Typisch Schwul?

Redaktion Von Redaktion

Da es so schön bequem ist, unterteilt sich die Welt in Schubladen. Auf einer kleinen rosa Plüschschublade in einer stilvollen Chippendale- kommode steht dann auch irgendwo das kleine Wörtchen "schwul". Und fast ausnahmslos jeder Mensch wirft da einen Riesenhaufen an Zeug rein, was da nicht reingehört – selbst die Schwulen selber…

Und immer wieder: Nein!

Na, eigentlich hat das Thema wirklich einen ellenlangen Bart. Wir alle wissen, was man sich da draußen in der Welt für Stuss über Homosexuelle erzählt, der, weil immer pauschal und allgemein gehalten, der größte Blödsinn ist. Wir seien alle tuntig, notgeil, ABBA-Fans oder  gleich Päderasten. Kennt man einen von uns, kennt man alle - mit diesen Vorurteilen müssen ziemlich viele Randgruppen leben. Es scheint einfach in der Natur vieler Menschen zu liegen, allen anders Denkenden und Fühlenden zuallererst immer mit Misstrauen und Feindseligkeit zu begegnen. Und gleichzeitig nie wirklich großes Interesse daran zu haben, dies zu ändern, um die eigenen Einstellungen zu überprüfen, wenn man nicht gerade mit der Nase drauf gestoßen wird (etwa wenn der beste Freund sich outet). Auf diese Weise kommen eine Menge Sachen in Umlauf, die einfach nicht stimmen, das wissen wir, aber da hört es leider nicht auf.

 

Und wir schreien: Ja!
 
Denn wir gehen nach demselben Schema vor, nur eben umgekehrt. Fast aus Trotz, so scheint es, wird jede positive Eigenschaft, die wir an uns selbst oder an dem besten schwulen Kumpel entdecken, großzügig und pauschal auf alle anderen Schwulen übertragen. So kommt es, dass wir die besten Zuhörer sind, die besten Kumpels für Mädchen, immer offen über Sex reden können, immer lustig und gut gelaunt sind und uns am geschmackvollsten anziehen. Und man könnte heulen deswegen, denn sich selbst zu loben und zu beweihräuchern und sich über alle anderen zu stellen, ist im Prinzip genau so erbärmlich wie eine andere Gruppe runter zu machen. Damit sind wir nicht besser als alle anderen, die abfällig kichernd mit dem Finger auf uns zeigen - was die meisten in ihrer Selbstgefälligkeit nicht stört. Ganz anders dann, wenn jemand es wagen sollte, etwas von ihren exklusiven Schmeichelprädikaten in Zweifel zu ziehen.

 

Und uns gefällt es

Denn wir sind schließlich stolz darauf schwul zu sein. Stolz darauf anders zu sein. Der reine Umstand auf Schwänze zu stehen ist gleichfalls zu einer Art Auszeichnung geworden, einer "besonderen Sache" Etwas was einen von den übrigen Masse unterscheidet. Eine Art "exklusiver Klub", in den die anderen Hetenversager niemals reingelassen werden können - so sehr sie sich auch anstrengen. Da wir das Unmögliche geschafft haben, müssen wir ja quasi Übermenschen sein. Aber auch mit diesem Hochmut schaffen wir es immer noch weiter, eine Art groteske Opferrolle unserer selbst aufrechtzuerhalten. Natürlich, wir sind anders, wir unterscheiden uns von allen, werden gehasst und verachtet, obwohl wir doch immer solche engelsgleichen Lichtgestalten sind. Ob sie wohl neidisch, auf unseren angeborenen guten Charakter sind? Ja, das wird es wohl sein.

Und alle schreien: Was?
 
Und jetzt mal ehrlich: Schwul ist eben bloß schwul. Nicht mehr und nicht weniger. Und es wird Zeit, dass wir uns - Homos wie Heteros - damit abfinden. Schwul sein heißt auf Kerle zu stehen - und nichts anderes. Allgemeingültige Aussagen ziehen zu wollen, ist zwar ungemein bequem und die Welt wäre sicher unheimlich toll, wenn so was klappen könnte, aber so funktioniert das eben nicht. Wir wissen, dass wir keine promiskuitiven Perversen sind. Aber uns sollte auch klar sein, dass wir keine verständnisvollen Sexualtherapeuten sind, nur weil wir zufällig schwul auf die Welt gekommen sind. Und erst Recht sollten wir auf so was nicht auch noch stolz sein. Den Stolz sollten wir uns für die wirklich guten Dinge aufheben, wie unsere fortschreitende Emanzipation, den Kampf für mehr Toleranz und das Aufstehen gegen Diskriminierung.

Wir sind in der Tat nur Teil einer sehr weitläufigen Randgruppe. Uns verbindet wirklich nur die sexuelle Orientierung, darüber hinaus gibt es in unseren Reihen so gut wie jede Persönlichkeit: Fröhliche und depressive, verklemmte und offene, Politiker und Kanalarbeiter, Heilige, Heuchler und Sadisten, Schokoladenhasser und Teetrinker. Es gibt absolut keinen Grund zu glauben, wir seien dennoch bessere Menschen als andere oder etwas Besonderes. Auf der Welt gibt es größere Dinge, als unsere sexuelle Orientierung.
Wir müssen nur mal die Augen aufmachen und hinschauen.


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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com