Weissenburg vor dem Aus

Redaktion Von Redaktion

Stuttgarts zentraler, nichtkommerzieller Anlaufstelle von Schwulen undLesben sollen die städtische Förderung gestrichen werden. DerTrägerverein Weissenburg e.V. steht so vor dem Ende.

Für die Prinzen und die Königskinder (KöKis) ist es ein wahrer Albtraum: Ab 2010 sind sie wohl wenn kein Wunder passiert heimatlos. Kein Treffen der beiden schwulen Jugendgruppen Stuttgarts vergeht, bei dem die Zukunft der Zusammenkünfte nicht Thema wäre. Ratlosigkeit hat sich breit gemacht. Aber nein, aufgeben wollen sie dann doch nicht. Sie kämpfen um ihre Heimstatt.

Was ist passiert? Am 06. Oktober 2009 erhielt der Vorstand des schwul-lesbischen Zentrums Weissenburg von der Stadt die böse Mitteilung: Im Rahmen der Haushaltskonsolidierung soll nach einem Vorschlag des zuständigen Fachamts der Zuschuss für die Arbeit des Vereins komplett gestrichen werden.

Treffpunkt, der Geburtsort und die Heimat der Prinzen und der Kökis

Die Weissenburg ist auch der Treffpunkt, der Geburtsort und die Heimat der Prinzen und der Kökis. Daneben haben sich noch über 20 weitere Vereine der schwul-lesbischen Community mit insgesamt mehr als 2.000 Mitgliedern zusammengefunden. Beratungszentrum, Freizeitgestaltungsmöglichkeit, Veranstaltungsort, Fluchtstätte, Anlaufpunkt, ein zweites Zuhause das alles und viel mehr stellt die Weissenburg dar. Vergleichbares gibt es für Schwule und Lesben im Stuttgarter Raum nicht, gerade nicht für die jungen Schwulen, die in der "Szene" ihre ersten Schritte machen wollen. Für die Prinzen und die Kökis ist das Zentrum, das auch ein eigenes Café beherbergt, ein unverzichtbarer Ort.

Die Empörung bei den Mitgliedern der Gruppen ist groß. "Es ist eine absolute Unverschämtheit!" empört sich der 17-jährige Fabian, ein Mitglied der Prinzen. Sein ein Jahr jüngerer Namensvetter, der seit dem ersten Tag der Prinzen mit dabei und inzwischen Sprecher der Gruppen ist, sagt: "Es ist unglaublich, dass eine solch wichtige Anlaufstelle wie die Weissenburg nicht mehr gefördert werden soll." Die Weissenburg bedeute für ihn Freundschaft, Geborgenheit und ein Ort der Gemeinschaft. Er könne sich ein Stuttgart ohne Weissenburg nicht vorstellen. "Es wäre ein herber Verlust."

Nichtkommerzialität in allen Bereichen

Hier wird also den schwulen Jugendlichen aus der schwäbischen Metropolregion Unterstützung, nichtkommerzielle Selbsthilfeberatung (auch für ältere Schwule), ehrenamtliche Kulturarbeit von Schwulen und Lesben und Aufklärung über HIV-Prävention sowie Verhütung anderer Geschlechtskrankheiten geboten. Gleichzeitig beherbergt das Zentrum eine nichtkommerzielle Bibliothek für Schwule und Lesben und bietet kostengünstigen Platz für Veranstaltungen aller Art.

Seit 2002 Jahr erhält der Weissenburg e.V. für Jahr einen Zuschuss in Höhe von 25.000 Euro aus der Selbsthilfeförderung der Stadt Stuttgart, um ihre Betriebskosten bestreiten zu können. Dazu gehören unter anderem ein Teil der Mietkosten für die Vereinsräume, Kosten für die Öffentlichkeitsarbeit und unterschiedliche thematische Veranstaltungen. Das bereits genannte Café trägt sich mit seinen Einnahmen dabei selbst und unterstützt sogar noch mit seinen Überschüssen die Vereinsarbeit der Weissenburg.

Zuschüsse begannen für Mietkosten

Die städtische Förderung begann 2000, nachdem der Verein nicht mehr in der Lage war über seine wirtschaftlichen Aktivitäten die Mietkosten für die Vereinsräume vollständig zu finanzieren. Zu diesem Zeitpunkt war der Weissenburg e.V. schon vier Jahre in den heutigen Räumen untergebracht.

Inzwischen ist eine dauerhafte Finanzierung des Vereins aufgrund der wirtschaftlichen Situation so, dass man unabdingbar auf die Zuschüsse Stuttgarts angewiesen ist. Wird die Förderung tatsächlich eingestellt, wird der Verein seine Räumlichkeiten aufgeben müssen und somit auch seine Arbeit weitgehend einstellen. Da das Gebäude wegen Vertragsvereinbarungen auch in seinen Ursprungszustand zurückgebaut werden muss, bleiben auch keine Finanzreserven übrig, um einen Neustart an anderer Stelle zu wagen. Ohnehin ist es nicht sicher, ob die Rücklagen für die Verpflichtung genügen. Die wirtschaftliche Insolvenz ist für den Weissenburg e.V. bei dem derzeitigen Szenario unausweichlich.

Unerträgliche Situation

Die beiden Jugendgruppen lässt das Thema auf jeden Fall nicht los. Kein Treffen vergeht, ohne dass nicht über die Ängste vor der möglichen Schließung ihrer "Burg" gesprochen wird. Gerade für die jüngere Gruppe ist die Situation unerträglich. Sie wollen wissen, wie es weitergehen soll. "Die Burg ist einfach ein fester Bestandteil unserer Gruppe. Hier fühlen wir uns wohl", bekennt der 16-jährige Gruppensprecher Fabian. Eine perfektere Anlaufstelle gäbe es nicht. Beide Gruppen genießen die ungezwungene und lockere Atmosphäre, die ihnen die Weissenburg bietet.

Aber warum die Streichung gerade jetzt? Vorgeschoben wird bei allen Streichungen Stuttgarts die Wirtschaftskrise, wegen der 75 Millionen Euro eingespart werden sollen. Solche Zuschüsse für eine Minderheit also wie für die Weissenburg , die eine gesellschaftliche Aufwertung in den letzten zehn Jahren erfahren habe und theoretisch integriert worden sei, seien wohl nicht mehr nötig, vermutet zumindest der Vorstand des Weissenburg e.V. in seiner Erklärung. Dass auch gerade in wirtschaftlich schlechten Zeiten Minderheiten immer noch dem Frustrationsabbau dienten und unter die Räder gesellschaftlicher Verwerfungen gerieten, werde ausgeblendet genauso wie die immer noch bestehenden Missstände. Gerade deswegen dürfe die Vorfeldarbeit nicht vernachlässigt werden, was aber gerade durch die Streichung und der bevorstehenden Schließung der Weissenburg passiere. Der notwendige öffentlich zugängliche und geförderte Raum werde bildlich gesprochen vermauert.

"Affront gegen die schwul-lesbische Community"

Die vielfältigen Möglichkeiten, welche die Weissenburg bietet kann durch keine andere kommerzielle oder nichtkommerzielle Einrichtung oder Organisation übernommen werden. Der Weissenburg e.V. selbst wertet die Streichung als eindeutigen "Affront gegen die schwul-lesbische Community". Diese Sicht der Dinge ergibt sich für ihn, indem der Haushalt der baden-württembergischen Landeshauptstadt in Relation setzt. So weist der städtische Etat einen Umfang von 2,5 Milliarden Euro pro Jahr auf. Das bedeutet, dass 25.000 Euro einem Anteil von 0,001 % entspricht. Sollten von den 600.000 Einwohnern Stuttgarts jeder sechste, also 100.000 einer Beschäftigung nachgehen, so würden von jedem Einzelnen Erwerbstätigen 25 Cent pro Jahr genügen, um die Weissenburg zu erhalten. Diese 25 Cent entsprechen dem Preis für eine Packung Backhefe oder einer einzelnen Zigarette.

Auch Markus Doster, der Betreuer der ihs für die Prinzen, betont: "Die ihs wird nicht mehr in der Lage sein, die bisherige Jugendarbeit mit der gleichbleibenden Qualität und entsprechenden Anspruch fortzuführen." Die ihs (Initiative Homosexualität Stuttgart) ist der Träger für die Jugendarbeit, als für die Prinzen und die KöKis. Die schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit, die man mit anderen Institutionen gemacht habe, sprechen ausschließlich für den Erhalt der Weissenburg, so Doster weiter.

Postkartenaktion, Online-Petition, Anwesenheit bei Gemeinderatssitzung

Daher kämpfen nun die einzelnen Gruppen der Weissenburg um das Überleben ihres Zentrums. Die Prinzen haben sich einzeln mit einer Postkartenaktion an die Mitglieder des Stuttgarter Gemeinderats gewandt und dabei die Bedeutung der Weißenburg für ihre Gruppe unterstrichen. Mit ihren Stimmen haben sie zu der Online-Petition auf www.schwulst.de beigetragen, die aber leider nicht mehr zugänglich ist. Und zusammen wollen KöKis und Prinzen eine Gemeinderatssitzung im Rathaus Stuttgarts aufsuchen, um auch persönlich ihre Solidarität mit der "Burg" zu zeigen und die Notwendigkeit der Zuschüsse zu unterstreichen. Zudem beziehen sie ihre Familien, Freunde und Bekannte mit ein, um möglichst vielen Bürgern klar zu machen, dass es die Weissenburg einfach braucht.

In der Politik kommen die Forderungen inzwischen auch an: Während sich die SPD glasklar in einem Antrag für den Erhalt der Zuschüsse an die Weissenburg ausspricht, stellen sich Grüne und Linkspartei/SÖS generell gegen eine Kürzung im Gesundheitsbereich, wozu auch die Zuschüsse der Weissenburg zählen. Die anderen Fraktionen wie beispielsweise die CDU und die FDP äußerten sich bislang nicht. Aber: Sollten sich SPD, Grüne sowie die Fraktion der Linkspartei und SÖS, die sich im Stuttgarter Gemeinderat zusammengeschlossen haben, Einigkeit zeigen, dann wären die Zuschüsse gesichert. Zusammen besitzen die drei Fraktionen nämlich 31 von 60 Gemeinderatssitzen.

Hoffnungsschimmer? - "Alles Verhandlungssache"

Ein Hoffnungsschimmer am Horizont? Joachim Stein, Vorstand des Weissenburg e.V., ist skeptisch. "Letztendlich ist diese knappe Mehrheit nicht sicher. Alles ist Verhandlungssache", so der engagierte und um das schwullesbische Zentrum bemühte Stein. Am Ende komme es darauf an, wie die einzelnen Fraktionen ihre unterschiedlichen neuen Projekte unter anderem im Bereich Bildung und Umwelt gewichteten und das dann verhandelten.

Die letzte Lesung über den Haushalt Stuttgarts wird am 18. Dezember 2009 stattfinden. Dann fällt die Entscheidung über die Zukunft der Weissenburg - endgültig.

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Weitere Quellen: iStockPhoto.com / Weissenburg e.V.