"Verständnis für die Täter aufbauen"

Falk Steinborn Von Falk Steinborn

Beim queeren Literaturwettbewerb JULIT gab es in diesem Jahr gleich drei erste Plätze. Alle Gewinner dürfen sich über den Goldenen JULIT freuen, der mit jeweils 500 Euro dotiert ist. Unter ihnen ist auch dbna'ler Christoph Heimbach.

Der Student für bildene Kunst und Germanistik hat ein episches Drama von 26 Seiten geschrieben und passende Tuschezeichnungen dazu angefertigt. Im Interview mit dbna erzählt er, worum es in seiner Geschichte geht und warum Schwule auch homophobe Täter verstehen sollten.

Frank Hichert Stiftung
Die drei Gewinner für 2012 stehen fest. Aber wer wird den JULIT 2013 holen. Texte können ab sofort zum Thema "Darwin und die Liebe - wie passen Lesben und Schwule in die Evolution?" eingereicht werden.

Die drei Gewinner für 2012 stehen fest. Aber wer wird den JULIT 2013 holen. Texte können ab sofort zum Thema "Darwin und die Liebe - wie passen Lesben und Schwule in die Evolution?" eingereicht werden.

Christoph, dein Text ist ganze 26 Seiten lang. Kurz zusammengefasst: Worum geht es?
Es geht um Probleme mit Thema Homosexualität innerhalb mehrerer Generationen. Jede Generation hat eigene Erfahrungen damit gemacht. Dieser vererben sich psychisch. Ich beschäftige mich damit aus der Sicht der Betroffenen: also nicht jenen, die selbst homosexuell sind, sondern die das sekundär erfahren. Und ich versuche zu ergründen: Wie kommt es dazu, dass Homosexualität abgelehnt wird?  Und wie kommt es dazu, dass Personen individuell damit Probleme bekommen können.

Wo kommt das Interesse an diesem Thema her?
Es hat sich entwickelt. Ich bin ja bildender Künstler und in meiner Arbeit beschäftige ich mich schon sehr stark mit Erinnerungen und psychischer Vererbung. Ich versuche herauszufinden, warum etwas passiert ist und nicht nur Symptome abzubilden. Das interessiert mich und das sollte es auch: Das man nicht nur danach geht, was gerade ist und was gerade passiert, sondern herausfindet, warum etwas so ist. Denn sonst kann man Probleme nicht beheben.

Wie kann man denn Probleme beheben, wenn man sich mit der Geschichte beschäftigt?
Man kann erst einmal eine Sensibilität für Homophobie aufbauen, die ja teilweise gar nicht vorhanden ist. Man kann Menschen nicht verändern, wenn man immer nur gegen Symptome ist. Man muss auch Verständnis für die Geschichte der Person haben. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass jemand Aversionen gegen Homosexuelle hat. Das heißt nicht, dass ich das generell verteidigen will. Aber bei vielen ist auch so, dass sie durch Erziehung oder bestimmte Missgeschicke und Erlebnisse so sind. Wenn wir angefeindet werden, sollten wir den Hass nicht gleich wieder entgegnen, sondern erst einmal zu überlegen: Wieso ist es dazu gekommen? Nur so kann man meiner Meinung nach versuchen, Probleme zu beheben. Das heißt nicht, dass es in jedem Fall funktioniert.

Christoph Heimbach

Willst du das auch beim Leser erreichen: dieses Bewusstsein zu wecken?
Nicht bei allen. Aber bei einigen möchte ich schon ein gewisses Maß an Verständnis für die Täter aufbauen.

Vermisst du das denn in der Community?
Teilweise schon. Das herrscht manchmal Bigotterie. Dinge, die man selbst möchte, dass sie einem nicht angetan werden, werden dann wieder gegenüber anderen Minderheiten hervorgebracht. Ich will nicht pauschalisieren, aber die Tendenzen sind sicherlich vorhanden.

Schwule sind per se keine besseren Menschen.
Ja, genau. Wenn man so akzeptiert werden möchte, wie man ist, dann muss man selbst auch auf der moralisch sicheren Seite sein und überlegen: Wie reagiert man in Bezug auf andere Menschen?

Nun hast du in deinem Text eine extrem große Spanne. Du beginnst in der Vergangenheit und musst in der Zukunft enden. Denn der JULIT gibt den Satz vor: "Ich wünsche mir einen schwulen Sohn!" Wie ging es dir mit diesem Satz?
Ich finde diesen Satz etwas unglücklich gewählt. Ich finde die Institution vom JULIT total super, aber mir geht es um die Formulierung. Warum sollte man eine bestimmte Orientierung von einer Person befürworten? Selbst wenn man homosexuell ist, sollte man doch ein Kind so annehmen, wie es zur Welt kommt und es nicht in eine bestimmte sexuelle Rolle drücken. Eine andere Gewinnerin hat dieses Problem ganz gut gelöst, indem sie geschrieben hat: "Ich wünsche mir eine glücklich Tochter."

Lass uns noch zum Ende kurz über ein nicht wichtigen Teil deiner Arbeit sprechen: Die Zeichnungen im Text. Hast du dir das vom letzten Gewinner abgeschaut?
Nein, das wäre auch ziemlich dumm. Ich habe die Zeichnungen nicht extra gemacht, um die Jury damit zu beeindrucken. In erster Linie habe ich die Arbeit sowieso für mich gemacht, weil ich die vermutlich noch einmal in einer Ausstellung zeigen werde. Ohnehin ist es seltsam, eine Arbeit nur für einen Preis zu erstellen. Ein Wettbewerb kann ein Anlass für eine Arbeit sein, aber nicht das Ziel. Für mich war es von Anfang klar, dass ich keine Illustration machen wollte. Es sind inhaltliche Erweiterungen. Die Zeichnungen sollen bestimmte Assoziationen zum Text  entwickeln.

Und davon kann sich dann jeder Leser selbst überzeugen. Einen Auszug aus deinem Text gibts hier bei dbna.de zu lesen. Vielen Dank für das Gespräch.

Ab sofort können auch Texte für den JULIT 2013 eingereicht werden. Das Motto lautet dieses Mal: "Darwin und die Liebe - wie passen Lesben und Schwule in die Evolution?". Mehr Infos unter www.juli-preis.de

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: Christoph Heimbach, Frank Hichert Stiftung e.V.