Toleranz für schwule Touristen

Redaktion Von Redaktion
Toleranz für schwule Touristen
Andres Putting (EBU)

Schwule Touristen im muslimisch geprägten Aserbaidschan zum EuroVision Song-Contest seien herzlich willkommen. Das vermitteln zumindest die Offiziellen des Landes nach außen. Doch ein kritischer Blick hinter die Kulissen offenbart ein ganz anderes Bild.

Schwule Fans des EuroVisionSong-Contest (ESC) in einem islamischen Land? Könnte das ein Problemsein? Diese Frage stellt sich in Bezug auf den Gastgeber des ESC2012: Aserbaidschan. Muslimisch geprägt grenzt das Land, daszwischen Kaukasus und Kaspischen Meer liegt, auch an den extremschwulenfeindlichen Iran.

Das Auswärtige Amt begreift dieUmstände auf jeden Fall als problematisch, auch wenn die warnendeStimme inzwischen leiser ertönt als noch vor einigen Monaten:"Homosexualität wird gesellschaftlich nicht akzeptiert und ist mitTabus belegt, aber nicht ausdrücklich strafbar. Intimer Umgang inder Öffentlichkeit wird leicht als Provokation missverstanden undkann Gegenreaktionen hervorrufen bis hin zur Abmahnung durch diePolizei", heißt es inzwischen auf der Internetseite desAmtes.

Polizeiliche Übergriffe in der Vergangenheit

Unddie Bundesregierung erklärte offiziell auf eine Kleine Anfrage desParlamentariers Volker Beck (Grüne):  "In Aserbaidschan ist  Homosexualität kein Straftatbestand. Zugleich ist die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexuellen äußerst niedrig.  Es kam in der Vergangenheit gelegentlich zu polizeilichenÜbergriffen auf Homosexuelle. In den letzten Jahren sind allerdings keine Fälle dieser Art mehr bekannt  geworden. Nichtregierungsorganisationen, die sich für LGBT-Rechte einsetzen, gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung in Aserbaidschan nicht. Es gibt nach Kenntnis der Bundesregierung keine Bestrebungen der Regierung, die Situation dieser Personengruppen zu verbessern."

DieRegierung Aserbaidschans, das Veranstaltungsland des ESC 2012,wiegelt bezüglich einer potentiellen Gefährdung homosexueller Gästedes Landes ab. "Wir schwören, wir werden nicht prüfen, wer welcheOrientierung hat. Wer kommt, der kommt. Und wir würden sogar eineSchwulenparade tolerieren. Wir denken aber, Europa wird zum SongContest vor allem echte Männer schicken", so Ali Hasanow,hochrangiger Mitarbeiter der Präsidialverwaltung.

"Keinschwulenfeindliches Land"

Anders als von der Bundesregierungbekundet, gibt es in Aserbaidschan doch eine Organisation, die sichfür die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuelleneinsetzt: Gender & Development (zu Deutsch: Bündnis fürGeschlechterentwicklung) und das seit 2006 bereits. AIDS-Aufklärung,Verteilung kostenloser Kondome sowie die Vermittlung von Anwälten,Ärzten und Psychologen sind die (beschränkten) Tätigkeiten.Geleitet wird das Bündnis von Kamram Razayew (39), der sogar offenschwul lebt. "Alle wollen wissen, wie gefährlich es hier fürSchwule ist", erklärt er gegenüber dem Stern. "Denen erkläreich dann, dass wir nicht der Iran sind. Wir sind keinschwulenfeindliches Land."

Ähnlich klingt auch wieder dieoffizielle Seite: Glauben, Hautfarbe, Position oder Orientierung derKünstler oder der Besucher seien egal. Toleranz habe inAserbaidschan schließlich Tradition, erklärte Samad Seyidov,Vorsitzende des aserbaidschanischen Komitees für InternationaleBeziehungen, der mit der ARD-Hörfunkkorrespondentin in Moskau,Christina Nagel, sprach.
Doch das sehen andere Schwule ausAserbaidschan ganz anders. Sie stoßen ständig aufSchwulenfeindlichkeit, denn für Staatsbürger gilt offensichtlichetwas anders als für Gäste des Landes.

CC BY-SA 3.0 - Rei-artur
Geografische Lage von Aserbaidschan

Geografische Lage von Aserbaidschan

"Homosexualitätwird nicht toleriert"

Geoutet seien die wenigsten,Homosexualität sei ein Tabu-Thema: "Die Gesellschaft spricht nichtüber Homosexualität. Sie respektiert uns nicht als Individuen,sondern beleidigt uns", so der Orkhan (19) aus Baku, der Hauptstadtdes Landes, wo der ESC stattfinden wird, gegenüber ZEIT ONLINE. Fürdas Interview wählte er aus Sicherheitsgründen ein Pseudonym. Zwarsei Homosexualität gesetzlich seit 2000 legal, nachdem dasentsprechende Gesetz abgeschafft wurde, "aber toleriert wird sienicht. Das Gesetz wurde von denen abgeschafft, die an der Machtwaren. Wenn die Bevölkerung gefragt worden wäre, hätte sie gegendie Abschaffung des Gesetzes gestimmt", ist Orkhan überzeugt.

DieGründe für diese Haltung liegen für ihn auf der Hand: "Religion,Tradition, Konservatismus. Die Religion die meistenAserbaidschaner sind Schiiten ist einer der Hauptgründe. Einanderer Grund ist Nationalismus. Es wird gesagt, Homosexualität seifür unsere Nation nicht natürlich." Auch körperliche Gewaltgegen Homosexuelle ist fester Bestandteil diese Intoleranz.

Erselbst sieht das Zentrum Bakus als im Verhältnis liberaler als dasUmland, denn: "Schon die Vorstädte von Baku sind viel religiöserund viel konservativer und in den Kleinstädten ist die Intoleranznoch größer." Doch eine Szene oder Lokale, in denen sich Schwuletreffen können, gibt es auch im Zentrum nicht.

Schwuler =Stricher

Orkhan befürchtet, dass die Stimmung inAserbaidschan noch schlimmer werden könnte, sollte sein Land dasPropaganda-Gesetz (dbna berichtete) aus Russland übernehmen. Das seischon diskutiert worden. Und eine angedachte Gay-Pride-Parade hätteschon für ein schlimmeres Klima gesorgt. Man wisse nichts überSchwule und Lesben in Aserbaidschans Gesellschaft: "Sie denkt, wirseien Prostituierte", so der 19-jährige.

Bezüglich derToleranz gegenüber schwulen Touristen zum ESC schließt sich Orkhanaber der Regierungsmeinung an: "Als Touristen werden von denEinheimischen toleriert werden, zumindest im Zentrum von Baku." VonKüssen rät aber deutlich ab. Zudem sieht er keinerlei Potential füreinen Wandel auch wenn er sich von Herzen ein Ende derDiskriminierung wünscht sein wohl größter Wunsch.

DasSchwulen-Magazin hinnerk aus Hamburg hat sogar fünf Schwule ausAserbaidschan befragt. Dabei fielen die Antworten sogar nochdeutlicher aus, was Aserbaidschans gesellschaftliches Klima in Bezugauf Homosexuelle angeht. Vier von ihnen Fuad (22), Vugar (27),Timur (33), Kamran (34) verwendeten wie Orkhan nicht ihre echtenNamen. Nur der Fünfte, der 24-jährige Tural, verlangte keineAnonymisierung.

"Nur wenig besser als der Iran"

Aufdie Frage, ob man irgendwie offen schwul leben könnte, antwortetevor allem Fuad deutlich: "Machst du Witze? Aserbaidschan und einoffen schwules Leben das schließt sich aus. Die Polizei stürmtOrte, an denen sich Schwule und Lesben treffen und erpresst dannSchweigegeld. Anderenfalls werden Eltern und Familie informiert. Fürdie Gesellschaft sind Schwule und Lesben schlimmer als Mörder oderVerrückte, und der Staat befördert diese Stimmung auch noch. Vieledenken an Selbstmord oder daran, aus dem Land zu fliehen.Aserbaidschan ist nur wenig besser als der Iran, was die Lage vonSchwulen und Lesben betrifft."

Ähnlich sieht es Timur, derbekundet: "Gerade mal zwei, drei Sänger und Entertainer können soetwas wie offen schwul genannt werden. Vielleicht haben andere Leuteihren Freunden und Verwandten gesagt, dass sie schwul oder lesbischsind. Zum Beispiel habe ich das getan. Aber auch nach so einemComing-out kannst du nicht offen leben." Einzig Vugar sieht esanders: "Ich finde, die Atmosphäre hier in Baku ist sehr gut. Hiergibts eine Menge Schwule. Nur lebt jeder sein schwules Leben imVerborgenen. Viele finden ihren Sex-Partner oder Freund im Internet,das ist sehr leicht."

Keine Szene in Baku

Im gesamtenInterview kritisiert Fuad sein Land am stärksten. Er ist mit derLage höchst unzufrieden, aber auch die anderen bekunden, dass auch wenn die Lage seit dem Ende des Kommunismus besser geworden sei es keinerlei Szene gebe. Alles würde im Privaten vollkommengeheim ablaufen. Auch "Gender & Development" scheint denInterviewten kein Begriff zu sein. Zumindest sind sie überzeugt,dass es keine Organisation gebe, die sich für ihre Belange alsSchwule einsetze.

Zu tun gibt es in Aserbaidschan eine ganzeMenge. Dass der ESC eine großartige Veränderung für Orkhan, Vugar,Fuad, Timur, Kamran, Tural und die ungezählten namenlosen anderenSchwulen und Lesben zwischen Kaspischen Meer und Kaukasus bringenwird, das darf wohl unter diesen Umständen getrost bezweifeltwerden. ESC-Fans selbst können sich aber wohl beruhigt einige Tage unter Zurückhaltung aufhalten, denn was für die Einheimischengilt, gilt nicht für die Geldbringer aus dem Ausland...

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Weitere Quellen: stern.de, focus.de, deutschewelle.de, zeit.de, hinnerk.de