Vom Fleisch gefallen

Redaktion Von Redaktion

"Dinge, die die Welt nicht braucht" - das war die Antwort eines befreundeten Kochs auf die Frage, was ihm spontan zu Vegetariern einfalle. Wieso wird man Vegetarier? Und ist das nun eigentlich besonders gesund oder sogar ungesund?

"Dinge, die die Welt nicht braucht", das war die Antwort eines befreundeten Kochs auf die Frage, was ihm spontan zu Vegetariern einfalle. Eine Reaktion, die er aber im Folgenden sofort relativiert, denn eigentlich sei die Idee dahinter ja gut, dennoch sei es seiner Ansicht nach ungesund. Ja, welche Idee eigentlich? Und wie steht es in Wahrheit um die Gesundheit?

Ideen und Motive für Vegetarismus gibt es mehrere. An erster Stelle stehen dabei ethische Überlegungen. So sind nicht wenige Vegetarier der Meinung, dass Tiere ihretwegen nicht leiden und getötet werden sollen. Dabei kann auch die Überzeugung von der Existenz der Tierrechte, das heißt der Gültigkeit bestimmter Grundrechte auch für Tiere, die der Mensch zu beachten habe, Teil der ethischen Überlegungen sein. Darauf spielt auch der Koch Manuel (22) an. Aus Erfahrung weiß er, dass vor allem die Meerestiere zu leiden haben. "Hummer aus dem Nordatlantik kommt lebendig und gefesselt nach Europa und muss auf dieser Reise von seinen Reserven zehren. Je länger der Hummer hungert und gefangen ist, desto schmaler wird das Fleisch unter dem Panzer. So gewinnt man aus einem zwei Kilogramm schweren Hummer guter Handelsklasse selten mehr als 200 Gramm Fleisch." Und während der Hummer in Richtung Restaurant Hungerqualen leidet, sind der Thunfisch und der Kabeljau durch Überfischung in ihrem Bestand gefährdet.

Markus (26) kennt Vegetarismus aus einer anderen Perspektive. Sein Freund Robert (27) verzichtet auf Fleisch. "Als Psychologe weiß Robert, dass Tiere wie der Mensch ein zentrales Nervensystem haben. Tiere haben also ebenso wie der Mensch ein ausgeprägtes Schmerzempfinden." Auslöser seien bei seinem Freund vor allem der BSE- und der Maul-und-Klauen-Seuche-Skandal gewesen, bei dem Tiere unnötig tausendfach dem Tode zugeführt und dann verbrannt wurden.

Zurück zu den Motiven: Manche Vegetarier geben zudem ökologische Gründe an. Sie lehnen Massentierhaltung und den Anbau von Futtermitteln als ineffizient und ökologisch unverantwortlich ab, vor allem in Anbetracht von Hungerkatastrophen in den Entwicklungsländern. Zusätzlich können Religionen beziehungsweise religiöse Richtungen Vegetarismus begünstigen wie der Buddhismus oder sogar fordern wie der Jainismus und einzelne Richtungen des Hinduismus. Selbst manche christliche Vegetarier berufen sich auf die Bibel. Nicht vergessen werden soll der gesundheitliche Aspekt, denn viele Vegetarier sind überzeugt, dass sie gesünder leben als ihre fleischessenden Mitmenschen. Ein Motiv, das noch geprüft werden soll.

Untersuchungen haben ergeben, dass der Gesundheitsstatus von Vegetariern besser ist als der Durchschnitt. Sie leben überdurchschnittlich gesundheitsbewußt, indem sie zum Beispiel weniger rauchen, weniger Alkohol trinken und mehr Sport treiben als Nicht-Vegetarier. Auch Bedenken bezüglich der Versorgung des Körpers mit Eiweißen, Vitaminen und Mineralstoffen konnten inzwischen ausgeräumt werden. Besonders erwähnt sei hierbei das Vitamin-B12, welches für das Zellwachstum wichtig ist, von Mikroorganismen produziert wird und hauptsächlich in Fleisch, Milch und Eiern enthalten ist. Sollte man auf jedwede tierische Nahrung verzichten, ist eine Ergänzung durch Vitamin-B12-Präparat empfohlen. Insgesamt hat die vegetarische Lebensweise sogar Vorteile, da zum Beispiel keine Arzneimittelrückstände in Pflanzen vorhanden sind im Gegensatz zu Fleisch. Auch die Aufnahme wichtiger Mineralstoffe und Vitamine ist höher. Manuels Bedenken können somit ausgeräumt werden.

Zu den eben genannten Überzeugungen kommen dann noch unterschiedliche Arten von Vegetariern, die nur kurz genannt und erläutert seien sollen. Sogenannte Ovo-Lacto-Vegetarier nehmen auch Eier und Milchprodukte zu sich, während Lacto-Vegetarier keine Eier, jedoch Milchprodukte wie Käse, Joghurt und Quark essen. Dagegen verzichten die Ovo-Vegetarier auf Milchprodukte, jedoch nicht auf Eier. Die Veganer lehnen prinzipiell tierische Produkte ab, auch bei Kleidung, beispielsweise Leder und Wolle, und Haushaltwaren wie Seife und Kosmetika. Am weitesten gehen die Frutarier, die sich ausschließlich von pflanzlichen Produkten ernähren, die ohne Vernichtung der Pflanzen gewonnen werden, also etwa Obst oder Nüsse. Offiziell zählen die sogenannten Pescetarier nicht zu den Vegetariern, sie zählen sich aber zu diesen selbst dazu, da sie auf Fleisch verzichten. Allerdings verzehren sie weiterhin Fisch und weitere tierische Produkte.

Wie viele Vegetarier gibt es eigentlich in Deutschland? Die Zahlen schwanken hier erheblich. Auf staatlicher Seite schätzt das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz den Anteil von Vegetariern an der Gesamtbevölkerung auf 1,6%, das wäre noch nicht einmal jeder 50. Bundesbürger. Der Vegetarier-Bund Deutschland e.V. dagegen geht von einer Quote von 9 bis 11% aus, die auf verschiedenen Umfragen basiert. Demnach wäre jeder 10. schon Vegetarier und pro Woche kommen nach Berechnungen des Vereins weitere 4.000 dazu.

So viel erstmal zur Theorie. Aber wie ist es eigentlich, mit einem Vegetarier zusammenzuleben? "Es ist schon in Ordnung, zumal er ja nicht ganz radikal ist", sagt der Hochschulmitarbeiter Markus und unterstreicht, dass er Fleisch essen dürfe. Erleichternd ist es für beide, dass sie ohnehin nur am Wochenende mal zusammen kochen, wenn sie nicht essen gehen. "Aber mit dem Essengehen ist es teilweise schon problematisch", gesteht der Würzburger, "vor allem bei gutbürgerlicher beziehungsweise gutfränkischer Küche ist die Auswahl manchmal wirklich dürftig." Um solchen Problemen abzuhelfen, gibt es aber Internetseiten wie www.fleischlos-geniessen.de, die Restaurants mit vegetarischen und veganen Gerichten auflisten.

Aber wie konsequent sind Vegetarier überhaupt? Markus' Freund selbst deckt seinen Eiweißbedarf über Fisch, Eier und Milch. "Einmal habe ich ihn so damit geärgert, dass doch auch Fische Tiere sind und Schmerzen empfinden, dass er für einige Zeit auch keinen Fisch mehr aß", gesteht Markus. "Und naja, da ich am Herd das Sagen habe, habe ich mich geweigert, den Zwiebelkuchen ohne Speck zu machen. Er hat ihn dann mit Speck gegessen und auch eingesehen, dass es ohne nicht schmeckt." Diese Anekdote berichtet er dann doch mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen.

Um den Bedarf des Körpers durch pflanzliches Eiweiß zu decken, gibt es seit einiger Zeit nun auch zum Beispiel Tofuwürstchen oder Lauchschnitzel. "Ich bin der Meinung, wer auf Fleisch ganz verzichtet, der kann auch auf diese Ersatzprodukte verzichten, die ohnehin nicht schmecken, da Ihnen die typische Saftigkeit des Fleisches fehlt. Das Lauchschnitzel ist trocken wie Schuhsohle", berichtet Markus aus eigener Erfahrung. Er will auf sein Fleisch nicht verzichten, sein Freund toleriert das. Ohnehin soll ja doch jeder für sich entscheiden, was er zu sich nimmt.

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