierung

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Obwohl in den vergangenen Jahren die Akzeptanz in Deutschland gegenüber sexueller und geschlechtlicher Vielfalt zugenommen hat, werden 80 Prozent der LGBTIQ*-Jugendlichen diskriminiert. Am häufigsten passiert das in der Öffentlichkeit, in Schule, Ausbildung und Beruf, aber auch in der Familie und im Freundeskreis.

„Was will die Schwuchtel eigentlich?“, ist ein Satz, den Jonas* häufig hört. Der 16-Jährige geht in die 10. Klasse einer Realschule in der Nähe von Wiesbaden. In der Schule muss er regelmäßig solche Beleidigungen über sich ergehen lassen. In der Umkleidekabine kommen blöde Sprüche, auf dem Gang ruft ihm jemand „Schwuchtel“ hinterher. Der Schüler ist selbstbewusst, er macht sich nicht viel daraus. „Aber natürlich wäre es schöner, das nicht ständig zu hören.“

Damit ist Jonas nicht alleine: Fast die Hälfte der Jugendlichen wird in der Schule oder am Arbeitsplatz diskriminiert. Dort sind sie teils Spott, Beleidigungen und Beschimpfungen ausgesetzt, teils werden sie sozial ausgegrenzt oder sogar körperlich attackiert.

Freunde sind besonders wichtig

Das haben die Wissenschaftlerinnen Claudia Krell und Kerstin Oldemeier vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) herausgefunden. Sie haben bundesweit 5000 LGBTIQ*-Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 27 online befragt sowie 40 persönliche Interviews geführt. Die Ergebnisse ihrer vom Familienministerium geförderten Studie fassen sie im Buch "Coming-out – und dann…?!" zusammen.

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In der Familie ist ein häufiges Problem, dass die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Zugehörigkeit nicht ernst genommen, ignoriert oder nicht mitgedacht wird. Der Freundeskreis ist zwar wichtig, doch auch hier kommt es zu Diskriminierungen. Einige Jugendliche schaffen es, solche negativen Erfahrungen konstruktiv zu verarbeiten. Dabei ist der Rückhalt durch Freunde wichtig. Das hat auch Jonas erlebt: „Meine Freunde stehen hinter mir. Ohne sie wäre es viel schwieriger.“

Fast immer positive Reaktionen aufs erste Coming-out

Auch das Internet spielt eine große Rolle, um sich auszutauschen, zu vernetzen und zu informieren. Eine Strategie vieler queerer Jugendlichen, um Diskriminierung zu entgehen, ist den Autorinnen zufolge, dass sie verzichten: Überdurchschnittlich viele nehmen zum Beispiel nicht am Vereinssport teil. Wenn sie doch in einem Verein aktiv sind, vermeiden sie es dort häufig, sich zu outen – genau wie in religiösen Gruppen oder sozialen Netzwerken.

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Zwei Drittel der Jugendlichen vertrauen sich zuerst einer Person aus dem Freundeskreis an. Innerhalb der Familie spielen Mütter die wichtigste Rolle. An sie wenden sich 12 Prozent der Jugendlichen beim ersten Coming-out. Bis es soweit ist, vergehen meist mehrere Jahre. Aus Angst vor möglicher Ablehnung versuchen Jugendliche längere Zeit, ihr Empfinden zu unterdrücken, und ziehen sich sozial zurück. Dies kann mitunter zu psychischen Erkrankungen wie etwa Depressionen führen. Obwohl es insgesamt häufig zu Diskriminierungen kommt, wird die Reaktion auf das erste Coming-out fast durchgehend als sehr gut oder eher gut bewertet.

*Name geändert

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