Zimmer gesucht

Redaktion Von Redaktion

Matthias, 21, ab Herbst in Berlin studierend, sucht nettes, helles,schönes WG-Zimmer. Keine geschminkten, blondierten Mädchen, keinePärchenwohnungen unterm Dach und nicht zu teuer.  Lieber faltigerTeppich.

Lieber Christoph!

Oh ja, ich lese auch gerne, auch, wenn mir meist die Zeit dazu fehlt.Und auch ich habe gerade Frau Berg entdeckt, die große Zynikerin, eineder sicherlich bösesten und treffendsten schreibenden Menschen, die esgibt. In diesem Sinne eine Bitte: Kannst du mir dein Hörbuchüberspielen? Ja, auf Kassette. Ich liebe dieses altmodische Medium.Genauso wie LPs. Ich habe gesterm ,mal endlich wieder einen Plattenspieler entdeckt, in einer auch ansonsten sehr schönen Wohnung.

Denn ich war gestern WG-Zimmer angucken. In Berlin, wo ich ja ab Oktober studieren werde. Was für ein Tag, gestern.
Um 6 in Hamburg aufstehen, eine halbe Stunde später in der S-Bahn, umhalb zehn in der Hauptstadt, dann gleich zur ersten Wohnung. Da fälltmir ein: Dem Mädchen aus der ersten Wohnung muss ich noch eine e-Mailschreiben. Vielmehr: Ihr sagen, dass ich das Zimmer nicht will.

Es ist schon komisch, dieses Zimmer-angucken. Zuerst wird man in derAnzeige mit nackten Fakten zugeschmissen. Was einen dabei erwartet, isttotal unklar. "Küche, Bad, WC" kann ja "schöne Wohnküche mit tollemBad" heißen oder "winzige, schlecht ausgerüstete Küchenzeile mitDuschkabine". Übertrieben gesagt. Und noch schlimmer ist es ja mit denzukünftigen MitbewohnerInnen. Deshalb telefoniert man dann kurz undtrifft sich im eventuellen zukünftigen eigenen Zuhause. Zuerst diesesGefühl im Treppenhaus - werde ich hier jetzt jeden Tag durchlaufen? -und die Spannung, wenn sich die Tür öffnet und der Blick in den Flurgleich die erste Schublade im Hirn öffnet. Dann kurzes Durchschleusendurch die Wohnung zur Verifizierung und Bebilderung der Fakten und amEnde das obligatorische Gespräch, zumeist in der Küche.

Ich bekam gestern zwei Tassen Tee und ein Stück Kuchen; das Bier in derletzten Wohnung habe ich um 16 Uhr nachmittags dann doch ausgeschlagen.Ja, und dann spricht man miteinander. Über das morgendlicheAufstehverhalten, über Spül- und Putzgewohnheiten. So intime Detailskennt man meist nicht mal von den besten FreundInnen.

Und dann muss man sich entscheiden. Bloß - auf welcher Grundlage? Dervon Fakten? Nämlich dem Preis, der Lage und der Helligkeit des Zimmerszum Beispiel? Oder gefühlsmäßig?
Dem ersten Mädchen von gestern früh sage ich zum Beispiel ab, weil sieeine Einbauküche hatte, zehn Paar Hochhackige Schuhe im Gang, morgensum 10 geschminkt war, blondiert grundlegend und zum Geburtstag vonihrer Noch-Mitbewohnerin eine Flasche Duschgel von Douglas - Darf iches Ihnen als Geschenk verpacken? - geschenkt bekommen hat. Unteranderem. Ist das Oberflächlichkeit? Oder wende ich nur alle Schubladenan, die sich innerhalb der letzten Jahre in meinem Hirn gebildet haben?Ich fand sie einfach komisch.

Nicht schlecht sieht es dafür für zwei Mädchen aus, die schlechtverlegten Teppichboden und sieben Telefonkabel in ihrem Flur haben. Dieeine Informatik-, die andere Englischstudentin. Und einIkea-Billy-Kiefern-Regal in der Küche. Okay, da kostet das Zimmer auch55 Euro weniger und ist nicht gelb gestrichen.

Der totale Wahnsinn: Ein wunderbares Zimmer für allerdings 300 Europlus Telefon und Internet bei einer Schauspielerin. Wunderbareingerichtet und genau meine Honigmarke auf dem Küchentisch. Und obenerwähnten Plattenspieler im gemeinsamen Wohnzimmer.

Wo will ich wohnen? Wo kann ich mir vorstellen, zu wohnen? Mit wem willich zusammen wohnen? Und kann ich mir das Zimmer überhaupt leisten?Oder will ich mir das leisten? Und das muss man dann nach maximal 30Minuten Gespräch irgendwie versuchen, zu entscheiden... Da kommt mandoch um die Schubladen gar nicht rum.

Immerhin war dieses Mal kein kompletter Fehlgriff dabei. Als ich inHamburg nach Zimmern suchte, kam ich in die angegebene Straße unddachte mir: Wow, lauter tolle Altbauten! Das Zimmer lag dann imeinzigen Nachkriegsbau der Straße. Das Treppenhaus war mit Marmorausgestattet. Und die Wohnung unterm Dach. "Eigentlich einePärchenwohnung", erklärte mir die eine der beiden besten Freundinnen,und während mich die andere dann in ihre "schnuckelige Kuschelecke"führte (es war unglaublich, wie viele Möbel in ein so kleines Zimmerpassten) klingelte es. Das erste Mädchen kreischte, "Ah, das ist meinFreund" und dann gleich die andere "Nein, meiner!", woraufhin dann einAnfang-30-Typ den Flur betrat, bei dem ich Nachts die Straßenseitewechseln würde.
Ich habe das Zimmer dann nicht genommen.

Ich hoffe lediglich, dass mir böse Überraschungen diesen Stils erspartbleiben. Wo auch immer ich lande. Da hattest du es mit deinemStudenten-Wohnheims-Zimmer irgendwie schon einfacher. Die sind allegleich winzig und schlecht möbliert.

...findet

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