Verleugnet

Redaktion Von Redaktion

Mir schlackern die Ohren bei dem was ich gerade höre: Kann sich jemandvorstellen, über ein halbes Jahr lang mit insgesamt drei Typen betrogenzu werden, davon zu wissen, und trotzdem weiter mit seinem Freund sogarin der gemeinsamen Wohnung zu leben?

Mir schlackern die Ohren bei dem was ich gerade höre: Kann sich jemandvorstellen, über ein halbes Jahr lang mit insgesamt drei Typen betrogenzu werden, davon zu wissen, und trotzdem weiter mit seinem Freund sogarin der gemeinsamen Wohnung zu leben? Ich jedenfalls nicht.

Ein böser Zufall
Es ist ein herrlicher Sonnentag im Mai, und ich sitze mit Carsten ineinem gemütlichen Café in Dortmund. Er ist vor zwei Jahren umgezogen inden Norden, um dort mit seinem Freund zusammenzuleben. Wenige Zeitspäter waren sich die beiden sicher: "Wir wollen heiraten!" Das hatmich sehr gefreut für ihn, denn Carsten ist der Mensch, dem ich meinComing Out mitzuverdanken habe. Und obwohl heute die Sonne scheint,muss es ihm gehen wie in einer Schlechtwetterperiode. Sein Freund istseit einem halben Jahr nämlich auf Pfaden, die mich schlicht sprachlosmachen: Im Juni letzten Jahres begann er eine Liasion mit einemTeenager, erzählte diesem, er sei Solo und Carsten sein Exfreund undNoch-Mitbewohner. Carsten wusste davon natürlich nichts! Bis "der Neue"eines Tages durch einen dummen Zufall meinte, Carsten solle nichteifersüchtig sein, wenn er etwas mit seinem Freund unternehme

Intrigen hoch drei
Darauf angesprochen, reagiert Carstens Freund sehr eigenartig: Ergelobte Besserung, es habe eh nie Sex zwischen den beiden gegeben, aberer habe mal die Abwechslung und den Reiz gebraucht. Und er führte dieangebliche Beziehung mit seinem Lover einfach weiter! Als Carstenschließlich endgültig der Kragen zu platzen schien, ging aber dieseAffaire schließlich doch in die Brüche. Bis Carsten dann an Weihnachtenentdeckte, dass sein Freund seitdem noch zwei weitere Eisen im Feuerhat! Damit sind es schon drei Typen, die glauben, mit Carstens Freundund Verlobten zusammen zu sein. Die wissen zwar voneinander nichts,aber Carsten hat es alles irgendwie und Stückchen für Stückchenrausgefunden!

Treue, Wahrheit und Medien
Worin das Problem lag: Carstens Freund fühlte sich nicht mehrbewundert, beachtet, begehrt. Das ist natürlich absoluter Unsinn, aberüber die lange Zeit schien ihm die Liebe seines Freundes nicht mehrgenug. Und weil man über das Internet doch recht schnell neue Bekanntemacht, nutzte er ausgiebig Chats und Date-Portale. Interessant ist,dass er nie Sex mit den Nebenbuhlern hatte. Und doch war es im Grundenoch schlimmer, was er getan hat: Er hat seine Beziehung zu Carstenverleugnet und seinen Lovern vorgegaukelt, sie seien die jeweiligePerson, die er lieben würde. In einem der Fälle war es wohl auchernsthafter mit den Gefühlen. Kann es einen schlimmeren Treueverratgeben? Jetzt aber sei natürlich alles anders, wo sich die beidenausgesprochen hätten. Von wegen Aussprache: Carsten konnte ja kaum mehranders als jedes Mal wieder das symbolträchtige Messer auf seine Brustzu setzen und ein Gespräch zu erzwingen.

Die Moral von der Geschichte
Wie traurig es doch zu sehen ist, was sich manchmal abspielt zwischenzwei Menschen. Treue, die man doch so schnell erstmal auf Sex undSeitensprünge reduzieren möchte, erscheint hier in einem ganz anderenLicht. Carsten ist körperlich nicht betrogen worden. Aber er wurdeverleugnet! Sein Verlobter hat mit einem anderen eine Liebesbeziehungaufgebaut und damit gleich mehrfach die, die ihn lieben, betrogen.Seinen Freund hat er verleugnet, seine Affäre belogen. Selbst nachmehrfachen Gesprächen und der Hoffnung, die Situation würde sich wiederbereinigen lassen, kam immer und immer wieder ein Rückfall. Ichbewundere Carsten für seine Geduld und seine Energie, diese Situationso lange getragen zu haben. Aber die Einsicht seines Freundes waroffensichtlich nicht der erste Weg zur Besserung, sondern nur der Wegin zwei weitere Affären. Und bekanntlich ist nur einmal auch keinmal.Nur ein Wunder könnte den Scherbenhaufen, vor dem er nun steht, nochwieder kitten. Aber manche Wunder sind einfach zu groß für die hartenWunden der Realität.

Carsten sieht die Beziehung als gescheitert an. Und das ist auch besser so

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!