Was tun...

Redaktion Von Redaktion

...wenn man nichts zu tun hat und in der Innenstadt ist? Rumbummeln undsich durch die Geschäfte treiben lassen. Das nächste Mal also dochlieber gleich ein gutes Buch mitnehmen.

Lieber Christoph!
 
Ich alter Hamburger? Aber, aber, Christoph, ich bin doch nicht alt...!Ganz schön harter Tobak, von dem du da berichtest. Aber klar, wer kenntdiese Situation nicht? Auch ich saß letztens im Bus, und konntemitanhören, wie die beiden älteren Damen vor mir sich über dieses"Ausländerpack" unterhielten, "das Arbeitsplätze wegnimmt und sowiesonur vom Staat lebt". Und außer ein paar bösen Blicken habe ich auchnichts gemacht, obwohl ich der blöden Kuh ungeachtet ihres Alters amliebsten in die Fresse geschlagen hätte.
 
Wiesoist man in solchen Situationen eigentlich nie schlagfertig? Wieso fehltes immer genau da an Worten? Es ist so deprimierend. Manchmal bräuchteman einfach einen Souffleur, der einem im richtigen Moment dierichtigen Worte zuflüstert, wie im Kino, als Mademoiselle Amélie Poulindem Monsieur Colignon vor allen Leuten an den Kopf werfen kann, dass er- im Gegensatz zu Artischocken - kein Herz hat.
 
Es ist wirklich ein leidiges Thema, über das wir vielleicht aucheinfach persönlich nochmal sprechen sollten. Schließlich wollten wiruns ja eh demnächst mal in München treffen. Und vielleicht einen Teetrinken gehen?
 
Es stellt sich ja eh immer die Frage, was man in einer Innenstadtüberhaupt machen soll, wenn man sich da trifft. Eigentlich sterben dieInnenstädte ja aus, liest man überall, wegen den Einkaufszentren undDiscounthändlern auf der grünen Wiese davor. Davon habe ich in Münchenallerdings noch nichts gemerkt. Da geht es schon immer mächtig zu. Aberabgesehen von Geschäften gibt es da auch nichts, was man nicht schonkennt, oder was irgendwie interessant wäre. Meistens auch keine Cafés.Was also tun, dort?
 
In fremden Städten finde ich es ja schon immer spannend, einfach sodurch den Ort zu laufen, einfach, weil ja jeder Ort andersfunktioniert, anders aussieht, anders wirkt - mal abgesehen von Essen,Mannheim und Köln: Die sind alle genau gleich gräßlich. Aber in einerStadt, die man schon kennt, muss man, wenn man sich die Zeit vertreibenwill, dann doch in Geschäfte gehen.
 
DieseSituation kennst du ja bestimmt auch: S-Bahn gerade verpasst, noch 20Minuten bis zur nächsten, keine Lust, die mitgebrachte Zeitung zulesen, weil man einfach doch schon alles über Israel und Palästinaweiß. Also wieder hoch an die Oberfläche, in die Fußgängerzone. Derlokale Buchgroßhandel ist ja immer eine erste Anlaufstelle, es geht jaum Bücher und das kann somit nicht schlecht sein. Gleich beim Eingangwird man dann erschlagen vom Pabst. Der eine ist tot, der andere neu,zu beiden braucht die Welt Bücher, und zwar jede Menge. Glaubt sie zumindestens. Es ist doch immer wieder faszinierend, wie schnell einVerlag es schafft, eine Biographie herauszugeben, und zwar in hoherAuflage.
 
Dann die "Bildbände". "Kochen für Männer". "Das zerbombte München -Bilder aus der Landeshauptstadt nach 1945". "30 Jahre Ferrari"."Lustige Schmetterlinge für den Balkon - Basteltipps undGeschenkideen". Yeah, yeah, das rockt, lieber zur Belletristik. Dortdann ein Tisch voller Bücher, die man schon kennt gemischt mit welchen,bei denen man schon entschieden hat, sie nicht zu kaufen. Abgesehen vomneuen Karen Duve, den wollte man doch schon immer lesen, wieso alsonicht gleich mitnehmen. Das Argument, dass auf meinem Nachttisch nochgrob geschätzte zwölf ungelesene Bücher liegen, fällt mir in dem Momentnie ein. Und ansonsten gibt es doch irgendwie kein vernünftigscheinendes Argument, ein Buch nicht zu kaufen. Ganz schlimm sind daauch Zeitschriften. Ist doch alles Information, Weiterbildung!
 
Am Ende steht man dann mit einem Buch und einer Zeitschrift an derKasse. Weil man da so lange warten muss, verpasst man auch gleich nochdie nächste S-Bahn. Und obwohl man jetzt was zu lesen hätte, dasspannender ist als die Trivialität täglicher Bombenattentate, lässt mansich lieber weiter treiben, schließlich ist das Wetter zu schön, um nurim U-Bahn-Schacht zu sitzen.
 
Weltumspannende, skandinavische Billigklamottenhersteller locken einendann doch wieder von der Straße. In der Frauenabteilung, durch die Mannja grundsätzlich zuerst durchmuss, dominieren Blümchen und Rüschchen.In der Herrenabteilung dann der klare Schnitt, unifarben, legère. Wasfür ein Rollenbild. Und brauchen tut man da natürlich auch nichts, aberdurchschaun geht immer, dann sieht man ein T-Shirt, das irgendwie dochbesser aussieht als all die zwanzig, die man zu Hause im Schrankhat....
 
Konsumaus Langeweile. Die Tricks der Ladenketten funktionieren manchmalwirklich, das ist das deprimierendste. Ich bin für einen Innenstadtzoo.Oder eine Kunstausstellung im U-Bahn-Zwischengeschoß. Dann käme mannicht auf dumme Gedanken und man hätte mehr Geld aufm Konto. Immerhinkommt es bei mir meistens erst gar nicht so weit, weil ich vom letztenMal noch ein Buch oder eine Zeitschrift in der Tasche, somit wasspannendes zum Lesen habe und den Bahnsteig erst gar nicht verlasse.Aber manchmal passiert es dann halt doch.
 
Vielleicht sollten wir also, wenn wir uns das nächste Mal inirgendeiner Stadt treffen, sofort aus der Innenstadt rauslaufen. InMünchen vielleicht zur Isar oder in den Englischen Garten. Da kauft mansich dann höchstens ein Eis.
 
Darauf freut sich:


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