Versteckt im Reich der Mitte

Falk Steinborn Von Falk Steinborn

In China gibt es die größte Gruppe von Schwulen und Lesben auf der Welt. Über 130 Millionen Homosexuelle leben statistisch in der Volksrepublik. Sichtbar sind sie allerdings kaum. Verstecken und Scheinehen gehören für sie zum Alltag. Ein Beitrag zum Internationalen Tag gegen Homo- und Trans*-feindlichkeit.

"Es ist ziemlich schrecklich. Es ist wie ein großes Geheimnis", sagt Mingsong. Er kommt aus Nantong, einer 7-Millionen Stadt an der Mündung des längsten chinesischen Flusses, dem Jangtsekiang. Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie dominieren das Leben in und um die Stadt. Sie liegt in einer der am dichtesten besiedelten Agrarregionen der Erde. Dort wurde Mingsong geboren. Vor 24 Jahren.

Seine Eltern wissen bis heute nicht, dass er schwul ist. "Meine Mutter würde es nicht verstehen. Sie ist Analphabetin. Mein Vater war nur auf der Volksschule", sagt Mingsong. Über Schwule haben sie nie etwas gelernt. Sie nennen sie pìjīng (屁精), einem Begriff, der nur von der älteren Bevölkerung im Norden Chinas benutzt wird. "Das bedeutet 'Monster, die Arschlöcher mögen'. Und das ist höflich übersetzt", sagt Mingsong, der derzeit ein Praktikum in Deutschland macht.

Falk Steinborn
Die Zeichen 同性恋 (tónɡ xìnɡ liàn) bedeuten auf deutsch homosexuell. Etwas beschönigender ist der Begriff 同志 (tóng zhì). Mingsong lernte beide Wort erst mit 17 Jahren kennen als Eltern seiner Klassenkameradin benutzt. Das war der Moment, als er endlich ausdrücken konnte, was er fühlte.

Die Zeichen 同性恋 (tónɡ xìnɡ liàn) bedeuten auf deutsch homosexuell. Etwas beschönigender ist der Begriff 同志 (tóng zhì). Mingsong lernte beide Wort erst mit 17 Jahren kennen als Eltern seiner Klassenkameradin benutzt. Das war der Moment, als er endlich ausdrücken konnte, was er fühlte.

Auch er kannte lange Jahre kein anderes Wort für Männer, die Männer lieben. Er wusste nur, dass er sich zu Jungs hingezogen fühlte. Als er 13 war begann er sich für anderen Jungs zu interessieren. Im Internat  schlüpfte er regelmäßig zu seinem Zimmergenossen unter die Bettdecke. "Es war ein heimliches Vergnügen", sagt er. Davon wissen durfte natürlich niemand - schon gar nicht damals. Denn bis 2001 galt Schwulsein in China noch als Geisteskrankheit. Und noch vier Jahre zuvor war Sex unter Männern unter Strafe verboten - ein Relikt der Kolonialisierung durch die Europäer.

Mittlerweile gehören diese Gesetze der Vergangenheit an. Aber trotzdem sind Männer, die Männer lieben, noch ein sensibles Thema in der chinesischen Gesellschaft. Vor allem auf dem Land, wo die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung lebt, sind das Tabu und die Vorbehalte groß. Schwule und Lesben sind dort weder ein Thema, noch kennt man sie persönlich. Dies ist auch einer der Gründe, warum kaum schwulen- und lesbenfeindliche Gewalt verzeichnet wird. Wer sich nicht öffentlich als homosexuell zu erkennen gibt, bietet keine Angriffsfläche - geht aber im Ernstfall ebenso wenig zur Polizei, was einem öffentlichen Coming-out gleichkäme.

Die Polizei verbietet die Wahl zum "Mr. Gay China"

Ein solches wäre allenfalls in den großen Städten wie Peking, Shanghai und Ghuangzhou möglich, wo sich die Liberalisierung langsam bemerkbar. Seit einigen Jahren etabliert sich hier eine Szene mit LGBT-Zentren, queeren Veranstaltungen, Informationsangeboten im Internet und Hilfsgruppen. Leicht hat die Community es aber nicht. Sie bekommt immer wieder die Repressalien der  Behörden zu spüren. 2010 etwa sollte die erste Wahl zum "Mr. Gay China" stattfinden, ein wichtiges politisches Zeichen, doch wenige Stunden vor der Show kam die Polizei und verbot den Wettbewerb. Die Organisatoren ließen sich nicht davon unterkriegen und holten die Wahl Wochen später im Geheimen nach. Dazu gehört in einem Land wie China viel Mut.

flickr/Kris Krug (cc-by)
In Shanghai fand 2009 der erste Christopher-Street-Day Chinas statt.

In Shanghai fand 2009 der erste Christopher-Street-Day Chinas statt.

Genau dieser Mut Einzelner ist es, der viel bewirken kann. Auch Wu Youjian beweist das. Die 67-Jährige ist die erste Mutter in China, die öffentlich über das Schwulsein ihres Sohnes gesprochen hat. Ihre Geschichte begann 2005, als sie einen Artikel über Homosexualität auf ihrem Blog veröffentliche. In kurzer Zeit bekam siehe hunderte Kommentare und Zuschriften - auch deshalb, weil sie die sexuelle Identität ihres Sohnes ohne lange Bedenkzeit akzeptierte. "Ich sagte ihm, dass nichts falsch daran ist, Jungs zu mögen. Das ist keine große Sache", erzählt Youjian. Seitdem ist sie eine der führenden Aktivisten für LGBT-Rechte in China geworden. Sie spricht mit betroffenen Eltern, berät sie an ihrer eigens initiierten Hotline für die Angehörigen von Schwulen und Lesben, hält Vorträge in Universitäten und gibt Interviews in den Medien - so sie sie den lassen.

Eine Mutter bricht ihr Schweigen

Wu Youjian ist eine Vorzeigemama, die viel Respekt genießt - vor allem auch von jungen Queers. Nicht wenige würden sich wünschen, dass ihre Eltern auch so reagieren. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Dies liegt auch am traditionellen chinesischen Familienbild und der chinesischen Ein-Kind-Politik. Wenn ein Elternpaar nur einen Sohn hat und dieser gleichzeitig schwul ist, so besteht keine Chance, dass er Kinder zeugt und die Familie fortführt. Er muss sich zwischen seiner Sexualität und der Familientradition entscheiden.

Queer Comrades/ Screenshot
Wu Youjian ist die erste Mutter Chinas, die öffentlich über das Schwulsein ihres Sohnes gesprochen hat. Sie eine der Sympathie-trägerinnen der LGBT-Bewegung in China.

Wu Youjian ist die erste Mutter Chinas, die öffentlich über das Schwulsein ihres Sohnes gesprochen hat. Sie eine der Sympathie-trägerinnen der LGBT-Bewegung in China.

Fast immer fällt die Entscheidung für die Familie. Denn "keine Nachkommen zu haben gilt in der traditionellen chinesischen Kultur als die schlimmste Art respektloser Lebensführung", sagt Professor Zhang Beichuan von der Universität Qingdao. Er hat 1500 Schwule befragt und fand dabei heraus: 80 bis 90 Prozent von ihnen leben in einer heterosexuellen Ehe. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass etliche Frauen mit schwulen Chinesen verheiratet sind, ohne davon zu wissen.

Für den 24-jährigen Mingsong kommt das nicht in Frage, obwohl seine Mutter bereits danach fragt, ob er eine Freundin hat. Bisher konnte er sich immer gut rausreden. Aber wie lange wird das noch gehen? Fakt ist: Ein Coming-out ist für ihn keine Alternative. "Ich weiß nicht, was passieren würde", sagt er pessimistisch. Sobald er mit dem Masterstudium fertig ist, will er deshalb zunächst in eine andere chinesische Großstadt ziehen - hinein in die Anonymität- und dort einen Mann finden. Ob das klappt, weiß er selbst nicht.

Zum Anschauen:
"Mama Rainbow" heißt eine Doku über schwule und lesbische Jugendliche und deren Mütter. Der chinesische Filmemacher und LGBT-Aktivist Fan Popo hat sie produziert. Er will mit ihr auf die Situation von Queers in China aufmerksam machen. dbna zeigt euch die Doku mit deutschen Untertiteln:

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Weitere Quellen: flickr/Kris Krug, Queer Comrades, Falk Steinborn