Von Zwergen, Trollen und Orcs gefesselt

Redaktion Von Redaktion

Massen-Multiplayer-Online-Rollenspiele wie WoW begeistern Millionen von Spielern. Was ist der Reiz daran und wie gefährlich ist das Ganze eigentlich? dbna sprach mit einem WoW-Aussteiger und einem Experten für Spielsucht.

"Aggro halten!"
"Damage Stop!"
"Bufft mal durch, Jungs."
"10 Minuten Pause."
Die Befehle sind einfach und eindeutig. Der Schlachtzugführer ist sachlich, nüchtern und ruhig. Ich bin in eine andere Welt getaucht, wenn auch nur akustisch, und lausche einem Raid 25 Spieler wollen gemeinsam eine Mission bei World of Warcraft (WoW) erfüllen. Die Spieler sind hochkonzentriert und diszipliniert. Es wird wenig gesprochen, nur das Notwendigste.

Bei WoW für das man monatlich knapp 13 Euro zahlt ist man auf der Suche nach Gegenständen, die einen stärker machen. Und selbst wenn man die höchste Stufe erreicht hat, gibt es immer noch seltenere Gegenstände, die man  teilweise nur nach monatelanger Suche findet.

Folgt man einer Studie aus dem Jahr 2005, so stuft sich jeder fünfte Online-Spieler selbst als süchtig ein. Gemessen an der Suchtdefinition der WHO (Weltgesundheitsorganisation) schätzt der Soziologe Olgierd Cypra jeden zwanzigsten Nutzer als süchtig ein. Nach dieser Definition ist man süchtig, wenn Entzugserscheinungen und Kontrollverlust über den eigenen Spielkonsum eintreten. Bei über 10 Millionen WoW-Spielern wären das gut eine halbe Million WoW-Süchtige weltweit. Einer von diesen war Simon Koller (24) war, denn er hat den Ausstieg geschafft.

Schlaflose Nächte und Schweißausbrüche

Simon lächelt, er ist froh, dass er es geschafft hat. Leicht ist es ihm nicht gefallen. "Ich habe mich mehrere Wochen lang in eine Gegend begeben, in der ich keinen Zugriff auf einen Computer mit WoW hatte und viel Zeit mit meinen Freunden und meiner Freundin verbracht", berichtet er. Schlaf hat er in den ersten Nächten kaum gefunden. Dazu kamen Schweißausbrüche und ständige Ablenkung. Erst nach einigen Tagen war das überwunden. Aus Sicht von Kai Müller, Diplom-Psychologe und Mitarbeiter der Ambulanz für Spielsucht der Uniklinik Mainz (dbna berichtete), sind diese Reaktionen durchaus typisch. "Das sind klassische Entzugssymptome von Süchtigen", so der Experte.

Dabei hatte Simon noch Glück. "Ich habe später mit ehemaligen Mitspielern gesprochen, viele haben sich in psychiatrische Behandlung begeben", sagt er. Zudem hat die Sucht in seinem sozialen und beruflichen Umfeld keine Schäden hinterlassen, auch wenn er zugibt, dass er sich mit WoW zwei Semester erschwert hat. Grund dafür seien die Adrenalinschübe, die das Spiel verursache, meint der BWLer: "Ich habe nie Drogen genommen, aber ich kann mir vorstellen, wie das Gefühl ist. Das Spiel startet und der Adrenalinrausch geht los." Vergleichbar sei das vielleicht noch mit Sex. Nach dem Spiel fühle man sich entspannter, aber Simon stellt eindeutig fest: "Jetzt mehrere Monate nach meinem Abschied fühle ich mich entspannter als jemals in diesem Spiel. Es wird einem etwas vorgegaukelt."

Große Resonanz bei Mainzer Ambulanz

Müller bestätigt dies und unterstreicht die Bedeutung der emotionalen Regulation bei Spielsüchtigen. Die emotionale Regulation sei ein Kernproblem bei vielen psychischen Störungen und Ansatzpunkt für therapeutische Intervention. Der Psychologe stellt klar, dass es noch kein einheitliches Therapiekonzept gebe, weil es an Erfahrungswerten in diesem Bereich mangele. "Wir sind auch derzeit die einzige Anlaufstelle in Deutschland und können so nur das Rhein-Main-Gebiet und einige angrenzende Gegenden abdecken", bedauert Müller, denn ein Mehrbedarf ist definitiv gegeben. "Die Resonanz ist groß. Wir hatten in vier Wochen 150 Anrufer - und schon die Hälfte davon hat feste Termine bei uns", berichtet er. Davon seien vierzig Prozent Betroffene und sechzig Prozent Angehörige von Spielsüchtigen. "Ein größerer Teil der Betroffenen ist jugendlich, weswegen sich in diesen Fällen die Eltern an uns wenden", lautet die Erklärung des Diplom-Psychologen. Simons Eindruck, dass es viele Arbeitslose und Akademiker unter den Süchtigen gebe, teilt Müller dagegen nicht. Aus allen sozialen Schichten gehen Anrufe bei der Ambulanz ein.

Der Einstieg für den Akademiker Simon war sehr einfach. Er kannte das Spiel vom Hören-Sagen schon länger und hatte Erfahrung mit anderen Online-Spielen. "Ich bin nicht blauäugig in die Sache hineingerutscht", gibt er zu. Ein Arbeitskollege schwärmte ihm dann solange vor, bis er doch beschloss es auszuprobieren. Heute kommt er zu dem Schluss, dass WoW im Vergleich zu herkömmlichen Rollenspielen erschreckend simpel sei.

Anfangs spielte er nur so viel wie andere Leute in ihre Hobbys investieren, wöchentlich etwa so fünf Stunden. Aber das steigerte sich nach einigen Wochen bei ihm immer mehr. Zuerst fielen die Hobbys, die man alleine macht, der Spielsucht zum Opfer: Lesen, Musik hören, Videos schauen. "Für mich gab es auf einmal nur noch WoW", gibt Simon mit einem Schlucken zu.

Gildenbildung, Streben und Ernüchterung

Neben der Spielerei kam für Simon noch etwas hinzu, was er als "virtuelle Beziehungen" bezeichnet. Ein wichtiger Aspekt auch für Müller: "Die Gildenbildung speziell in WoW schärft zudem das Verantwortungsbewusstsein. Man verabredet sich mit seinen Mitspielern für Zeiten tief in der Nacht und erfüllt die Missionen zusammen." Der Aussteiger selbst sieht noch andere Vorteile: Wenn man keine Lust auf den anderen habe, könne man einfach offline gehen anders als im echten Leben. Zudem zählt in WoW wie im echten Leben Zuverlässigkeit, das bedeutet dreißig Stunden in der Woche WoW und Bewunderung der Mitspieler.

So kam es schließlich dazu, dass Simon in WoW 42 Tage innerhalb von 9 Monaten verbrachte. Das sei aber noch wenig. "Ich weiß von Spielern, die mehr als zwei Jahre ihres Lebens in WOW verbracht haben", grinst der 24jährige. Natürlich wüssten die meisten Spieler, dass sie süchtig seien. Damit bestätigt Simon das Ergebnis der Studie von 2005. Er schränkt das aber ein, denn man würde die Sucht nicht als negativ empfinden, da das Spiel ja wirklich viel Spaß mache. Die Folgen, während man so eingebunden ist, werden ausgeblendet. Simon sieht das alles inzwischen kritisch: "Im Nachhinein relativiert man das und schaut sich an, was die Kosten sind."

Dennoch verflucht der Student nicht, mit WoW überhaupt je angefangen zu haben. Letztendlich sei WOW nicht anders als eine von vielen legalen Drogen. "Bereut man es, einmal ein Bier getrunken zu haben?" fragt Simon. Allerdings bedauert er eines: die Intensität des Spielens. Er wollte zu den Besten gehören. Geschafft hat er es aber gerade mal unter die besten zwanzig Prozent seines Servers. Der Beste sei er längst nicht gewesen, denn dafür sei sein Zeiteinsatz immer noch viel zu gering gewesen, stellt er ernüchtert fest. Es gleicht dem Kater danach.

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Weitere Quellen: wow-europe.com