"Wir versuchen, Hoffnung zu vermitteln"

Redaktion Von Redaktion

Vor 20 Jahren wurde der erste Welt-Aids-Tag begangen. In Westeuropa und in Nordamerika hat sich das Bild von Aids seither radikal gewandelt. Dr. Gerd Deutschinoff befasst sich seit Anfang der 90er mit der Krankheit. Er erklärt, was eine HIV-Infektion heute bedeutet und welche guten Gründe es gibt, sich davor zu schützen.

Aids ist in Westeuropa und Nordamerika von einer tödlichen Bedrohung zu einer chronischen Krankheit geworden. Dr. Gerd Deutschinoff hat diesen Wandel miterlebt. Seit Anfang der 90er Jahre hat er mit Unterbrechungen in der HIV-Ambulanz im Allgemeinen Krankenhaus in der Ruhrgebietsstadt Hagen gearbeitet. Die Ambulanz versucht, eine Rundumbetreuung für HIV-Patienten zu gewährleisten. Das reicht vom HIV-Test bis zur Vermittlung von Facharztterminen, die sonst nur schwer zu bekommen sind. Gemeinsam mit der Aidshilfe versuchen die Ärzte, den Patienten auch in sozialen Notlagen zu helfen.



Wann kommen Menschen zu Ihnen, um sich testen zu lassen?

Entweder wenn sie den Verdacht haben, dass sie sich infiziert haben könnten oder weil sie zu einer Risikogruppe gehören und einfach sagen: Ich mache alle halbe Jahre einen HIV-Test, einfach damit ich weiß, ob ich positiv bin. Oder weil sie eine Partnerschaft mit jemandem haben, der HIV-positiv ist. Und es gibt auch Patienten, die einen zweiten Test haben wollen, weil sie einfach nicht glauben können, dass der erste Test positiv war.

Wie gehen Sie mit Patienten um, die positiv auf HIV getestet wurden?

Einige kommen mit einem positiven Testergebnis lange Zeit nicht klar. Das Schlimmste, was passieren könnte, ist, dass einer einen richtigen Zusammenbruch kriegt und sagt: Ich schmeiß mich vor die Bahn. HIV-positiv zu sein gilt für viele immer noch als tödliche Diagnose. Dann muss man sich hinsetzen und einfach reden, auch mal eine Stunde oder zwei.

Was vermitteln Sie diesen Menschen?

Ich versuche ihnen beizubringen, dass sich enorm viel geändert hat gegenüber dem, was die Presse immer noch als Bild des HIV-Infizierten vermittelt. Aids ist von einer relativ schwerwiegenden, akuten Erkrankung zu einer chronischen Erkrankung geworden. Wir versuchen, dem Patienten Hoffnung zu vermitteln. Man muss ihm klarmachen, dass die soziale Isolation nicht zwangsläufig auf eine HIV-Infektion folgt. Da arbeiten wir auch mit der Aidshilfe zusammen. Die kann den Weg aus dieser sehr kleinen Kammer "Ich bin HIV-positiv" zeigen.

Warum ist gerade in der HIV-Behandlung persönliche Nähe so unglaublich wichtig?

Die Patienten kommen sich immer noch stigmatisiert vor. Das ist für sie, wie wenn man früher die Beulenpest hatte. Die HIV-Infektion gilt als die Krankheit der Bösen, Schlechten, Unzüchtigen. Die Patienten haben Angst davor, dass sie als HIV-positiv geoutet werden und dann sozial vernichtet sind.

Erleben Sie denn, dass Ihre Patienten ausgegrenzt werden?

Patienten glauben oft, dass sie Probleme kriegen würden. Ich erlebe es aber viel öfter, dass die Patienten viel besser von ihrem Umfeld aufgefangen werden, als sie sich das jemals hätten träumen lassen. Richtige Freundschaft zeigt sich oft erst in solchen Fällen. Und die Leute wundern sich dann, wie viele gute Freunde sie haben und dass sie nicht von ihrem Partner verlassen werden, sondern dass der sagt: Das ziehen wir zusammen durch.

Wie ändert sich das Leben mit der Diagnose, HIV-positiv zu sein?

In ihrer Gesundheit sind die Patienten durch die Medikamenteneinnahme, durch die Erkrankung selber oder durch die Folgen der Erkrankung stark beeinträchtigt. Aber im Gegensatz zu früheren Jahren, als sie fünf verschiedene Medikamente zu sechs verschiedenen Tageszeiten einnehmen mussten, hat sich das dramatisch geändert. Inzwischen ist eine Pille am Tag der Trend. Die Nebenwirkungen sind deutlich erträglicher geworden. Früher hatten die Patienten dauernd Durchfälle, chronische Übelkeit und starken Gewichtsverlust in der Therapie. Das sehen wir fast nicht mehr. Die meisten meiner Patienten arbeiten oder gehen zur Schule.

Reicht denn diese eine Pille am Tag?

Der Gedanke, mehrere verschieden Substanzen in eine Tablette zu packen, ist neu. Diese eine Pille am Tag kombiniert drei verschiedene Medikamente. Die Kombinationsbehandlung ist ja der Trick bei der HIV-Behandlung. Das Virus wird möglichst auf verschiedenen Ebenen so geschädigt, dass es keine Widerstandsfähigkeit gegen die Medikamente entwickeln kann. Im Schnitt kann man davon ausgehen, dass so eine Therapie drei, vier Jahre vorhält. Der nächste Schritt ist die Kombinationstherapie. Das bedeutet für den Patienten, mehrere Tabletten nehmen zu müssen. Im Schnitt muss ein Patient sechs Tabletten am Tag nehmen, drei morgens, drei abends.

Wie verändert sich die Therapie, wenn Aids ausbricht?

Das ist sehr viel seltener geworden als früher. Zuerst versuchen wir, die Vermehrung des Virus so stark zu hemmen, dass das Immunsystem sich wieder regenerieren kann. Dann kann man diesen Patienten aus diesem Vollbild Aids auch wieder rauskriegen. Außerdem müssen die Patienten vorbeugend Medikamente nehmen, etwa gegen Lungenentzündung. Vielen Krankheiten, die durch die Immunschwäche ausbrechen, müssen wir dann hinterherlaufen, etwa Speiseröhrenentzündungen oder bestimmten Arten von Tumoren. Dann kann es sehr schnell passieren, dass die Patienten nicht mehr arbeiten können.

Wie lange kann ein HIV-Positiver hoffen, dass Aids bei ihm nicht ausbricht?

Früher war die Prognose ohne Behandlung so zehn Jahre bis zum Ausbruch der Erkrankung. Heute können wir gar nicht mehr sagen, wann Aids ausbricht. Die ersten Experten sagen schon: HIV-Patienten werden unter richtiger Behandlung eine Lebenserwartung haben, die der eines HIV-Negativen entspricht.

Dann ist Aids doch eigentlich gar nicht so schlimm, oder?

Es ist unsere große Sorge, dass die Leute wieder leichtsinniger werden, was den Schutz vor einer Ansteckung angeht. Das finde ich extrem leichtfertig. Denn nicht nur HIV ist gefährlich, auch die Hepatitis-Infektion. Die wird auf den gleichen Wegen übertragen wie HIV. Daran sterben im Moment genauso viele Leute jedes Jahr. Das macht mir persönlich große Sorgen.

Aber was ist heute noch das Bedrohliche an HIV?

Vorsorge ist immer noch entscheidend. Ein Leben lang Tabletten zu futtern, damit man so leben kann wie die anderen, obwohl man es verhindern hätte können, das würde mir keinen Spaß machen. Außerdem kann man sich mit einem Virus-Typ infizieren, der besonders widerstandsfähig ist. Und dann steht man ganz schnell mit einem kurzen Hemd da. Dann reicht nämlich eine Tablette täglich nicht mehr, sondern es ist eine Kombination aus verschiedenen Tabletten pro Tag erforderlich. Dann kann es auch passieren, dass die Vermehrung des Virus nicht mehr vollständig zu unterdrücken ist.

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