Teil des Ganzen?

Redaktion Von Redaktion

Roseanne Barr während eines Interviews: "Niemals in meinen 54 Jahren habe ich einen Schwulen oder eine Lesbe aus der Community getroffen, die sich jemals zu irgendetwas anderem geäußert haben als zu sich selbst."

Roseanne Barr, der bekannte US-Comedystar, gilt nicht gerade als zurückhaltend. Im April während eines Interviews eines amerikanischen Radiosenders erlaubte sie sich einen Fauxpas: "Niemals in meinen 54 Jahren habe ich einen Schwulen oder eine Lesbe aus der Community getroffen, die sich jemals zu irgendetwas anderem geäußert haben als zu sich selbst." Schwule und Lesben reagierten entsetzt. Kurz nach der Ausstrahlung distanzierte sich Roseanne wieder von ihren Äußerungen: "Ich bin nur eine große Idiotin, die manchmal eine zu große Klappe hat"" Was bleibt, ist ein unangenehmer Nachgeschmack.

Mit dem sonnigen Wetter nähert sich auch die Christopher-Street-Day-Saison mit großen Schritten,  die schwul-lesbische Demonstration mit Volksfest-Charakter. Bei so manchem Paradiesvogel in den schrillsten Farben stellt man sich die Frage, ob hier nicht jemand die Veranstaltung zum reinen Selbstzweck nutzt - um von den Fernsehkameras eingefangen zu werden. Der erste CSD entsprang aus einer wirklich ernsten Begebenheit. Am 28. Juni 1969 fand in der New Yorker Christopher Street eine Razzia der Polizei statt, tagelange Straßenkämpfe hielten die Stadt anschließend in Atem. Einziges Vergehen der Gäste: "Anstößiges Verhalten", von den Gesetzeshütern nicht näher erläutert und seinerzeit ein Straftatsbestand. Den Aufstand gegen die ungerechten und willkürlichen Festnahmen der letzten Tage organisierten die Verfolgten dann in einer Bar namens Stonewall. Von einem griffigen Motto und gutgemeinten politischen Stellungnahmen war hier noch nichts in Sicht.

Schaut sich der wohlwollende Heterosexuelle heute eine Berichterstattung vom CSD an, so werden ihm erstmal schlagkräftige Argumente geliefert, die Farbe am Bildschirm etwas herunterzuregeln. Auf den zweiten Blick fallen ihm im Glücksfall Wagen und Fußgruppen auf, die ihre Intuition mit Bannern kundtun. Allerdings wiederum nur bei entsprechendem Interesse der Medien. Feiern die Menschen dort in der Glotze eigentlich nur für sich?

Der erste Gedanke: Die hedonistische Ader

Manchmal liegt die Vermutung nahe, dass Schwule allein durch ihr soziales Netz dazu "verdammt" sind, sich stets spezifisch zur Community zur äußern. Das Verständnis der eigenen Familie zur eigenen - mehr oder weniger essentiellen - Sexualität könnte darauf hindeuten. Im Klartext: Man ist doch schon sehr geneigt, sich für sich und seine eigene Umgebung einzusetzen, um nicht zum (latenten) Verräter zu werden. Immerhin gehört man doch zusammen.

Neue Möglichkeiten der Annährung an die Bürgerlichkeit (man denke nur an die eingetragene Partnerschaft) gehen auch heute noch oftmals an den Lebensentwürfen vieler Schwuler vorbei. Der Wunsch nach dieser Konformität (dem Traum der Eltern?) ist bei Schwulen nicht oder kaum vorhanden ist doch bisher selbst die Monogamie schwer umstritten.

Der zweite Gedanke: Die CSDs marschieren auf die Mehrheitsgesellschaft zu

Ein Beispiel: Der CSD Stuttgart sieht Homosexuelle in seinem diesjährigen Motto als "Teil des Ganzen". Politisch brisante Themen wie Homo-Ehe und Kinderadoption spielten hier in der Vergangenheit eine Rolle. Die Teilnehmer werden zur Auseinandersetzung mit diesem Thema aufgefordert. Man schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: mediale Aufmerksamkeit einerseits und ein Appell, sich mit der heterosexuellen Domäne "Familie" auseinanderzusetzen, andererseits.

Schwule sind generell weder politisch uninteressiert noch auf sich selbst versteift, orientieren sie sich eben oft lediglich an einem politischen Leitbild, das ihre Sozialstruktur ins Auge fasst. Sicherlich, die CSDs erleichtern den Dialog mit der "bürgerlichen" Welt in den Augen vieler nur suboptimal. Serien wie "Queer as Folk" oder auch "The L-Word" bringen "queeres Leben" auf die Mattscheibe. Deutlich wird: Der Zuschauer ist eingeladen, am Leben in der Szene teilzunehmen - ein Kontrast zur Paradiesvogel-Parade durch die Straßen, die wohl manches Plappermaul in den falschen Hals bekam..


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Weitere Quellen: Bilder: starpulse.com, dbna.de