Wer schwul ist, sollte viel beten!

Redaktion Von Redaktion

"Wenn mein bester Freund zu mir kommt und sagt: ‚ Ich habe mich wieder verliebt.‘ Was würde ich tun? Ich würde sagen: Viel beten! Bitte Gott, dass du mit dieser schweren Versuchung zurechtkommst. Es ist ein schweres Kreuz."

Es gibt diese Fernsehmomente, über die am Tag nach der Ausstrahlung überall gesprochen wird. Damals beispielsweise, als der Kandidat bei "Wetten dass" seine Künste im Wärmflaschenaufblasen zeigte. Man kommt morgens in die Schule oder ins Büro und sieht bereits kleine Grüppchen Mitschüler respektive Kollegen beieinander stehen, die sich unterhalten. "Guten Morgen!" sagt man und dann ist man auch schon mittendrin. "Hast dus auch gesehen gestern? Das war ja mal was!"

Solch ein Moment war die vergangene Ausgabe von "Menschen bei Maischberger" am letzten Dienstag nicht. Ein paar Wellen hat die Sendung dennoch geschlagen, unter anderem auch unter uns Homosexuellen. Warum?

Eingeladen waren an diesem Abend zwei Menschen, die wenig eint, die aber in ihren religiösen Überzeugungen Schulter an Schulter stehen: Fürstin Gloria von Thurn und Taxis und Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof des Bistums Köln. War die Fürstin früher als "enfant terrible" im deutschen Adel bekannt, so gilt sie heute als erzkonservative wenn nicht reaktionäre Katholikin. Meisner, der wegen seiner unmodernen Äußerungen immer wieder in die Schlagzeilen gerät, wird nicht umsonst als der härteste Hardliner in der katholischen Kirche gehandelt.

Diese beiden Gestalten hatten sich nun also auf den roten Sofas links und rechts von Journalistin Sandra Maischberger postiert und schossen auf alles, was sich bewegt. So sprach Meisner etwa einer geschiedenen Frau ab, für das Amt einer Familienministerin zu taugen: "Eine Frau, die Familienministerin ist, die sollte doch eine geglückte Familie und Ehe vorweisen können", sprach der Kardinal und bezog sich dabei auf die heutige geschiedene Bundeskanzlerin, die unter Helmut Kohl einmal das Ministerium für Frauen und Jugend innehatte.

Auch zum Thema Abtreibung hatten die beiden Gäste einiges loszuwerden. Da wird Abtreibung weltweit mit Massenmorden durch Hitler und Stalin verglichen. Auf der anderen Seite verteufelt aber Gloria von Thurn und Taxis auch die Verhütung mittels Pille und Kondom: "Die Pille ist eine Form von Abtreibung. Wenn sie diese Mini-Pille nehmen, dann möchte sich das arme Ding einnisten, wird aber gehindert daran." Ja, die meint das ganz ernst. Was also tun gegen ungewollte Schwangerschaft und gegen AIDS? Die Fürstin weiß Rat: "Was AIDS verhindert, ist, wenn man weniger schnaxelt", kurz darauf: "Treusein ist die Devise".

Ein heißes Eisen hatte sich Maischberger bis kurz vor Ende der Sendung aufbewahrt: Die Homosexuellen. Der Kardinal erklärt, warum im Katholizismus kein Platz für eine Ehe (oder ehe-ähnliche Gemeinschaft) zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern ist: "Die Kirche hat den Schöpfungssegen für Mann und Frau bekommen. Die Ehe ist ein Sakrament und das ist nur zu spenden einem Mann und einer Frau."

Fürstin Gloria, in deren Freundeskreis bekanntermaßen viele Schwule leben, hatte auch noch etwas zu dem Thema zu sagen: "Wenn mein bester Freund zu mir kommt und sagt: Ich habe mich wieder verliebt. Was würde ich tun? Ich würde sagen: Viel beten! Bitte Gott, dass du mit dieser schweren Versuchung zurechtkommst. Es ist ein schweres Kreuz."

Bei so viel starkem Tobak, der dort von beiden Seiten auf die Gastgeberin losgelassen wurde, blieben Sandra Maischberger nur einige trockene Kommentare. Als Meisner zum Beispiel äußert: "Ich würde mir bei einer Familienministerin wünschen, dass sie eine glückliche, gesegnete Ehe und Familie lebt", wirft sie ein: "Vielleicht hätte sie sich das auch gewünscht."

All diese Ansichten, die Meisner und Fürstin dort verbreiten, seien ihnen als Privatpersonen zugestanden. Sollen sie von Geschiedenen und Schwulen denken, was sie wollen. Niemand kann zu einer aufgeklärten Position gezwungen werden. Dass aber so getan wird, als seien alle diese Positionen die Meinung Gottes, das ist haarsträubend.

Bleiben wir doch mal bei den Tatsachen: Niemand von uns weiß, ob es einen Gott gibt. Und wenn es einen gibt, dann weiß niemand, was er denkt oder ob er so etwas wie Denken überhaupt tut. Seine Einstellung gegenüber Lesben, Schwulen und Menschen, die Kondome benutzen, ist uns nicht bekannt. Sie wird vom Christentum aufgrund von überlieferten Botschaften so ausgelegt.

Es ist schon einige Zeit her, dass Jesus auf unserer schönen Erde gewandelt ist. Die Aufzeichnungen darüber sind auch nicht die neuesten. Jetzt ist das so eine Sache mit der Überlieferung. Wer nicht weiß, wovon die Rede ist, dem sei das lustige Partyspiel "Stille Post" ans Herz gelegt. Was Jesus vor 2000 Jahren getan, gesagt, gemeint hat, wir können es nicht mit Bestimmtheit wissen. Und ob er damit Gott aus der Seele gesprochen hat, ist zudem fraglich. Also, liebe katholische Kirche, mal schön die Füße still halten!

Ich persönlich halte es in Glaubensangelegenheiten mit der schönen Wendung: Ich glaube an einen Gott, aber der kann halt auch nichts für sein Bodenpersonal. In diesem Sinne. Amen.

Übrigens, wer die Sendung nicht gesehen hat: Am 13. September gibt es um 23.15 Uhr eine Wiederholung bei 3sat.


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Weitere Quellen: Laura Mercedes Pöll, Roland Weißegger; istockphoto.com/iphotomission; fotolia.com/icholakov