Wenn Fäuste fliegen

Patrick Fina Von Patrick Fina

"Es sollte ein toller Abend werden, er endete in einer Katastrophe."Homophobe Gewalttaten gehören nach wie vor zum Alltag. Niemand weiß dasso gut wie Bastian Finke. Genaue Zahlen gibt es nicht. Das möchte derBerliner Soziologe ändern.

"Es sollte ein toller Abend werden. Wir wollten Tanzen gehen, den Alltag einfach nur für ein paar Stunden vergessen. Wir gingen in die Stadt, fühlten uns frei. Lachend und spaßend näherten wir uns dem Club, als plötzlich eine Gruppe Jugendlicher hinter uns anfing zu pöbeln. Was sie sagten, verstanden wir nicht. Nur ein Wort war deutlich zu erkennen: "Schwuchtel!". Sofort läuteten sämtliche Alarmglocken, aber da war es schon zu spät. Vier Fäuste flogen auf uns zu. Zu schnell, um ausweichen zu können. Der Abend endete in einer Katastrophe. Es dauerte Monate, dieses Erlebnis zu verarbeiten."

Eine Szene, die leider auch heute noch in Deutschland traurige Realität ist: Gewalt gegen schwule und bisexuelle Jugendliche gehört noch lange nicht der Vergangenheit an. Untersuchungen des Berliner Soziologen Dr. Michael Bochow zeigen, dass unter 2.000 Befragten schwulen und bisexuellen Männern rund 3% Opfer schwulenfeindlicher, körperlicher Gewalt waren. Werden Beschimpfungen und Beleidigungen dazugenommen, sind rund 15% der Befragten Opfer. Hinzu kommt das enorme Dunkelfeld homophober Gewalt, das Experten auf 80-90% schätzen: Neun von zehn Übergriffen werden nicht zur Anzeige gebracht.

Bastian Finke kennt diese Zahlen. Und viele der Opfer, die hinter diesen Zahlen stecken. Der diplomierte Soziologe arbeitet seit 16 Jahren beim Berliner Überfalltelefon MANEO. Täglich wird er mit homophober Gewalt konfrontiert. Er weiß: "Gewalterfahrungen sind als Erfahrungen nicht mehr rückgängig zu machen. Sie schreiben sich in die Seelen der Menschen wie Narben ein." Mit seinem Projekt MANEO sorgt Finke für konkrete Opferhilfe und Prävention. MANEO ist lateinisch und heißt so viel wie "ich werde bleiben" ich werde mich nicht unterkriegen lassen.

Gemeinsam mit einem Arbeitskreis aus erfahrenen Soziologen und Sozialwissenschaftlern hat Finke eine Onlineumfrage ausgearbeitet. "Mit unserer breit angelegten anonymen Studie werden wir empirische Daten zu Gewalterfahrungen von schwulen und bisexuellen Jugendlichen und Männern erheben können", sagt Finke. Etwas vergleichbares hat es in der Bundesrepublik noch nie gegeben. "Für uns sind vor allem Informationen über Vorfälle interessant, die sich in den letzten zwölf Monaten ereignet haben."

"Mit der Umfrage verfolgen wir zum einen das Ziel, uns einen deutlicheren Überblick über das Ausmaß homophober Gewalt zu verschaffen," sagt Finke. Außerdem werden die Ergebnisse Mitte des Jahres auf einer Fachkonferenz mit der Polizei diskutiert werden.

Interessierte können noch bis zum 31. Januar an der Umfrage teilnehmen.

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com