"Von innen heraus"

Redaktion Von Redaktion

Lesbisch und schwul und dann Mitglied in einer Unionspartei - für viele ist das ein absoluter Widerspruch. Das es dennoch geht, möchte die LSU zeigen - die Arbeitsgruppe der Lesben und Schwulen in der Union. Wir haben ihren Vorsitzenden befragt.

Rolf Ohler ist Bundesvorsitzender der LSU, der "Lesben und Schwule in der Union", und hat uns freundlicherweise einige Fragen zu seiner Person und den Aufgaben der LSU beantwortet. Das Interview führte Boomer.

Boomer: Herr Ohler, Sie sind Bundesvorsitzender der LSU (Lesben und Schwule in der Union). Seit wann gibt es diese Interessengemeinschaft und zu welchem Zweck wurde sie ins Leben gerufen?

Rolf Ohler: Die LSU wurde vor 5 Jahren gegründet und versteht sich als Interessensgemeinschaft von Lesben, Schwulen und Bisexuellen in der Union. Mit dieser Interessensgemeinschaft bezwecken wir, die Unionsparteien "von innen heraus" für die Belange von uns zu sensibilisieren und zu interessieren.

Boomer: Was zählt zu den Aufgaben der LSU und speziell zu Ihren Aufgaben als Bundesvorsitzender?

Rolf Ohler: Die LSU versteht sich unter anderem als Katalysator zwischen der "Community" und den Unionsparteien. Die guten und intensiven Kontakte von Funktionsträgern und Mitgliedern der LSU zu führenden UnionspolitikerInnen führen dazu, dass sich die CDU und die CSU schwul-lesbischen Belangen im Dialog interessiert öffnet und wir gemeinsam als große Volkspartei mit dem Umgang Homosexualität unverkrampft und zielführend umgehen. Meine Hauptaufgabe als Bundesvorsitzender liegt in der Außenwirkung - sowohl zur "Community", als auch parteiintern. Die Ausrichtung der LSU, inhaltliche Schwerpunkte und auch die interne Arbeit wird von einem sehr gut funktionierendem und freundschaftlich harmonisch arbeitenden Bundesvorstand und den Regionalvorständen erarbeitet, bei der sicherlich der Bundesvorsitzende auch eine Leitfunktion innehat, die jedoch in einer perfekten Teamarbeit innerhalb des Bundesvorstandes aufgeht.

Boomer: Inwieweit haben Sie und die LSU Einfluss auf die Politik der Union in Sachen Homosexualität? Vertritt die Union hinreichend schwule und lesbische Interessen?

Rolf Ohler: In den vergangenen Jahren haben wir sicherlich mit nahezu sämtlichen führenden Persönlichkeiten innerhalb der Unionsparteien intensive Lobbygespräche geführt, die sicherlich dazu dienen, dass die jeweiligen PolitikerInnen nach diesen persönlichen Eindrücken sensibler und unverkrampfter mit dem Thema Homosexualität umgehen. Ob Dr. Angela Merkel, Ole von Beust, Roland Koch, Christian Wulff, Norbert Rüttgers, Peter Müller oder Dr. Günther Beckstein - es bleibt nicht bei einseitigen Gefälligkeitsdialogen - im Gegenteil, wir werden von CDU/CSU-Seite deutlich ermuntert, unseren Weg kontinuierlich fortzusetzen. Da in Deutschland bislang keine Partei hinreichend schwul-lesbische Belange vertritt, so können wir dies leider auch noch nicht für die Union in Anspruch nehmen. Aber um diesem Weg möglichst bald zu Ende zu beschreiten - dafür gibt es die LSU.

Boomer: Thema gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft: Waren sie erfreut oder enttäuscht über das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, welches den Gesetzesentwurf der rot-grünen Regierung als rechtmäßig ansah?

Was ist die LSU?


Die "Lesben und Schwule in der Union" (LSU) sind eine Interessengemeinschaft von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen, die in den Unionsparteien CDU und CSU Mitglied sind oder aber den Unionsparteien nahe stehen. Sie ist keine offizielle Vereinigung oder Arbeitskreis, wird aber inzwischen auch von führenden Unionsvertretern als Arbeitsgruppe in der Partei angesehen. Die LSU wurde als Bundesverband gegründet, es gibt jetzt vier Regional- verbände mit gewählten Vorständen und auch die ersten Landesverbände. Auf kommunaler Ebene existieren einige Stammtische (unter anderem in Frankfurt, Köln, Berlin, Bochum, Bonn, Frankfurt, Hannover, Köln, Mannheim und Wiesbaden).

Mehr dazu: www.lsu-online.de

Rolf Ohler: Wir haben das Karlsruher Urteil sehr begrüßt, da in den Begründungen auch sehr richtungweisende Hinweise der Verfassungsrichter enthalten waren, dass es nun auch weitergehen muss. Diese Rechtssicherheit war notwendig, daher war auch der Gang nach Karlsruhe zu begrüßen. Wir fordern als LSU deutlich auch Beiträge zum Adoptionsrecht und ebenso finden wir es diskriminierend, dass eine eingetragene Lebenspartnerschaft einseitig von einem der Partner durch heterosexuelle Heirat vor derselben Standesbeamten ohne Wahrung von Fristen gelöst werden kann. Ein nach unserem Rechtsempfinden untragbarer Zustand, der eine offensichtliche Diskriminierung von Schwulen und Lesben festschreibt.

Boomer: Ist Homosexualität und der christliche Gedanke, der in der Union eine wichtige Rolle spielt, miteinander vereinbar?

Rolf Ohler: Aber selbstverständlich! Wo wären denn die Kirchen, wenn es keine Schwulen gäbe?

Boomer: Haben Sie sich erst politisch engagiert und dann geoutet oder umgekehrt?

Rolf Ohler: Ich lebe seit 28 Jahren offen schwul und habe mich als offen schwul lebender Bürger dann erst politisch engagiert.

Boomer: War es leicht, als Homosexueller in der Partei anerkannt zu werden und Fuß zu fassen oder hatten Sie mit Schwierigkeiten zu kämpfen?

Rolf Ohler: Erstaunlicherweise nicht. Vor meinem Eintritt in die CDU habe ich mit dem für mich zuständigen Kreisgeschäftsführer der CDU in Wiesbaden ein fast einstündiges Gespräch geführt und wurde in dem Gespräch bestärkt, mich offen als Schwuler in der CDU Wiesbaden zu bekennen und zu engagieren. Auch danach habe ich noch nie Schwierigkeiten gespürt, die mit meinem Schwulsein in Verbindung stehen. Auch die Hochzeit mir meinem Mann vor dem Wiesbadener Standesamt 2001 wurde von der Partei super aufgenommen - man hatte nur Umgewöhnungsschwierigkeiten, da ich den Nachnamen meines Mannes annahm und aus dem altbekannten Rolf Kaster nun plötzlich ein Rolf Ohler wurde.

Boomer: Welche Unterschiede in der Programmatik gibt es zwischen der CDU und der CSU zum Thema Homosexualität?

Rolf Ohler: Beide Schwesterparteien gehen gleichwohl offen und kooperativ mit der LSU und dem Thema um. Parteiintern sehen wir kennen wir keine nennenswerten Unterschiede. Die CDU heißt uns mit Infoständen bei den Bundesparteitagen willkommen, die CSU hingegen akzeptiert bei CSU Parteitagen LSU-Repräsentanten als schwul-lesbische Berichterstatter. In den Unions-Arbeitskreisen sind eh beide Parteien vertreten.

Boomer: Welche Programmpunkte können Schwule und Lesben in Zukunft von der Union erwarten?

Rolf Ohler: Sicherlich konstruktive Beiträge zu einem Lebenspartner- schaftsergänzungsgesetz, sofern die rot-grüne Regierung das Ergänzungs- gesetz erneut einbringt. Dazu sicherlich weitere gesellschaftspolitische Ansätze, die dazu führen, dass Schwule und Lesben als ein ganz natürlicher Bestandteil der Gesellschaft wahrge- nommen werden. Wir empfinden es als kontraproduktiv und gefährlich, wenn dauernd die schwul-lesbische Sonderrolle hervorgehoben wird. Wir sind ein ganz natürlicher teil der Gesellschaft und möchten nicht als Quotenschwule gelten. So wie bereits im letzten Jahr bundesweit die Unionsparteien mit führenden Abgeordneten gemeinsam mit der LSU an CSD-Infoständen teilgenommen haben, so wird dieser Weg konsequent fortgesetzt.

Boomer: Herr Ohler, würden Sie sich wünschen, dass mehr Politiker und Politikerinnen offen zu ihrer Homosexualität stehen?

Rolf Ohler: Ja, selbstverständlich, jedoch stellt sich die Frage, wie man vermeintliche Offenheit auslebt. Unsere schwulen führenden Unionspolitiker brauchen nicht groß geoutet zu werden. In der Partei sind die Lebensgewohnheiten bekannt und es ist kein Nachrichtenthema.

Boomer: Ich danke Ihnen sehr herzlich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten. Alles Gute weiterhin für Sie und Ihre Arbeit.

Rolf Ohler: Gern geschehen. Herzlichen Gruß und Gratulation zu diesem interessanten Online-Magazin, das wir gerne auf unserer Webseite www.lsu-online.de verlinken möchten.

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Weitere Quellen: Bilder mit freundlicher Genehmigung der LSU