Zu viel des Guten?

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Zu viel des Guten?
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Ein schwedisches Krankenhaus bekommt eine Auszeichnung. Es darf sich jetzt "LGBT-freundlich" nennen, weil das Personal besonders geschult ist. Klingt eigentlich gut. Doch aus der Community kommen kritische Stimmen.

Enköping, knapp 20.000 Einwohner. Eine Kleinstadt nördlich von Stockholm. Es ist ruhig, es ist idyllisch hier. Und es gibt eine Weltpremiere: Das örtliche Krankenhaus darf sich jetzt "LGBT-freundlich" nennen, als erste Klinik des Landes und wahrscheinlich der ganzen Welt.

Dafür haben alle 500 Mitarbeiter einen 20-stündigen Kurs über LGBTIQ*-Rechte absolviert. "Es ist uns wichtig, so nach außen das klare Signal zu senden, dass bei uns jeder willkommen ist und nach seinen Bedürfnissen versorgt wird, egal wer man ist, erklärte Vivianne Macdisi, die Leiterin der Krankenhausverwaltung. Die Auszeichnung hat RFSL, Schwedens größte LGBTIQ*-Organisation, verliehen.

Wozu brauchen wir das?, fragt ein schwuler Mann

Umgerechnet 150.000 Euro waren der Klinik die Kurse bisher wert. "Die Auszeichnung ist ein wichtiges Signal. Sie bedeutet, hier wollen Menschen lernen und sich weiterentwickeln", ergänzt Macdisi.

Ein gutes Programm, möchte man meinen. Ein Krankenhaus macht sich Gedanken über seine Patienten und deren Bedürfnisse. Strukturelle Diskriminierungen sollen so abgebaut werden.

Auch das Schwulenmagazin Männer hat darüber geschrieben. Doch die Kommentare unter dem Artikel sind alles andere als enthusiastisch. "Wozu?", fragt einer kurz und knapp. "Dinge, die die Welt nicht braucht, zumal ein Krankenhaus eh jeden zu behandeln hat, der es nötig hat, egal welcher Herkunft und Sexualität", schreibt ein anderer. Er fordert dagegen: "Wir sollten stattdessen alle mal lieber weiter am Adoptionsrecht rütteln!"

Nicht wenige Schwule finden das überflüssig

Das gibt es zwar in Schweden bereits, aber ganz Unrecht hat der Kommentator vielleicht nicht. Denn hier schwingt der Vorwurf mit, LGBTIQ* seien besondere Patienten. Dahinter steckt die Angst, eine Sonderbehandlung zu erhalten. Weg von der Diskriminierung hin zum Gegenteil, zum übervorsichtigen Umgang.

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Wie viel Regenbogen brauchen wir?

Wie viel Regenbogen brauchen wir?

Es ist doch eigentlich paradox: Es gibt da ein Projekt, das LGBTIQ*-Sensibilität vermitteln soll. Das Leben soll queeren Menschen dadurch einfacher gemacht werden. Und diejenigen, die davon betroffen sind natürlich nicht alle, aber nicht wenige finden die Idee überflüssig.

Homophobie verschwindet nur durch Bildung

Ein dritter Kommentator bringt es auf den Punkt, ausgerechnet indem er auf die biblische Goldene Regel verweist: "Behandle mich wie einen Menschen und so wie du behandelt werden willst, und ich bin glücklich!" Die Aussage ist klar: Wir sind nicht anders. Wir sind Teil der Gesellschaft. Wir brauchen keine Sonderbehandlung, wir wollen einfach normal behandelt werden. Nicht weniger gut, aber auch nicht besser als heterosexuelle Patienten.

Dass die drei Kommentatoren das so sehen, ist eigentlich ein gutes Zeichen: Sie haben es anscheinend nicht nötig, dass das Krankenhauspersonal in LGBTIQ*-Fragen geschult ist. Sie haben wohl in diesem Zusammenhang noch nie Diskriminierungen erlebt. Darüber dürfen sie sich freuen.

Doch solange wenn auch nicht alle queere Menschen unter gesellschaftlichem Druck leiden und wie in Deutschland sogar eine staatliche Diskriminierung besteht, solange sind solche Projekte wichtig. Denn nur durch Bildung und gelebte Akzeptanz kann sich eine Gesellschaft weiterentwickeln und Homo- wie Transphobie hinter sich lassen.

Wer Nachteile erlebt, sollte Akzeptanz begrüßen

Mit einer "Bevorzugung", wie aus AfD-Kreisen zu hören ist, hat das nichts zu tun. Wie soll eine Gruppe, die jahrzehntelang unterdrückt und kriminalisiert wurde und bis zum heutigen Tag nicht dieselben Rechte hat wie Heterosexuelle, ihnen gegenüber bevorzugt werden? Das ist blanker Hohn und populistische Stimmungsmache gegen eine Minderheit.

Wer also ein LGBTIQ*-zertifiziertes Krankenhaus nicht braucht, wer auf eine Regenbogen-Briefmarke (auch aus Schweden) verzichten kann oder wer eine schwullesbische Jobmesse unnötig findet, der darf das gerne tun. Wer aber weiß, wie sich Diskriminierung anfühlt, oder wer aufgrund seiner sexuellen Orientierung Nachteile erlebt, der kann jeden ernst gemeinten Schritt zu einer Gesellschaft der Akzeptanz nur begrüßen.

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