WM und CSD: Olé, olé, juchhee!

Redaktion Von Redaktion

Deutschland ist im Partyrausch. Von WM-Spiel zu WM-Spiel riss die deutsche Mannschaft immer mehr Menschen mit - ganz Deutschland feierte seine Helden. Eine ungewöhnliche Situation, denn halb Homo-Deutschland feiert in den kommenden Tagen und Wochen die CSDs. Was für ein Kontrast!

Deutschland ist im Partyrausch. Von WM-Spiel zu WM-Spiel riss die deutsche Mannschaft immer mehr Menschen mit - ganz Deutschland feierte seine Helden. Eine ungewöhnliche Situation, denn halb Homo-Deutschland feiert in den kommenden Tagen und Wochen die CSDs. Was für ein Kontrast! Die Welt ist zu Gast bei Freunden, alle wollten Weltmeister werden: Da feierte die Hausfrau, der Bauarbeiter, die Lehrerin, der Manager. Ab 17 Uhr waren an Spieltagen die Straßen leergefegt. Ausnahmezustände in Berlin, Dortmund, München. Und selbst Schwule, traditionell doch eher weniger fußballfiebrig, erlagen dem Virus.

Unschwules Verhalten

Das ist ein ziemliches Kontrastprogramm zu dem, was in dieser Jahreszeit sonst so die Szene bewegt. Normalerweise steht im Sommer das CSD-Fieber der Republikschwuletten im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Aber eine WM in eigenen Land, das walzt alles andere platt. Fußball war schon immer eine andere Realität, doch jetzt geht es uns so wie bei der ersten Wohnung, die man renovieren muss: Wir entdecken ganz neue Seiten an uns. Zwar hat immer noch keiner so wirklich Ahnung davon, wo nun der Unterschied zwischen aktivem und passivem Abseits liegt, aber das macht nichts. Das muss man auch da gar nicht wissen. Hauptsache, das Runde landet in der dafür vorgesehenen Zone. Und bitte niemals im deutschen Tor!

Wir sind... ja, nun.

Der Reiz des Fußballspiels liegt dabei sicher nicht in der sexuellen Anziehungskraft der deutschen Spieler. Auch wenn sich manch einer arg nach Ballack, Poldi, Lahm, Schweini oder Mertesacker verzehren mag, so haben unsere Spieler doch eher andere Qualitäten. Und wie auch immer der Herr Klinsmann es geschafft hat, seine Elf so weit zu bringen: Er hat in Deutschland ein Wir-Gefühl geschaffen, welches seinesgleichen sucht. Wo ein CSD versucht, das dbna-Motto "du bist nicht allein!" an die Schwulen und Lesben dieser Welt zu vermitteln und dabei allzu oft in ein Schaulaufen der schrillsten Kostüme, der ausgefallensten Fetische und der aufgebrezeltsten Partyhuschen abdriftet, hat es die WM in Deutschland geschafft, für vier Wochen alle Unterschiede irgendwie egal zu machen. Denn über Fußball kann man im Moment immer sprechen. Und wenn es nur um das Team mit den hübschesten Spielern geht. Und: Jeder weiß Bescheid, alle haben es gesehen. Und wenn doch nicht, sollte man eine gute Ausrede parat haben.

Fahnen schwenken, Farbe bekennen!

Eigentlich ist es wunderbar, was die WM ausgelöst hat. Plötzlich ist es nicht mehr verpönt, stolz auf Deutschland sein zu dürfen. Man ist wieder wer, WIR sind wieder wer. Das hatten wir zwar '54 schon, aber die Generation 21, das Deutschland in diesem Jahrhundert, ist noch weiter. Wir sind Papst. Du bist Deutschland. Und nun: Wir sind Weltmeister. Oder hätten es fast sein können. Wie auch immer: Die deutsche Vergangenheit ist vorüber. Toleranz gegenüber dem Fremden, das ist eine Botschaft, die auf der WM ganz groß gehalten wird. Millionen sind davon angesprochen. Die CSDs in unseren Metropolen sind da fast banale kleine Feste. Aber auch dort wird ein Bekenntnis gemacht. Nicht "Ich bin für Deutschland", sondern "Ich liebe mein Geschlecht". Während die halbe Heterowelt nach der WM den wohlverdienten und notwendigen Urlaub antritt, um die stressigen Spiele zu verarbeiten, geht in der schwulen Welt der Partyrausch weiter. Die Fahnen sind andere, aber geschwenkt wird trotzdem.

Was vom Spaße übrigblieb

Eigentlich stellt sich wirklich nur die Frage, was eigentlich am Ende bleibt. Vor dem Ende der WM wurde laut und stark das aprupte Ende der Patriotismus-Welle vorausgesagt. Noch spüren wir davon nicht allzu viel. Und was bleibt vom Christopher-Street-Day? Ein kurzer Bericht in den Nachrichten, mit bunten Bildern der schönsten Travestie-Künstlern, der heißesten Bodys und der kerligsten Ledermänner. Und ein paar hoffentlich vielschichtigere Eindrücke bei den Menschen, die als szenefremde Besucher sich mal einen Eindruck von "uns" holen, einem "uns", das es natürlich nicht gibt. Individualismus und so.
Das klingt ja doch eher negativ. Ist es vielleicht aber gar nicht. Die nächste WM in Deutschland werden wir vielleicht gar nicht mehr erleben. Das wird jedenfalls noch Jahrzehnte dauern. Den CSD-Effekt können wir jedes Jahr wieder erleben. Und auch wenn sicher der Charakter dieser Veranstaltungen nicht mehr der gleiche ist wie einst: Der CSD ist und bleibt eine Verantstaltung, die uns immer wieder ans Tageslicht und in die Öffentlichkeit rückt. Mit Rosenstolz gesagt: "Wir sind hier, wir sind wir. Das allein ist unsere Schuld!" Also packt die deutsche Flagge weg und holt die Regenbogenfahne raus!

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Weitere Quellen: Bilder: photocase.com; dbna e.V.