Virtuell geht’s schnell!

Redaktion Von Redaktion

Was man nicht alles erleben kann! Die schwule Klischeekiste istrappelvoll. Natürlich denken Schwule den ganzen Tag nur an Sex, den sienatürlich immer und überall ausleben. Und die Heteros? Die sind nochviel schlimmer!

Wasman nicht alles erleben kann! Die schwule Klischeekiste ist rappelvoll.Traumschiff Surprise und Ralph König-Verfilmungen lassen es uns wissen:Schwule sind rosa-tuffige Lifestylehuschen oder irgendwelcheLederkerle, die mit nacktem Hintern bei einer Einweihungsparty amBuffet stehen. Ist ja das normalste von der Welt, so sind die Schwuleneben! Und natürlich denken sie den ganzen Tag nur an Sex, den sienatürlich immer und überall ausleben. Und die Heteros?

Da saß ich bei einer Freundin auf der Couch. Wir wollten eigentlich einVideo gucken, als sie plötzlich eine MMS erhielt. Sie lachte, als siedarauf den wohlgeformten, großen Penis eines heterosexuellenChatbekannten zu sehen bekam. Weitere MMS folgten, schließlich sogarein kurzer Videoclip mit einer Masturbationsszene dank Realtone-Handygab es das Keuchen und Stöhnen dann auch noch dazu. Besagte Freundinerzählte mir dann, dass sie aus Langeweile mal nachts im SMS-Flirt-Chatwar und mit zwei, drei Kerlen Nummern getauscht hatte. Das Ergebnis:Eine Fülle von nicht jugendfreien Bildern auf ihrem Handy, davon einmalein Mittvierziger und zweimal verpartnerte Männer Anfang dreißig. Undich fragte mich: Hatten jetzt auch Heteros begonnen, die virtuelleAnonymität für sich zu entdecken? Gibt es einen neuen Trend?

Als das Internet aufkam, eröffnete es für die homosexuelle Szene eineganz neue Welt. Chaträume, Kontaktbörsen, Communitys und Foren zumkommunizieren. Und dank Scannern, Digicams, Handycams und Webcams gabes auch noch unzählige Möglichkeiten, den vermeintlichen Traumprinzenschon mal vorweg unter die Lupe zu nehmen. Plötzlich war man nicht mehrallein in seinem tristen Leben,brauchte sich nicht mehr heimlich nachts in die dunkle Szenebarbegeben. Mit riesigen Schritten verbreitete sich das neue Medium in derganzen Welt, und die Vorteile der Anonymität werden seitdem reichlichgenutzt. Da finden sich die schönsten Wichsphantasien in den weiten desInternet wieder, und der flüchtige One Night Stand ist unkompliziertund schnell vereinbart. Aber auch geflirtet, befreundet und verliebtwird sich über das Internet seitdem immer häufiger. Nirgendwo ist manweniger allein als hier. Klar, dass vor allem Schwule diese Möglichkeitseit Jahren intensiv nutzen. Aber bedeutete diese MMS-Geschichte etwa,dass die Heteros jetzt nachziehen? Haben sie Blut geleckt? Was treibtdiese drei Männer dazu, kommentarlos ihren erigierten Penis in dieWeltgeschichte zu schicken? Und ist dies der Anfang vom Ende desKlischees vom Internet als schwuler Dating-Markt?

Besagte Freundin erteilte dann erstmal eine Runde absagen. Mit einemverheirateten wollte sie sich nicht treffen. Der Mittvierziger warsowieso viel zu alt. Nummer drei hatte sich gar vorgenommen, seineFreundin nur virtuell, aber nicht real zu betrügen. Das könne er mitseinem Gewissen nicht vereinbaren. Edel sei der Mensch, nicht wahr?

Keine Woche später erfuhr ich von einer Mitstudentin, wie sie mir ihrleid klagte: Ihr liebstes Star-Trek-Forum verkomme auch mehr und mehrzu einer Dating-Line. Es überraschte mich kaum, dass ihre letzteBeziehung über dieses Forum entstanden und auch sehr schnell wiederzerbrochen war. Mehr überraschte mich auch hier, dass es offenbar vorallem den Männern quasi ganz nebenbei passiert, dass sie bei einemintensiveren Mailkontakt mit den Damen der Schöpfung plötzlich ihrGemächt in voller Potenz zur Ansicht verschicken. Sind es also doch nurdie äußeren Formen, die den heterosexuellen Mann von uns unterscheiden?Warum finden sich diese Parallelen und werden mehr und mehr? Und wennauch dieser Trend nun bei der heterosexuellen Bevölkerung angekommenist, gibt es dann einen schwulen Gegentrend?

Ja,vielleicht gibt es den. Vielleicht ist er schleichend, vielleicht nichtvon Dauer. Aber trotz der vielfältigen Angebote des Internets, trotzder tollen Möglichkeiten, schneller, anonymer, unkomplizierter undmaßgeschneiderter an Sex zu kommen, geht der Ruf aus der Community hinzu mehr Nähe und Geborgenheit. Erstaunlich viele schwule Paare lernensich über Internetbekanntschaften kennen, ohne selbst ein Datevereinbart zu haben. Da kennt man sich von einem Geburtstag, hier voneinem Usertreffen, und dort wiederum ist man sich auf einer Party odereinem Straßenfest über den Weg gelaufen. Vielleicht ist es nur einZufall, vielleicht ist es auch eine Trendwende. Aber egal welchenStellenwert die neuen Medieun beim Menschen bekommen haben: sie werdennie einen realen Partner ersetzen können.

Jetzt muss ich Schluss machen, ich habe eine SMS von einem süßen Typen bekommen

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