Wohnen: Barrierefrei und schwul

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Wohnen: Barrierefrei und schwul
Schwulenberatung Berlin

Schwuler Wohnen – das geht mit der Schwulenberatung Berlin. Die nämlich hat seit etwa sechs Jahren ein besonderes Angebot in ihrem Programm, das in der Form absolut einmalig in Deutschland ist.

Schwuler Wohnen das geht mit der Schwulenberatung Berlin. Die nämlich hat seit etwa sechs Jahren ein besonderes Angebot in ihrem Programm, das in der Form absolut einmalig in Deutschland ist: Hier gibt es einen extra Fachbereich nur für die Belange Schwuler mit Behinderung, der neben Beratung und Café auch ein Wohnangebot beinhaltet. Das Ganze nennt sich BEW - Betreutes Einzelwohnen - und deutet schon an, worum es geht.

Denn die schwulen Männer, die dieses Angebot wahrnehmen, wohnen natürlich nicht, wie oft irrtümlich angenommen wird, in den Räumen der Schwulenberatung Berlin selbst, sondern in ihren eigenen Wohnungen über ganz Berlin verteilt. Oder genauer: fast ganz Berlin, denn viele wohnen nicht irgendwo, sondern in den typisch schwulen Stadtbezirken.

Gemeinsam die Szene erkunden gehört auch dazu

Allerdings ist die Schwulenberatung oft bei der Suche nach einer Bleibe behilflich, denn eine barrierefreie Wohnung zu finden, ist gar nicht so einfach. Hier kommt dann ein bis zwei Mal in der Woche ein Mitarbeiter der Schwulenberatung Berlin vorbei und unterstützt bei allem was gerade anliegt. Das sind häufig sozialrechtliche Sachen, wie z.B. Ämtergänge, Anträge bei irgendwelchen Behörden stellen und ähnliche unangenehme Dinge, aber auch psychosoziale Unterstützung und Begleitung in Form von Beratung und Gesprächen, gemeinsamen Ausflügen und Freizeitaktivitäten, die Szene kennen lernen, Kontakte knüpfen usw. Was genau in der Betreuung passieren soll, legen zu Beginn einer Maßnahme Begleiter und Klient gemeinsam in einem Plan fest.

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Schwule mit Behinderung stoßen nicht nur auf physikalische Barrieren.

Schwule mit Behinderung stoßen nicht nur auf physikalische Barrieren.

Gerade dass der Begleiter auch schwul ist, sei für viele sehr wichtig, erzählt Thomas Lohmann, langjähriger Mitarbeiter der Schwulenberatung. Denn ist man schon in einigen Bereichen auf die Unterstützung anderer angewiesen, dann wollen viele diese nicht unbedingt von einem x-beliebigen Pflege- oder Sozialdienst. Die nämlich haben in der Regel keine Ahnung von schwul-lesbischem Leben oder sind - schlimmer noch - nachher unheimlich homophob!

Die Schwulenberatung hingegen beschäftigt derzeit nur für den Bereich BEW mit Behinderung einen Pool von fünf Mitarbeitern, die alle selber schwul sind und über eine pädagogische Ausbildung verfügen. Zu Anfang können sich beide kennen lernen und gucken ob es passt und ob man sich gegenseitig sympathisch ist. Das ist super wichtig, schließlich ist die Betreuung ja eine sehr persönliche Sache.

Ein Bewohner in der BEW ist der 24-jährige Stephan. Im Interview erzählt er über bewusste Provokation als schwuler Mann und Ausgrenzung in der schwulen Szene.

Stephan, wie kommt es, dass du in Berlin wohnst und dich durch die Schwulenberatung begleiten lässt?
Ursprünglich komme ich aus der Region Kaiserslautern aus einem 200 Seelen Dorf, wo ein schwuler Behinderter die größte Katastrophe ist, die passieren kann. Ich will schon seit 12 Jahren nach Berlin ziehen und wohne nun seit Juni 2009 endlich hier. Vom kleinsten Dorf Deutschlands in die größte Stadt Deutschlands!

Auf die Schwulenberatung bin ich gekommen, als ich im Internet "schwule Behinderte in Berlin" gegoogelt habe. Nun kommt einmal in der Woche mein Begleiter in meiner Wohnung in Neukölln vorbei und kümmert sich mit mir um alle Sachen, die gerade so anliegen. Zum Beispiel wenn sich das Joncenter wieder gemeldet hat oder andere Ämtergänge anstehen. Manchmal unternehmen oder kochen wir auch einfach was zusammen. Letztens waren wir gemeinsam im Tiergarten und im Museum.

Ist es für dich wichtig, dass dein Begleiter auch selber schwul ist?

Ja, schon. Für mich war vor allem wichtig, dass der keine Probleme mit dem Thema hat. Und wenn es dann so was wie die Schwulenberatung gibt, dann tendiere ich doch eher zu meinen Gleichgesinnten. Für mich war aber auch wichtig, dass sich mein Begleiter bei den Behörden auskennt. Das ist echt ein Unterschied, ob man da alleine oder zu zweit vor einem Sachbearbeiter sitzt.

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Das Wohnprojekt schützt vor Homophobie im nahen Umfeld.

Das Wohnprojekt schützt vor Homophobie im nahen Umfeld.

Hast du auch Kontakt zu den anderen Schwulen, die am Betreuten Einzelwohnen teilnehmen?

Zu manchen,  aber das sind überwiegend ältere Leute, so 60-jährige. Aber gerade gestern gab es zum Beispiel eine Freizeit von der Schwulenberatung und da war ich der Jüngste. So vereinzelt ist natürlich auch meine Altersklasse dabei, aber das ist eher selten.

Wie bist du an die Wohnung gekommen, in der du jetzt lebst?

Ursprünglich bin ich nach Berlin gekommen, um ein Praktikum zu machen. Nach zehn Wohnungsbesichtigungen hat mir diese Wohnung dann schließlich mein ehemaliger Arbeitgeber vermittelt.

In dem Haus in dem ich jetzt wohne leben sehr viele Schwule - mein Nachbar, mein Hausverwalter, mein Hausmeister und mein Nachbar unter mir sind alle schwul. Aber das ist total zufällig. Ich wusste das vorher nicht. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, ist es super. Denn so gibt es keine Probleme mit Homophobie. Ich bin auch allgemein jemand, wenn ich wegen meines Schwulseins doof angemacht werde, dann provoziere ich erst recht. Dann gehe ich extra Händchen haltend mit meinem Freund an den Leuten vorbei. Auch wenn hintenrum getuschelt wird "Kann er schwul sein oder doch nicht? Liegt es vielleicht an seiner Behinderung?" Dann sage ich "Okay, bevor das Getratsche los geht ich bin schwul!"

Wenn alles möglich wäre - wie würdest du dann am allerliebsten wohnen?

Also mein größter Traum wäre eine 5 Zimmer Küche Bad- Wohnung in Berlin Mitte, Hackesche Höfe, wo ich dann mit meinem Freund wohnen würde. Wir hätten dann eine Reinigungs- und Haushaltskraft. Na ja, das wird wohl nicht passieren, aber so eine 2 bis 3 Zimmer Küche Bad Wohnung hier in Berlin in Innenstadtnähe, mit meinem Freund zusammen und dass wir uns vielleicht sogar eine Reinigungskraft leisten könnten ... So ein besonders guter Hausmann bin ich nämlich nicht. Das stellt auch immer wieder aufs Neue mein Betreuer fest. Ich bin einer, der sagt: "Der Tag ist zu kurz um ans Putzen zu denken!"

Vielen herzlichen Dank für das Interview.

Gerne. Ich finde es immer wichtig, dass gerade auch andere Homos mitbekommen, das es auch Schwule, Lesben und Transen mit Behinderung gibt. Die Schwulenszene ist doch meistens sehr oberflächlich -  alles nach dem Motto "Hauptsache mein Freund ist hübsch." Das regt mich auf. Wenn ich in der Szene unterwegs bin und merke ich werde wegen meiner Behinderung dumm angeguckt, zum Beispiel wenn ich tanze, dann provozier ich auch: Dann stelle ich mich demonstrativ auf die Bühne und tanze erst recht. Weil ich sage: Trotz meiner Behinderung ich gehöre auch dazu!

Der Artikel erscheint in Zusammenarbeit mit der "out!", dem Magazin des lesbischwulen Jugendnetzwerkes Lambda.

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