Wurzeln des Hasses

Redaktion Von Redaktion

Dass im Großteil des Islam die Homosexualität verhasst ist, sie sogarals Sünde gebrandmarkt wird, ist kein Geheimnis. Woher genau kommt aberdiese enorme Homophobie im muslimischen Kulturraum? Wir haben die Gründe ein wenig genauer beleuchtet. 

Dass im Großteil des Islam die Homosexualität verhasst ist, sie sogarals Sünde gebrandmarkt wird, ist kein Geheimnis. In ihrer Brutalitätwurde diese Ablehnung in der öffentlichen Hinrichtung zweier jungerschwuler Männer im Iran deutlich, die ihr Todesurteil einzig und alleinauf Grund homosexueller Handlungen erhielten. Woher genau kommt aberdiese enorme Homophobie im muslimischen Kulturraum? Erstaunlich ist,dass die Antwort von Muslimen sowie von westlich geprägten Menschenexakt gleich ausfällt: Es steht im Koran. Dies ist jedoch nur einkleiner Teil der Wahrheit; der Koran ist zwar Grundlage, aberkeineswegs alleinige Ursache dafür, dass Homosexualität im Islam heuteals schwere Sünde gilt. Gerade heute, in Zeiten des weltweit um sichgreifenden islamistisch motivierten Terrorismus, ist es wichtig, denjeweils anderen verstehen zu lernen und zu begreifen, warum Menschen(in diesem Fall Muslime) so denken und handeln, wie sie es tun, anstattsich zu vorschnellen und pauschalisierten Urteilen hinreißen zu lassen.Aus diesem Grund soll im Folgenden ein Abriss über die Entwicklung derHomophobie im Islam gegeben werden, um diesbezüglich ein wenig Lichtins Dunkel zu bringen.

Der Islam ist neben dem Judentum und dem Christentum eine der dreigroßen monotheistischen Religionen der Welt und seine Protagonistensind der Gott Allah sowie dessen Prophet und Sprachrohr Muhammad. DerIslam stützt sich im Wesentlichen auf zwei große religiöse Werke:

  1. Der Koran: Er ist das religiöse Standardwerk des Islam,entstanden ca. 610 630 n. Chr. und er enthält 114 Suren. Er stelltdie Offenbahrung des Propheten Muhammad dar, die wiederum durch denErzengel Gabriel weitergegeben wurde.
  2. Die Sunna: Die Sunna entstand ca. 200 Jahre nach dem Koran undbeinhaltet tausende Erzählungen und Überlieferungen, die als "BrauchMuhammads" beschrieben werden. Im Gegensatz zum Koran aber, stammen sienicht direkt von Muhammad.
Erst das Zusammenspiel beider Werke erklärt ansatzweise dasZustandekommen homophoner Tendenzen im Islam. Ausschlaggebend ist dieGeschichte des Volkes der Sodomiter, wie sie in Sure 7 des Korangeschildert wird. Die Sodomiter führten ein verschwenderisches undgotteslästerliches Leben, bis eines Tages ein Mann namens Lotauftauchte, sich als "Warner" vorstellte und das Leben der Sodomitermit folgenden Worten anprangerte (Sure 7, Vers 80-81):
80 [Lot sprach:] "Wollt ihr eine Schandtat begehen, wie sie keiner [...] vor euch je begangen hat?
81 Ihr naht Männern in Begierde anstatt Frauen. Ja, ihr seid ein ausschweifendes Volk!"

Konservative Islamgelehrte sehen damals wie heute in diesen Zeilen denBeweis dafür, dass homosexuelles Verhalten Sünde ist und Allah erzürnt.Zieht man den heutigen Stand der Wissenschaft hinzu, ist dieseArgumentation kaum haltbar, denn es klammert einfach einige wichtigePunkte aus. Moderne Islamwissenschaftler argumentieren, dass Worte wie"Sex", "Analverkehr" oder gar "Liebe" nicht erwähnt werden.

Außerdem müssen, gemäß der Verse, die Sodomiter die ersten gewesensein, die homosexuell aktiv geworden sind. Heute weiß man jedoch, dasses Homosexualität in unterschiedlichster Form schon immer gegeben hat,sie tritt sogar unter Tieren auf. Das Hauptargument der modernenIslamforschung ist aber, dass im Koran diese Erzählungen ausdrücklichals Geschichten und nicht als historisch exakte Detaildarstellungenbetitelt werden, wie es in Sure 12, Vers 3 explizit zu finden ist.Daher ist ein Wörtlichnehmen dieser Geschichten sehr risikoreich undist einer rationalen Koraninterpretation eher abträglich alszuträglich. Andere Koranstellen wiederum geben der Sodomiter Geschichte einen ganz anderen Kontext als den sexuellen, dies würdehier aber zu weit führen.
Das ist nun die Ausganglage, eine Stelle im Koran, über deren Bedeutungman sich bis heute nicht einig ist. An diesem Punkt kommt die Sunna (s.oben) ins Spiel: Die Sunna ist allein von Menschen geschrieben wurden,die allesamt vor dem gleichen Problem standen, wie wir heute: Was istmit dieser Stelle gemeint? Betrachtet man jetzt zusätzlich diesoziopolitische Lage im damaligen Einzugsgebiet des Islam(Zusammenbruch der osmanischen und persischen Reiche, christlicheKreuzzüge etc.), ist es kaum verwunderlich, dass sich dieKoraninterpretationen der Sunna in eine sehr konservative Richtungentwickelten: Man musste eine geschlossene Front bilden, um die nochverhältnismäßig junge Religion zusammenzuhalten und was liegt da näher,als das Besinnen auf einen gemeinsamen Wertekonservativismus; einPhänomen, das bis in die jüngste Geschichte immer wieder auftrat?

So wurden in der Sunna dem Propheten Muhammad Aussagen zugesprochen,von denen damals wie heute völlig unklar ist, ob sie von ihm stammen.Er soll zum Beispiel jene Menschen in die Hölle verdammt haben, diesich wie "die Männer des Volkes Sodom" verhalten, weiters soll er ihnensogar mit Steinigung, also mit der Todesstrafe, gedroht haben.Auffallend ist aber, dass diese vermeintlichen Aussagen Muhammads indem großen Rechtswerk des Islam, der "al Muhalla", keine Erwähnungfinden oder sogar als falsch entlarvt werden. Dies Tatsache hat abertrotzdem nicht verhindert, dass sich viele Aussagen der Sunna schon soeingebürgert hatten, dass eine wirkliche Unterscheidung zwischen wahrund gefälscht nur noch ungemein gelehrten Menschen möglich war, nichtaber dem mäßig gebildeten Volk. So kam es, dass sich Homophobie immerweiter festsetzen konnte und das bin hin zur Sharia, der Verfassungder meisten heutigen muslimischen Staaten wie auch dem Iran.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die große Feindseligkeitgegenüber Homosexualität nicht nur auf den Koran zurückzuführen ist,denn dieser ist niemals eindeutig und lässt immer eine Vielzahl vonInterpretationen zu. Viel wichtiger sind die Interpretationen, die sichim Lauf der Geschichte in den Lehren des Islam durchgesetzt haben begünstigt von politischen und sozialen Umständen der jeweiligen Zeit.Man darf außerdem nicht vergessen, dass die muslimische Welt nie solchgigantische Paradigmenwechsel erlebte, wie sie im europäischenKulturraum durch die Reformation durch Martin Luther oder dieAufklärung durch Immanuel Kant stattfanden ohne sie wäre Europa beiweitem nicht so liberal geworden, wie es heute ist.

So tragisch die Exekution der schwulen Iraner auch besonders für unsSchwule ist, es ist wichtig, dass wir nicht den kulturellenHintergrund, auf dem diese Hinrichtung basiert, aus den Augen verlierenund deswegen Muslime in äußerst arroganter Weise als allgemeinrückständig, barbarisch und archaisch ansehen, wie es leider oftgeschieht. Auch sie denken und handeln ohne die Hinrichtungenverharmlosen zu wollen! genau wie wir auf der Basis ihrer kulturellenEntwicklungen, die aber zugegeben nicht mit der unsrigenübereinstimmt. Letztendlich bleibt nichts anderes übrig, als dieHinrichtungen zum Anlass zu nehmen, um mit einer gewissen "Jetzt erstrecht!" Mentalität weiter an der gegenseitigen Verständigung zuarbeiten; auch dann, wenn dies möglicherweise Generationen dauert.

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Weitere Quellen: Eigenrecherche