Wir leben im Jahr 2014, nicht 1954

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Wir leben im Jahr 2014, nicht 1954
BR/Thomas Leidig

"Normal oder nicht normal?" steht auf dem Plakat, mit dem die ARD für die Toleranzwoche wirbt. Darunter ist ein junges schwules Paar zu sehen. Wer solche rückständigen Fragen stellt, trifft den Zeitgeist nicht und katapultiert die aktuellen Debatten meilenweit zurück.

Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten rufen ab Samstag zur Toleranzwoche auf und sendet Beiträge über Schwule, Migranten, Menschen mit Behinderung und andere Gruppen, die laut ARD wohl toleriert werden müssen. Das ist an sich lobenswert. In einer Zeit, in der immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen, gleichzeitig Hooligan-Demos stattfinden und eine rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) in ein Parlament nach dem anderen einzieht, ist es wichtiger denn je, für eine vielfältige und offene Gesellschaft zu werben.

Doch was die ARD macht, ist rückständig. Alleine schon der Begriff Toleranz ist falsch, impliziert er doch lediglich eine passive Duldung. Was nur toleriert wird, kann sich schnell ändern und plötzlich umschwenken. Viel besser wäre es gewesen, hätte man die Akzeptanzwoche ausgerufen dahinter steckt Verständnis und Zustimmung. Wer Schwule toleriert, der hat nichts gegen sie, dem sind sie egal. "Egal" kann sich aber schnell ändern. Wer sie und andere Minderheiten   jedoch akzeptiert, der hat verstanden, dass sie gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sind. Akzeptanz erfordert das aktive Zustimmen, Toleranz ist nur passiv.



Wichtiger als Wörter: Inhalte. Doch auch die vermitteln ein rückständiges Weltbild

Ja, über Begrifflichkeiten lässt sich streiten. In der Umgangssprache sind die Übergänge von Toleranz und Akzeptanz fließend, denn nicht jeder hat immer einen Duden dabei. Trotzdem hätte hier ein starkes Zeichen gesetzt werden können, wenn statt Toleranz zu Akzeptanz aufgerufen wird.

Viel wichtiger sind aber sowieso die Inhalte. Wenn da auf Plakaten gefragt wird, ob Schwule normal oder nicht normal sind oder ob dunkelhäutige Menschen eine Belastung oder Bereicherung sind, dann vermittelt das ein rückständiges Weltbild. Die ARD glaubt also ernsthaft, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung noch fragt, ob Homosexualität normal ist. Wir leben im Jahr 2014, nicht 1954.

"Wir greifen existierende Themen und Debatten auf, beziehen aber mit der Plakatkampagne keine Position, sondern wollen Denkanstöße geben", heißt es in einem Statement der ARD, das sie aufgrund der vielen Kritik veröffentlichte. Nein. Die aktuellen und wichtigen Debatten wirft sie damit meilenweit zurück. Heute geht es um die vollständige Gleichstellung bei der Ehe, um Adoption und darum, die Urteile nach Paragraf 175 aufzuheben. Wer jetzt anfängt zu fragen, ob sich liebende Männer und Frauen normal sind, der stellt damit auch die aktuellen Debatten infrage. Weil wir uns einig sind, dass Homosexualität normal sind, diskutieren wir darüber, was das für Folgen haben muss.

Gut gemeint, aber das Ziel verfehlt


Sogar die katholische Kirche ist weiter, indem sie Homosexuellen "mit Respekt begegnen" möchte. Die Ewiggestrigen, die Schwule heilen wollen, lassen sich von einer ARD-Toleranzwoche sicher nicht umstimmen. Und wenn in einer Talkrunde die Frage gestellt wird, "was müssen wir uns gefallen lassen was nicht?" dann zeigt das wieder das Machtgefälle, von dem der öffentlich-rechtliche Sender offenbar ausgeht. "Wir" das ist also der weiße, heterosexuelle Deutsche, der sich von Minderheiten so einiges gefallen lassen muss. "Ist sich das knutschende schwule Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz es seinen Mitreisenden abverlangt?", heißt es im Ankündigungstext zur Sendung auf der Seite des Hessischen Rundfunks. 


Dass dabei auch noch Matthias Matussek mitdiskutiert, ist nur die Spitze des Eisberges. Der Journalist bekannte sich Anfang des Jahres in einem Kommentar dazu, homophob zu sein: "Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so." Wie viel Toleranz ist von so jemandem zu erwarten?

Alles in allem ist die Toleranzwoche in der ARD gut gemeint. Sicher sind auch interessante Beiträge mit dabei, der Film "Steh zu dir!" zum Beispiel. Gut gemeint heißt in diesem Fall aber leider auch: Ziel verfehlt.

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Weitere Quellen: BR/Thomas Leidig