Völlig verqueere Vorstellungen

Redaktion Von Redaktion

Vor dem Frauen-Klo bildet sich eine lange Schlange, obwohl auf den Toiletten für Männer wenig Betrieb ist. Warum benutzen die Wartenden nicht einfach die freien Klos hinter der Tür nebenan? Die Queer-Theorie kennt die Antwort.

Vor dem Frauen-Klo bildet sich eine lange Schlange, obwohl auf den Toiletten für Männer wenig Betrieb ist. Warum benutzen die Wartenden nicht einfach die freien Klos hinter der Nachbartür? "So etwas macht man nicht", könnte man antworten. Und offenbart damit ungewollt, was hinter der sonderbaren Zurückhaltung steckt, mit der sich die wartenden Frauen quälen, statt nebenan einen freien Abort zu benutzen. Es ist uns anerzogen, dass es zwei Geschlechter gibt, die sich auf bestimmte Weise zu verhalten haben. Um das möglichst einfach zu machen, gibt es getrennte Toiletten, separate Abteilungen im Kaufhaus für Männer- und Frauenmode und in manchen Disziplinen auch noch Frauen- und Männersportvereine.

Weil es die Unterscheidung in Männer und Frauen gibt, können sich Menschen überhaupt erst als hetero- oder homosexuell bezeichnen. Ließen sich Partnerinnen und Partner nicht einer der beiden Kategorien zuordnen, wäre es quasi unmöglich, von schwulem, lesbischem oder Hetero-Sex zu sprechen. "Bei Schwulen übernimmt doch immer einer die Rolle des Mannes und der andere die Rolle der Frau", erklärte mir mal eine Freundin überzeugt. Für sie wie für viele andere ist schwuler Sex nur eine Kopie von Hetero-Sex, mit einem aktiven und einem passiven Partner, deren Rollen möglichst festgeschrieben sind.

Nur unsere Vorstellung ist zweipolig

Unsere Welt lässt sich aber nicht so simpel in zweipolige Gegensätze (maskulin feminin, hetero homo, aktiv passiv) aufteilen. Zwischen "Frau" und "Mann" gibt es in Deutschland mindestens 40.000 Intersexuelle, deren Genitalien sich nicht eindeutig einem der beiden biologischen Geschlechter zuordnen lassen. Daneben existieren viele Menschen, die sich trotz ihrer biologischen Festlegung als Mann oder Frau nicht diesem Geschlecht zugehörig fühlen. Diese Menschen jenseits der Geschlechtszuschreibungen bezeichnen sich selbst als Transgender. Eine Drag Queen macht es der Gesellschaft einfach, beide klassischen Geschlechtervorstellungen in einer Person zu sehen. Einerseits ist klar, dass sie einen Penis hat, andererseits trägt sie Kleider und Schminke.

Einer der ersten, die erkannt haben, dass das Geschlecht mehr als zwei Kategorien umfasst, war der deutsche Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld. Von 1899 bis 1923 war er der Herausgeber des "Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen". Er nahm an, dass es zwischen "Mann" und "Frau" ein drittes Geschlecht, bestehend aus Homo-, Inter- und Transsexuellen gäbe.

Dass zwischen "homo" und "hetero" weitaus mehr ist als gedankliche Leere, hat Alfred Charles Kinsey erfasst. In den zwei "Kinsey-Reports" Mitte des 20. Jahrhunderts ging der US-amerikanische Sexualwissenschaftler von einem stufenlosen Übergang zwischen hetero- und homosexuellen Verhaltensweisen aus. Doch Hirschfeld und Kinsey waren Sonderlinge in der Wissenschaft ihrer Zeit, die belächelt, aber auch heftig angegriffen wurden.

Zweipoligkeit hemmt Entwicklung

Die Missachtung ihrer Ergebnisse rächte sich wenige Jahrzehnte später. Als sich Anfang der 80er Jahre die Seuche Aids ausbreitete, versuchte man mithilfe von Fragebögen das Infektionsrisiko zu ermitteln. Die Ankreuzkategorien "heterosexuell" und "homosexuell" eigneten sich aber nicht, das Sexualleben der Befragten einzufangen. Sie ignorierten Bisexuelle ebenso wie Menschen, die sich als hetero definieren, aber Sex mit Menschen ihres Geschlechts haben. Dadurch verfehlten zahlreiche Aids-Kampagnen ihre Zielgruppe verlorenes Geld und verlorene Zeit, die dem Vormarsch des HI-Virus zugute kamen.

Unter diesem Eindruck entwickelte sich die Queer-Theorie. "Queer" ist im Englischen ein Schimpfwort, deswegen sorgte die "queer theory" in den Vereinigten Staaten anfangs für reichlich Aufruhr und Verstimmung. Will man "queer" übersetzen, kommt man mit den Wörterbucheinträgen "sonderbar" oder "kauzig" nicht weit. Um einen ähnlich heftigen Anklang zu finden, müsste man in Deutschland wohl von "perverser Theorie" oder "Schwuchtel-Theorie" sprechen.

Geschlechter und sexuelle Identität sind nicht naturgegeben, sondern durch das Umfeld geprägt, sagt die Queer-Theorie. Ein Kind mit Penis wird als Junge erzogen, er darf sich raufen, muss stark sein und soll irgendwann mal eine Familie ernähren. Dass er genauso gut kreativ sein, sich schminken oder Kinder füttern könnte, fällt dabei aus dem Rahmen. Jede Abweichung von der Norm muss er der Gesellschaft später im Leben unter der Gefahr des Ausgestoßenwerdens beibringen.

Eine Queer-Theoretikerin der ersten Stunde ist die US-Amerikanerin Judith Butler. Sie unterscheidet zwischen dem anatomischen Geschlecht (sex), der Geschlechterrolle in der Gesellschaft (gender) und dem erotischen Begehren (desire). Die Gesellschaft erzwingt ihrer Ansicht nach die Deckungsgleichheit zwischen den drei Betrachtungsweisen: Ein Mensch mit Brüsten und Vagina hat sich gefälligst auch wie eine Frau zu verhalten (Kinder kriegen, Haushalt organisieren und sich für den Mann hübsch machen) und muss einen Mann lieben.

Weil dieses Denkschema sehr verbreitet ist und immer von Neuem Kindern mit auf den Weg gegeben wird, bleibt uns eine scheinbar zweipolige Welt erhalten. Mit Männern, die Politik, Wirtschaft und Wissenschaft dominieren und zudem noch mehr verdienen als Frauen. Mit hetero- und homosexuellen Beziehungen, in denen immer eine die "Frau" und einer den "Mann" spielt. Und mit der ekligen Vorstellung, dass Menschen sich lieber in die Hosen machen als ein Klo aufzusuchen, das für's andere Geschlecht bestimmt worden ist.


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Weitere Quellen: Wikipedia, Gender-Killer, UtopieKreativ , istockphoto.com