Trennungsschmerz

Redaktion Von Redaktion

Warum in die Ferne schweifen, liegt das Gute doch so nah? Eine berechtigte Frage. Aber manchmal liegt das Gute eben nicht nah genug. In meinem Fall trennen das Gute und mich etwa 600 Kilometer. Und dieses Gute, das ich meine, ist mein Freund.

Warum in die Ferne schweifen, liegt das Gute doch so nah? Eine berechtigte Frage. Aber manchmal liegt das Gute eben nicht nah genug. In meinem Fall trennen das Gute und mich etwa 600 Kilometer. Und dieses Gute, das ich meine, ist mein Freund. Ich führe eine Fernbeziehung. Kann so etwas gut gehen? Ist da nicht ein nahes Ende vorherbestimmt? Denken wir doch einmal zusammen über die Sorgen und Nöte, über Vor- und Nachteile einer solchen Beziehung nach. Ab wann ist eine Beziehung eigentlich eine Fernbeziehung? Ab einer Stunde Reisezeit? Ab 100 Kilometern? Wenn man sich nur am Wochenende sehen kann? Etwa fünf Stunden Autofahrt, 600 Kilometer, Treffen zurzeit etwa alle vier bis fünf Wochen für dreieinhalb Tage - so sieht das im Moment für meinen Freund und mich aus.

Nehmen wir uns einmal eine standardisierte Version heraus: Peter & Paul sehen sich jede Woche von Freitag abends bis Sonntag abends. Die Zeit dazwischen ist nicht immer leicht. Wenn Peter einmal einen schlechten Tag hatte, ist abends niemand da, an den er sich ankuscheln kann. Die beiden telefonieren fast jeden Tag, aber ein tauglicher Ersatz für eine Umarmung oder einen Kuss ist das beim besten Willen nicht. Spontaneität gibt es in der Beziehung kaum. Alles muss zumindest immer bis zum nächsten Freitag warten. Wenn Paul wieder da ist. Die beiden besuchen sich abwechselnd, Peter fährt mit dem Auto, Paul in Ermangelung eines Führerscheins mit der Bahn. Das geht auf Dauer ganz schön ins Geld. Und zeitraubend ist es ohnehin. Wenn Peter freitags am Bahnhof steht, der Zug fährt ein und Paul aus dem Zug steigt, dann ist die Freude groß. Beide laufen mit strahlenden Augen aufeinander zu, das Gepäck landet achtlos auf dem Bahnsteig - und dann wird geknuddelt, umarmt, geküsst. Ungeachtet der Leute um sie herum. Eine anstrengende Woche liegt hinter den beiden, aber das ist für den Moment vergessen. Das Zusammensein bildet den Höhepunkt und den krönenden Abschluss einer jeden Woche. Eine solche Begrüßung gäbe es wohl nicht, wenn sich die zwei Turteltäubchen annähernd jeden Tag in den Armen lägen.

Halten wir also fest: Auch wenn die Wartezeit manchmal echt hart ist, die Vorfreude auf das Wochenende und die Zufriedenheit, wenn sie dann wieder vereint sind, machen das wieder wett. Vielleicht weiß man die Zeit einfach mehr zu schätzen, wenn man nur einen kleinen Teil der Woche Seite an Seite verbringen kann. Es dauert meiner Meinung nach länger, bis so etwas wie Routine in die Beziehung Einzug hält. Ein großes Problem, das mich auch selbst betrifft, habe ich bisher allerdings noch nicht angesprochen. Wenn der Geliebte viele tausend Meter entfernt sein Zuhause hat, braucht man viel Vertrauen. Es gehört Kraft dazu, in jedem Moment an der komplizierten Beziehung festzuhalten. Ich würde sagen, dass die Gefahr eines Seitensprunges zunimmt, je seltener man sich sieht.

Wir haben Vorteile entdeckt, wir haben Nachteile entdeckt. Wer was wie gewichtet, das muss jeder von euch selbst entscheiden. Und welche Seite dann überwiegt, das will ich auch nicht bestimmen. Aber all diese Theorie ist grau, denn kaum jemand geht aus Vernunftgründen eine Fernbeziehung ein. Man lernt sich kennen, man verliebt sich - und das unabhängig von der Distanz. Internet machts möglich, auch Kontakt zu Leuten aufzunehmen, die sehr weit entfernt wohnen. Und wenn man sich dann richtig kennen lernt und wenn der Funke überspringt, dann kann man nun einmal nichts machen. Oder was, wenn eine "normale" Beziehung plötzlich durch Studium oder Beruf auseinander gerissen wird? Eine Fernbeziehung hat ihre Stärken und ihre Schwächen, ganz klar. Aber wenn die Liebe nur groß genug ist, dann kann auch eine Fern- oder Wochenendbeziehung das Schönste im Leben sein. Bei meinem Freund und mir hält es übrigens jetzt seit etwas mehr als acht Monaten. Und es ist kein Ende in Sicht. Nichts liegt uns ferner.

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