"Wenn einer aus dem Nest fällt"

Redaktion Von Redaktion

Margit Tetz war jahrelang für das Dr.-Sommer-Team der BRAVO tätig und hat sich mit den kleinen und großen Problemen der Jugendlichen beschäftigt. Heute leitet sie eine Personal-Help-Show auf ProSieben. Margit Tetz hat uns freundlicherweise einige Fragen beantwortet.

Margit Tetz war jahrelang für das Dr.-Sommer-Team der BRAVO tätig und hat sich mit den kleinen und großen Problemen der Jugendlichen beschäftigt. Heute leitet sie eine Personal-Help-Show auf ProSieben. Margit Tetz hat uns freundlicherweise einige Fragen beantwortet.

Boomer: Toll, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Frau Tetz. Wovon halte ich Sie denn im Moment ab?

Margit Tetz: Ehrlich gesagt, schlafen zu gehen. Es ist weit nach Mitternacht - aber ich bin ziemlich nachtaktiv. Dafür komme ich morgens dann nicht aus dem Bett.

Boomer: Von der BRAVO zu ProSieben. Wie ist das vor sich gegangen?

Margit Tetz: Das lässt sich ganz einfach beantworten: Ich wurde ganz überraschend zu einem Casting eingeladen, die wollten mich haben, dann wurde der Pilot gemacht ... na ja, und da bin ich.

Boomer: Die meisten Jugendlichen werden Sie mit Dr.-Sommer-Team aus der BRAVO in Verbindung bringen. Können Sie uns einen Einblick geben, wie oft Homosexualität bei den Problemen und Sorgen der Jugendlichen eine Rolle gespielt hat?

Margit Tetz: Im Dr.-Sommer-Team bin ich nicht mehr seit der "Jugendberaterin", obwohl BRAVO mein "Baby" war. Aber es ist ja mittlerweile nach über 16 Jahren auch schon ein bisschen erwachsen ;-). Klar hat das Thema Homosexualität eine große Rolle gespielt, bei Jungs wie bei Mädchen. Deshalb wird es ja auch bei der "Jugendberaterin" immer wieder aufgegriffen.

Boomer: Welches waren denn die häufigsten Fragen, die Ihnen von homosexuellen und bisexuellen Jugendlichen gestellt wurden?

Margit Tetz: Kann es sein, dass ich lesbisch/schwul bin? Wie bringe ich es den anderen bei, dass ich schwul bin? Wie und wo finde ich Kontakt zu schwulen Jungs? Kann sich "das" mal wieder ändern?

Boomer: Gab es einen Fall, der Sie besonders berührt hat und der Ihnen noch heute im Gedächtnis ist?

Margit Tetz: Einen??? Sehr viele. Die Arbeit bei BRAVO hat mein Weltbild verändert. Ich wusste nicht, was Erwachsene Kindern und Jugendlichen antun können, wie viel Wahnsinn es auf dieser Welt gibt. Aber es gab auch ganz leichte, angenehme Kontakte mit viel Spaß. Gerade erinnere ich mich an das Mädchen, das mich noch spät am Abend in der Redaktion anrief und fragte, was sie mit dem Vögelchen machen soll, das eben aus dem Nest über dem Balkon gefallen ist. Die Eltern wären nicht da ... na ja, Dr. Sommer kann man ja alles fragen. Ich hatte aber auch viele langfristige Kontakte zu Schwulen, habe sie beim Coming-Out begleitet. Und auch Mädchen. Zu einigen habe ich noch heute Kontakt.

Ich erinnere mich, dass sich ein Markus mal über Bravo-TV outen wollte, in der Dr.-Sommer-Rubrik. Ich hab lange mit ihm geredet, weshalb er das wolle, weil es sich nach Trotz und Rache seinen Eltern gegenüber anhörte. Ich habe ihm zur Auflage gemacht, dass er erst mit seinen Freunden darüber reden solle, später mit seinen Eltern, habe ihn darauf vorbereitet. Dann erst habe ich ihn in die Sendung eingeladen. Er war so sehr gewachsen an dieser Erfahrung. Und so unendlich erleichtert.

Boomer: Sehen Sie die Arbeit in Ihrer Sendung bei ProSieben als eine Art Fortführung der Tätigkeit im Dr.-Sommer-Team? Wo sind Gemeinsamkeiten, wo sind die Unterschiede?

Margit Tetz: Nein, das ist eine ganz eigenständige Sache. Obwohl das Team der Jugendberaterin täglich an die vierzig bis fünfzig Briefe und E-Mails bekommt. Das ist eine ganze Menge. Gemeinsam hat die Arbeit bei BRAVO mit der "Jugendberaterin" heute, dass ich Aufklärung betreibe, wenn es zum Beispiel um Vorurteile geht. Auch wenn die "Jugendberaterin" mit Darstellern arbeitet, um Fälle nachzuspielen (die fürs Fernsehen dramaturgisch aufbereitet werden). Und das ist auch gleich der Unterschied zu BRAVO.

Boomer: Es ist uns ein großes Anliegen, Jugendliche bei ihrem Coming-Out mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Wie sähe der Rat des Dr.-Sommer-Teams in einem solchen Fall aus?

Margit Tetz: Bitte bei Dr. Sommer nachlesen :-)! Also: Mit demjenigen anfangen (ihn/sie einzuweihen), der/die einem vertraut ist, nicht unbedingt mit den Eltern. Sich nicht drängen (lassen), alles im eigenen Tempo zu seiner Zeit. Wir haben von anderen Jugendlichen berichtet und ihren Erfahrungen - und wie wahnsinnig erleichtert die waren, diesen Schritt endlich gemacht zu haben, welche Energie das freigesetzt hat. Und natürlich: Falls möglich, sich einer Coming-Out-Gruppe anschließen. Da wird erst deutlich, wie viele schwule Jungs es gibt - und es ist entlastend und ermutigend zu hören, wie andere die ersten Schritte erlebt haben, welche Erfahrungen sie gemacht haben.

Boomer: Wenn Sie einmal an den Anfang Ihrer Arbeit bei der BRAVO zurückdenken, inwieweit haben sich dann die Themen rund um die Homosexualität in den Köpfen der Jugendlichen geändert? Beschäftigt schwule Jungs heute dasselbe wie früher?

Margit Tetz: Nein, insgesamt ist die Haltung Schwulen gegenüber viel liberaler geworden. Und früher, vor etwa 20 Jahren, wurde eher beschwichtigend auf die Frage geantwortet: "Könnte es sein, dass ich schwul bin?". Eher im Sinn von "möglicherweise vorübergehende Neigung". So, als ob man sich die Finger nicht mit einer klaren Aussage verbrennen wollte. Und der "betroffene" Jugendliche konnte sich selbst gegenüber auch nicht Stellung beziehen. Aber damals war es auch unter Heterosexuellen noch viel üblicher als heute, die ersten sexuellen Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht zu machen. Meine Haltung zur "Bin ich schwul?"-Frage war und ist, das zu leben, was man gerade da hat. Das heißt, wenn ich mich fast ausschließlich in Jungs verliebe, dann ist das eben Priorität. Dann lebe ich danach.

Boomer: Was kann getan werden, um endlich noch mehr Akzeptanz für Homosexuelle zu erreichen? Oder wird schon genug getan?

Margit Tetz: Von Homosexuellen selbst: mit Selbstverständlichkeit dazu zu stehen - so wie es ja schon häufig geschieht. Ohne nach Gründen zu suchen, ohne sich zum Opfer der Gesellschaft zu machen, die immer noch "so böse" ist und nicht tolerant genug. Es IST selbstverständlich, schwul oder lesbisch zu sein, und braucht keine Rechtfertigung.
Als Nicht-Homosexueller: sich einfach mal zu überlegen, wie es wäre, wenn ich mich als Frau dazu erklären müsste, warum ich ausgerechnet einen Mann liebe. Oder wie es wäre, wenn mir als Mann jemand verbieten würde, mich in eine Frau zu verlieben. Das genügt. Wir können es uns nicht wirklich aussuchen. Nach dem zu leben, was ist, ist "normal". Ganz gleich, ob sich ein Junge in einen Jungen oder ein Junge in ein Mädchen verliebt.

Boomer: Frau Tetz, eine letzte Frage habe ich noch: Können Sie Vätern und Müttern, die mit dem Coming-Out ihres Kindes konfrontiert werden, einen Rat geben, wie sie sich verhalten sollen?

Margit Tetz: Wenn sie ihre Kinder nicht verlieren wollen, sollten sie sie als ihre Kinder lieben. Liebe ist bedingungslos. Wenn es den Eltern schwer fällt, die Homosexualität ihres Kindes zu akzeptieren, dann müssen sie erkennen, dass sie als Elternteil ein Problem haben, und nicht ihr Kind. Aber auch dieses Problem der Eltern lässt sich lösen. Vor allem im offenen Gespräch miteinander. Letztlich geht es eben darum, das anzunehmen, was ist.

Boomer: Ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihre Zeit und Ihre Mühe.

Margit Tetz: Gerne, jetzt sinke ich ins Bett.

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Weitere Quellen: Bilder mit freundlicher Genehmigung von ProSieben