Typische Beziehungsgespräche

Redaktion Von Redaktion
Typische Beziehungsgespräche
privat

Viele Beziehungen scheitern daran, dass wir nicht sagen, was wir denken. Oliver Spinedi weiß genau das, und macht uns Mut, endlich wieder miteinander zu reden.

Sonntagnachmittag 14:17 Uhr. Ein toller Tag. Ich sitze mit einem wirklich guten Freund in einem Zweier-Liegestuhl und genieße den Sommer. Ein toller Tag, wirklich, nur mein Freund macht ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter und redet. Über sich. Darüber, was in ihm vorgeht und warum er sich so scheiße fühlt. Darüber, was ihn bewegt, was ihn verletzt, was ihn glücklich macht und wovor er Angst hat.

Angefangen hat es damit, dass er sich von seinem Freund getrennt hat. Besser gesagt, eigentlich hat sich sein Freund von ihm getrennt, weil der keinen Bock mehr auf  "Nasepopelgespräche" hatte. Die beiden hatten ein "Beziehungsgespräch" man stelle sich zu dem Ausdruck ein finsteres bedeutungsvolles Gesicht vor!).

Eines jener typischen Gespräche, in denen man mal nicht über Alltag spricht, über das, was so in der letzten Woche passiert ist oder wie viele neue Farmvilletiere man sich gekauft hat, sondern darüber, wie es einem so geht, was man gerade so denkt und fühlt, und was man über die Beziehung und den Partner denkt. Problem: Er ist mittendrin geflohen. Warum? Weil es eben schwierig sein kann, sich mit sich selber und seinem Partner auseinanderzusetzen.

dbna

Irgendwie bin ich genervt. Ich denke an die vielen bekloppten Beziehungsprobleme, die mir selbst und in meinem Umfeld begegnen, einfach nur weil Dinge nicht offen und ehrlich ausgesprochen werden, aus Angst, den anderen zu verletzen, aus Angst, den anderen zu verlieren, letztlich aber doch aus der Angst, sich selber angreifbar zu machen, Schwächen zeigen zu müssen und zu den Beklopptheiten stehen zu müssen, die man eben so macht.

Okay, miteinander reden ist nicht jedermanns Sache, das habe ich inzwischen verstanden und ich weiß inzwischen auch, dass nicht jeder so aufgewachsen ist wie ich, in einer vertrauensvollen Mutter-Sohn-Beziehung, in der wir zumindest immer die Möglichkeit gehabt hätten, unser Herz auszuschütten, wenn nötig.

Ich bin mit Sicherheit auch der Letzte, der will, dass man Probleme wieder und wieder durchkaut und totdiskutiert. Irgendwann ist auch mal gut. Aber eben auch nur, wenn alle Beteiligten sich davon losmachen können und das geht meiner Meinung nach eben nur, wenn man offen und ehrlich sagt (und sagen kann), was man denkt und fühlt.

Auch sonst, denke ich, wäre doch so vieles einfacher, wenn die Leute einfach mal den Arsch in der Hose hätten, unangenehme Dinge direkt auszusprechen.

dbna

Ich erinnere mich an einen Chef, den ich mal hatte, der immer mit Allen über Alle gesprochen hat, aber einfach nie mit denen, um die es eigentlich ging. Schlechte Nachrichten? Kritik? Uh oh, ganz heikles Thema. Da ist es doch viel praktischer und bequemer, die über drei Ecken zu verbreiten.

Die werden schon den richtigen Empfänger finden. Nur leider gefiltert, verfälscht mit persönlichen Noten und dem bitteren Beigeschmack, dass da jemand einem nicht vertraut. Warum spricht der Typ sonst nicht mit mir direkt? Ich habs erst später verstanden, als ich dann in einer ähnlichen Situation war und mich lange vor einer offenen Aussprache gedrückt habe. Nur irgendwann hat mich diese Kopf-in-den-Sand-Taktik echt genervt und ich habe gemerkt, dass es mir von Tag zu Tag beschissener damit ging. In diesem Sinne raus damit.

Was auch immer es ist. Vielleicht nicht einfach unüberlegt drauf los, aber auf jeden Fall zeitnah und offen.

Sagt sich leicht und funktioniert auch bei mir nicht immer, aber trotzdem. Denn Kommunikation ist wichtig. Kriegen wir ja auch an jeder Ecke gerade vermittelt. Wir twittern, sind bei Facebook, IrgendwasVZ und auch sonst digital bestens miteinander vernetzt. Wir sind bestens darüber informiert, was der andere gerade so macht, was es zu Mittag gibt, dass der Mäusekäfig schon geputzt ist oder wo jemand den letzten Abend verbracht hat. Definitiv großartig, informativ, kommunikativ und unterhaltsam.

Aber wie es den anderen geht, wissen wir nicht und/oder wollen wir bequemerweise auch nicht immer wissen. Ich will soziale Netzwerke im Internet gar nicht verteufeln. Im Gegenteil, ich finde die großartig und kann mich damit auch stundenlang beschäftigen.

Aber manchmal frage ich mich, ob es nicht noch viel besser gewesen wäre, sich zu treffen und im echten Leben auszutauschen oder einfach nur gemütlich ein Bier miteinander an einem Sonntagnachmittag zu trinken.

dbna

Apropos. Sonntagnachmittag 14:40 Uhr. Ein toller Tag. Ich sitze mit einem wirklich guten Freund in einem Zweier-Liegestuhl und genieße den Sommer. Ein toller Tag, wirklich, nur mein Freund macht ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter und redet. Über sich. Mit mir. Ich fühle mich plötzlich total müde.

Das "Nasepopelgespräch" führen jetzt wir und mein Freund fängt nach und nach an, gedanklich um seinen Ex und die Beziehung zu kämpfen. In diesem Gespräch erfahre ich alles, alles, was eigentlich für die Ohren von jemand anderem bestimmt ist, alles, was so viel (er-)klären könnte, alles, worum es seinem Ex eigentlich ging. Ich beschließe, für solche Fälle in Zukunft immer ein Diktiergerät dabei zu haben, dann könnte ich einfach eine Sprachdatei aufzeichnen und weiterleiten und vielleicht würde das dann Beziehungen retten.

Vielleicht sollte ich mich selbständig machen und das als Dienstleistung anbieten. Ich fürchte nur, dass das eigentliche Problem leider ungelöst bleibt. In der Zwischenzeit habe ich heimlich eine SMS an seinen Ex geschrieben und ihn zu uns bestellt. Er hat getextet, dass er kommt und dann werden die Beiden reden miteinander hoffentlich.

Dieser Artikel erscheint in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift
 "out!" des lesbisch-schwulen Jugendnetzwerks Lambda.

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Weitere Quellen: out!, privat, dbna