Wa(h)re Bildung

Redaktion Von Redaktion

Alles ist scheiße. Eine der wenigen klaren Thesen, auf die sich die Deutschen heute noch einigen können. Deswegen rufen wir nach mehr Arbeit, mehr Geld und mehr Gerechtigkeit.

Alles ist scheiße. Eine der wenigen klaren Thesen, auf die sich die Deutschen heute noch einigen können. Die gegenseitige Akzeptanz der verteufelt schlimmen Lage, in der mensch sich befindet, scheint das gesellschaftliche Fundament für jeden weiteren Dialog zu sein: "Mehr Arbeit!", "Mehr Geld!", "Mehr Gerechtigkeit!" Die Herrschenden wissen, was die Volkseele bewegt. Ach ja, Bildung gehört nicht dazu.

Ein Land, in dem die Politik sich gegenseitig zerfleischt und jungen angehenden Lehrern offen ein Selbstverteidigungskurs ans Herz gelegt wird, interessiert sich nicht wirklich für die eigenen Kinder. Kinder sind nur dann interessant, wenn sie putzig und unschuldig sind und den bösen Erwachsenen mit brennenden Rehäuglein noch ein schlechtes Gewissen machen können. Sobald die lieben Kleinen die Grundschule verlassen und in jene große heterogene, widersprüchliche, unberechenbare Masse von Heranwachsenden eintreten, geknechtet durch ein hoffnungslos veraltetes, von reaktionären Eliteprinzipien motiviertes Bildungssystem, verschwinden sie ganz ganz schnell aus dem politischen Bewusstsein und interessieren höchstens noch den Innenminister.

Jedes Jahr kommt für die deutsche Bildungspolitik dann der obligatorische Tritt in die Eier, in dem in einem Brief mit der hübschen Überschrift PISA die gegenwärtigen und damit die vergangenen Fehler angeprangert werden: Nur durchschnittliche Leistungen der Schüler im internationalen Vergleich und der Nachwuchs aus weniger gutgestellten Schichten hat ohnehin verloren. Wer das Pech hat, als Kind von langzeitarbeitslosen Eltern auf die Welt zu kommen, kann im Land der Dichter und Denker eine grandiose Karriere als Pizzabote oder Hilfsarbeiter starten. Der höhere Bildungsweg ist in astronomisch weiter Ferne für solche Kinder und wird selten überhaupt in Erwägung gezogen.

Das ist natürlich kein Grund, das deutsche Bildungswesen öffentlich zu diskutieren oder gar in Frage zu stellen. Anstatt sich eine wirklich grundlegende richtungsweisende Reform zu überlegen, die der zunehmenden Verwahrlosung und Ungerechtigkeit entgegenwirkt, ist es natürlich viel leichter an einem "bewährten" deutschen System festzuhalten ein fossiles Unikat, was in Europa seinesgleichen sucht. In der Tat betreffen die wenigen Reformen, die in der Bildungspolitik stattfinden, vor allem die Hochschulen. Das große Bildungsprojekt 2007 war dann auch die "Exzellenzinitiative", die den deutschen Bürgern großzügig Eliteunis versprach und suggerierte, man könne sich im Handumdrehen eigene kleine Harvards und Yales schaffen, an denen die Besten der Besten den deutschen Bildungsstandort durch exzellente Forschung veredeln.

Sieht man mal davon ab, dass die ganze Eliteförderung eine einzige große Politikercharade ist, in der es darum geht, lächerlich kleine Millionenbeträge auf die privilegierten Unis zu verteilen, hat der durchschnittliche Partizipant am lustigen Bildungsglücksspiel so ziemlich gar nichts davon.

Und so lange der politische Ideenbankrott weitergeht, dürfen wir uns weiterhin fragen: Ist denn nun wirklich alles scheiße?

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