Wie Erfolg zum Unglück wird

Redaktion Von Redaktion
Wie Erfolg zum Unglück wird
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Können unendliche viele Möglichkeiten in die Krise führen?Offensichtlich ja, denn mit Mitte, Ende zwanzig brechen bei nicht wenigenerfolgreichen jungen Menschen eine schwere Depression auf, die inzwischen aucheinen Namen hat: "Quarterlife Crisis".

Wer die Wahl hat, hat die Qual sagt der Volksmund. Und wieder einmalscheint der Volksmund recht zu haben, betrachtet man die heutigen 25- bis35-Jährigen, vor allem wenn sie gut bis hoch qualifiziert sind.

Die Freiheit, über vieles entscheiden zu müssen, was die eigene berufliche undprivate Zukunft betrifft, wird den Betroffenen zur (luxuriösen) Last. DieAngst, sich falsch zu entscheiden, wächst ins Unermessliche.

Begriff aus der Populärpsychologie

Dieses Phänomen hat inzwischen auch einen Namen: "Quarterlife Crises". DieserBegriff aus der Populärpsychologie bezeichnet eine Sinnkrise, welche nach demersten Lebensviertel um sich greift, also vor allem 25 bis 35-Jährige betrifft.

Die "Entdecker" waren Abby Wilner, 27jährige Webdesignerin, und AlexandraRobbins, 26 und Journalistin und zwar erkannten sie an sich selbst sowie bei vielenFreunden und Bekannten im gleichen Lebensalter Folgendes: Sie hatten Erfolge, fühltensich aber dennoch leer und genervt. Zudem fehlten ihnen Perspektiven. Ingemeinsamen Diskussionen stießen sie darauf, gaben dieser Depression ihrenNamen und gingen ihr auf die Spur: 200 Altersgenossen wurden interviewt und ihreAussagen analysiert. Die Ergebnisse veröffentlichten sie schließlich inBuchform. Der Titel: "Quarterlife Crisis".

Die Erkenntnis der beiden Autorinnen war simpel: immer häufiger sind jungeHochqualifizierte von Depressionen betroffen. Dies scheint vor allem dann derFall zu sein, wenn das Ende des Studiums naht oder bereits eingetreten ist undder Absolvent zum ersten Mal mit der "Realität" der Berufswelt in Berührungkommt. Experten sprechen von einem "Realitätsschock". Denn wo es im Studiumvielleicht nicht auf jede einzelne Veranstaltung ankam, ist die Sache jetztbitter ernst, Schonung gibt es keine mehr.

Symptome ähnlich wie bei "Midlife Crisis"

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Der Name dieser Sinnkrise erinnert nicht zufällig an die "Midlife Crisis", dieschon seit Jahrzenten in aller Munde ist. Die Parallele liegt dabei nicht nurim Begriff, sondern auch im Erscheinungsbild, da sich die Symptome ähneln.

Angst, Unsicherheit und Verwirrung sind nur ein Teil davon. Hinzu kommen unteranderem noch: Frust und Konflikte in Beziehung und Beruf; Selbstzweifelbezüglich der eigenen Identität und dem eigenen Können; Minderwertigkeitsgefühleund noch vieles mehr.

Wilners und Robbins Buch wurde in den USA zu einem Beststeller, öffentlicheAuftritte in bekannten Fernsehsendungen folgten. Die Leidensgründe scheinenluxuriöser Art zu sein: früher Erfolg und materieller Überfluss. Doch es gibtauch tiefere Ursachen dieses seelischen Schmerzes, den die Betroffenenempfinden.

Doch ist das nur in den USA so? Christiane Papastefanou, Psychologinaus Mannheim, betont, dass dies eben kein US-spezifisches Problem dieserAltersgruppe sei. Über die Symptome der "Quarterlife Crisis" werde auch inDeutschland seit zehn Jahren diskutiert, wenn eben auch nicht unter diesemNamen.

Zukunftsängste und Perspektivlosigkeit

Bei Christine Papastefanou erscheinen immer wieder junge Leute. Deren Probleme sindzusammengefasst: Angst vor der Zukunft und keine Perspektiven; so werde eszumindest der Mannheimer Psychologin immer wieder geschildert. Es gebe keinProblem verschiedener Einzelner, meint die Expertin. Vielmehr hänge es miteiner der gesellschaftlichen Entwicklung zusammen. Nicht nur Wertevorstellungenhätten sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert, auch seien diefolgenden Generationen immer mehr ohne Orientierung.

Ihnen stünden zu viele Möglichkeiten offen, zwischen denen sie nicht mehr entscheidenkönnten, erklärt Papastefanou weiter. Der mehrfache Wechsel des Studienfachessei häufig die Folge.

Nach dem Studium steht ein weiteres, nicht gerade kleines Problem an: Dasbisherige gewohnte Umfeld, das viel zur Selbstsicherheit und Selbstbewusstseinbeigetragen hat, fällt weg. Denn es gibt keine dauerhafte Beurteilung undBenotung mehr, mit denen die eigene Leistung jeweils bewertet wurde. BewährteHierarchien fallen weg, der Alltag ändert sich total.

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Dazu kommen neueVerantwortung, neue Erfahrungen sowie ein Gefühl der Unsicherheit hinsichtlichder Beständigkeit der eigenen Stellung, aber auch Enttäuschungen, was die eigeneWeiterentwicklung angeht. Daneben stehen die Ansprüche an die Arbeitsstellesowie an sich selbst und beides ist nicht niedrig. Zudem ist das Erlernen neuerSpielregeln anstrengend, die neuen Rangordnungen sowie soziale Regeln undMachtspiele werden nämlich als ungewohnt wahrgenommen.

Eigene Jugend wird glorifiziert

Die Welt des Jugendlichen zuvor wird im Nachhinein als "bunter" wahrgenommen,mit mehr Höhen, aber auch Tiefen, gerade was Emotionen angeht. Das jetzigeDasein wird dagegen als grau-in-grau wahrgenommen und neue Erfahrungen undVerantwortungen wirken mehr als Belastung anstatt als Herausforderung. Immerhinhat man als Jugendlicher schon vieles bis alles mitgemacht. Was sollte da jetztnoch locken, wo bleibt der Kick? Leere mache sich so im Leben der Mittzwanzigerbreit, meint Papastefanou.

Als wären jedoch die psychischen Veränderungen nicht genug, so muss derMittzwanziger auch die ersten körperlichen "Verfallserscheinungen" zu Kenntnisnehmen: Haarausfall und Geheimratsecken, Falten und graue Haare, vermindertekörperliche wie auch geistige Leistungsfähigkeit sowie überhaupt geringere Zeitfür Sport und Erholung.

Das alles ist Stress für den jungen Menschen, der häufig auch durch finanzielleKomponenten bereichert wird, wenn der größte Teil nicht sogar von diesenausgemacht wird. Berufliche Unsicherheit bedeutet finanzielle Unsicherheit.Berufliche Perspektiven und Aufgabenbereiche sind einem ständigen Wandelunterworfen.

Der Wettbewerbsdruck, der von den Kollegenausgelöst wird, ist ein weiterer Faktor. Die ständige gedankliche Präsenz von abzuzahlendenStudienkrediten und/oder des erhaltenen BAföGs gesellen sich daneben. Folgedessen ist meistens der Eindruck von der eigenen Überforderung durch dieeingegangenen Verpflichtungen, die im Gegensatz zu den eigenen Möglichkeiten zustehen scheinen.

Neue Studie erkennt vier Phasen

Wie man diese Probleme konkret lösen kann, weiß auchPsychologin Papastefanou nicht. Auch eine ganz aktuelle Studie hat keine Lösungan der Hand. Doch immerhin geht sie dieser Sinnkrise junger Erwachsener tieferauf den Grund. Von Dr. Oliver Robinson von der Universität Greenwich wurden 50 Personen zwischen 25 und 35 Jahreninterviewt. Sie mussten über ihre Krisenerfahrung nach dem ersten Viertel ihresLebens berichten. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse dienten Robinson zurEntwicklung eines vierstufigen Modells.

Im Schnitt dauert sie etwa zwei Jahre. Brüche im beruflichen Umfeld(Jobwechsel), im privaten Umgang (Beziehungsende) oder gar beides sind häufigder Fall.

Fühlt sich der Betroffene in der ersten Phase "eingesperrt" egal ob im Berufoder in der Beziehung , so steuert in Phase die als prekär empfundene Situationeiner Lösung zu. Laut Robinson kommt es hier nun zu nicht wenigen "emotionalenUmbrüchen", durch die der Betroffene neue Chancen entdeckt.

Phase drei dient dann der Restruktuierung oder gar dem Wiederaufbau des eigenenLebens. Am Ende, in der vierten Phase also, kommt es zu einer Konzentration aufdas, was den eigenen inneren Bedürfnissen entspricht, diese unterstützt undbestärkt.

Gewappnet gegen "Midlife Crisis"

Als eine Ursache macht Robinson auch den inneren Konflikt junger Akademikerzwischen beruflichem Erfolg und eigenen Lebensidealen aus, der diese eben ineine Sinnkrise führe.

Die Studie beinhaltet aber auch positive Merkmale. Denn 80 Prozent der Befragtengaben an, sie sähen diese Krise in der Nachbetrachung als "Katalysator fürwichtige positive Veränderungen".

Als weiteren positiven Aspekt vermutetRobinson, dass die "Quarterlife Crisis" später vor der "Midlife Crisis"schütze, wenn erstere erfolgreich überstanden wurde. Denn wer sich in jungenJahren schon neu ausrichten muss, dem dürfte das leichter fallen, als imhöheren Alter, wenn vieles schon in festen Bahnen verläuft. Ein schwachterTrost, zugegebenermaßen, aber immerhin ein Lichtblick.

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