Wenn Schwule tanzen...

Falk Steinborn Von Falk Steinborn

Wenn Männer und Frauen auf dem Parkett tanzen, dann ist das normal. Waspassiert, wenn sich schwule Paare zum Tanzkurs anmelden? Sie stoßen aufProbleme. Ein Erlebnisbericht eines Tanzenden.

Mann und Frau schwingen auf dem Parkett das Tanzbein. Immer schön im Rhythmus bleiben. Ab und zu bekommt sie einen Tritt von ihm er ist Grobmotoriker. Aber ansonsten läuft alles glatt. Die Rollen sind klar: Tanzen ist auf Mann und Frau abgestimmt. Die Heteronormativität lebt. Was aber, wenn sich zwei Männer oder zwei Frauen an Slowfox und Tango wagen? Das Gedankenprotokoll eines Tanzenden.

25. März: Ein Abend mit Folgen

Es sind gerade Semesterferien. Mit meinem schwulen Nachbarn Tobias* sitze ich einmal mehr in meinem Zimmer des Studentenwohnheims. Wir inszenieren eine neue Folge unserer eigenen schwulen Filmreihe. Es gibt selbstgemachtes Popcorn. Das ist unser Ritual. Welchen Film wir sehen, ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass wir beschließen, gemeinsam zu tanzen. Der Plan ist gemacht - das Ziel so klar. Am Ende des Semesters müssen die Grundkenntnisse sitzen. Und wenn wir gut sind, dann können wir vielleicht auch am Uniball teilnehmen. Aber das ist reine Utopie. Immerhin sind wir beide echte Anfänger keine Tanzschule in der achten Klasse, kein Tanzkurs vor dem Abiball. Fehlanzeige auf der ganzen Linie.

17. April: Ein Raunen geht durch den Saal

Gesegnet mit diesen gar prächtigen Voraussetzungen geht es los. Wir reihen uns ein in eine Gruppe von blutigen Tanzanfängern. Dass es einen Überschuss an Frauen gibt, soll angesichts der Bevölkerungszusammensetzung nicht verwundern. Aber im Tanzkurs ist er besonders hoch. Umso mehr schaut die Tanzlehrerin mit ihren "Euch-Verkuppel-Ich"-Augen erwartungsvoll auf uns. Und noch ehe ein natürliches Zwinkern ihren Blick durchbricht, ruft sie schon die Damen auf, uns zu ihren Tanzpartnern zu machen. Oder sollte ich sagen, zu rhythmisch mitschwingenden Objekten? Egal. Denn dazu kommt es ohnehin nicht. Bevor die ersten Mädels ihre Entscheidung treffen können, mache ich klar: "Nein. Wir tanzen zusammen."

Geradezu erschrocken presst die Tanzlehrerin ein "Achso" heraus. Selten ist eine so einfache Antwort so bedeutungsschwanger gewesen. Entbindung sofort! Kein Aufschub mehr möglich. Das Ergebnis der Geburt: Ein beteuertes Verständnis, dem extreme Verwunderung nachschwingt, und welches  die Luft zum Stehen bringt. Ohnmacht! Nur das sich dominosteinartig ausbreitende Raunen im Saal und das Gekicher einiger Mädchen von dem ich nicht weiß, ob ich es mir nur einbilde - lenkt ein wenig von uns ab. Aber das Raunen bleibt. Es ist unser stiller Begleiter in der ersten Tanzstunde.
 

24. April: Wer führt hier eigentlich?

In die zweite Tanzstunde starten Tobias und ich optimistischer. Immerhin müssen wir uns nicht erneut outen. Und im Tanzkurs denken ohnehin alle, dass wir ein Paar sind. Eine Studentin in unserem Alter sagt sogar, wir seien süß zusammen. Doch trotz Schmeichelei haben wir ein ernstes Problem: Wer führt? Oder wie ein älterer Herr es auf den Punkt bringt: "Wer ist eigentlich von euch die Frau?" Ich habe mich Zeit meines Schwulseins immer gegen die Aufteilung in Mann und Frau gewehrt. Doch an dieser Stelle drohe ich zu kapitulieren. Tanzen ist, so scheint es mir immer deutlicher, Ausdruck von Dominanz und Unterwürfigkeit, dem klassischen Verhältnis von Mann und Frau. Aber wie damit umgehen?

Unsere ursprüngliche Strategie, dass Tobias bei den Standardtänzen führt und ich bei den lateinamerikanischen Tänzen, ist bereits in der ersten Stunde grandios gescheitert. Es muss eine andere Lösung her - sehr fix sogar. Und so beschließe ich, mich der Frauenrolle anzunehmen. Ich geselle mich zu den Damen, die sich parallel zu den Männern auf der anderen Seite des Raums in Stellung gebracht haben und ihre Schritte studieren. Vor, zurück, zur Seite, ran. Ich komme mir vor wie beim Schattenboxen für Tanzschüler - mit dem kleinen Unterschied, dass ich mit 15 Frauen in einer Linie stehe. Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht!

Aber so viel Weiblichkeit und Unterwürfigkeit die Schritte auch haben mögen es zählt, was ich daraus mache. Und so nehme ich beim nächsten gemeinsamen Tanz mit Tobias ganz emanzipatorisch die dominante Rolle ein statt mich von seiner Männlichkeit unterwerfen zu lassen: Frauenpower wie bei Alice Schwarzer und Ursula von der Leyen. Nur dass ich keine Zeitschrift oder ein Ministerium führe, sondern meinen männlichen Tanzpartner. Und das klappt gut. Unsere Strategie der führenden statt geführten Frau ist queer. Sie verändert das Verhältnis von Mann und Frau und ermöglicht das Takthalten mit der Heteronormativität. Wir feiern einen innerlichen Triumph.

08. Mai: Kinder, traut euch!

Bereits als ich das erste Mal die anderen Tanzanfänger gesehen habe, war klar: Die Hälfte der Männer hier ist schwul. Bisher sind Tobias und ich allerdings das einzige gleichgeschlechtliche Tanzpaar im Kurs. Aber warum? Den Gedanken mit einer Frau Tanzen zu lernen, halte ich geradezu für absurd. Immerhin werde ich später auch mal mit einem Mann tanzen. Warum also die ganze Anpassung? Nun, die Antwort finde ich in dieser Tanzstunde. Da Tobias verhindert ist, muss meine beste Freundin einspringen. Und als wäre das nicht Neuerung genug, wagt sich gerade an diesem Tag ein neues Männerpaar auf das Parkett. Da sie beide die Männerschritte gewohnt sind, fällt ihnen das Tanzen nicht besonders leicht. Ein echter Krampf. Von Harmonie keine Spur.

Ganz ladylike bieten sich deshalb meine Freundin und ich den jungen Männern an. Und während ich mit dem einen versuche, den Takt zu halten, verkünde ich ihm meine Freude darüber, dass es nun ein zweites gleichgeschlechtliches Pärchen gibt. Mein Tanzpartner aber schaut nur bedeppert drein statt sich über das Kompliment zu freuen. Und dann setzt er an: "Ich bin nicht..." Der Satz bleibt auf ewig unbeendet. Er schafft es nicht, dass Wort "schwul" zu sagen. Ungeachtet dessen, dass er hetero ist, wie ich später herausfinde, und nur vertretungsweise mit einem Mann tanzt, ist das die Antwort auf meine Frage, warum die anderen schwulen Männer mit Frauen tanzen. Es ist einfach die Angst, von anderen als schwul bezeichnet zu werden oder sich sogar als schwul zu outen. Tobias und ich haben diese Angst überwunden und gemerkt: Es lohnt sich. Also Kinder, traut euch!

* Name von der Redaktion geändert

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Weitere Quellen: photocase.com