Zuflucht in eine selbstbewusste Zukunft

Redaktion Von Redaktion

Wohin, wenn deine Eltern dich nach dem Coming-out vor die Tür setzen? Wohin, wenn du dich im falschen Körper fühlst und keine Unterstützung erhältst? Das Wohnprojekt MIT DIR bietet schwulesbischen Jugendlichen ein alternatives Zuhause.

Erfurt. Das Haus von MIT DIR im Erfurter Norden wirkt unscheinbar. Es reiht sich ein in eine Phalanx von Backsteinbauten und Rauputzfronten. Daneben ragt eine Kirche empor, eine Straße weiter liegt ein Supermarkt. Einzig hervorstechend ist die neue Fabrik eines Kondomherstellers, gerade mal zwei Gehminuten entfernt. Ansonsten wirkt alles normal so normal wie eine Großstadt im provinzialen Thüringen eben sein kann: unaufgeregt, aber nicht eingeschlafen.

Für mindestens ein Haus in der Straße gilt das nicht. Ein kleines Schild verweist: Hier ist das Wohnprojekt MIT DIR untergebracht.  Eine dicke und ebenso schwere Tür aus dunklem Holz versperrt den Zutritt, als wolle sie etwas schützen. Und das nicht ohne Grund, wie später Konstanze "Konni" Hartung, Leiterin von MIT DIR, erzählt. Sie öffnet die Tür.

Die Mitfünfzigerin mit den aufregenden Haaren in Rottönen hatte die Idee zum Wohnprojekt. Jungen Schwulen, Lesben und Transsexuellen wollte sie einen Wohn- und Schutzraum bieten, in dem sie sich frei entwickeln können. Sie mietete deshalb ein Haus an, in dem Platz für sechs Jugendliche ist - wie in einer großen WG. Unten rechts, da ist das Zimmer von Konni.

Schwule Jugendliche gibts das?

Ihr Büro ist klein. An der Wand steht ein Bücherregal. Die Cover zeugen von schwul-lesbischer Jugendliteratur. Doch die Geschichten, die Konni vom Wohnprojekt zu erzählen weiß, sind spannender. "Mehr als zwei Jahre gibt es das Projekt nun", sagt sie. Am Anfang sei vieles schwierig gewesen. Das Jugendamt, welches die Plätze für die jungen Schwulen, Lesben und Transsexuellen bezahlt, wollte erst nicht so recht mitziehen. "Immer wieder kam die Frage: Gibts denn die Jugendlichen, die auf so ein Projekt angewiesen sind?" erzählt Konni vom Unverständnis der Behörden. Heute ist sie sich sicherer denn je: "Es gibt so viele, die so ein Projekt leider - brauchen."

Besonders bewusst wird ihr das, wenn sich wieder ein verzweifelter Jugendlicher bei ihr meldet. "Die Hilferufe kommen aus ganz Deutschland", so Konni. Sie erzählt von Jungen und Mädchen, die von Zuhause abgehauen sind, von Anrufen in der Nacht. Ihre starke Stimme verliert an Kraft. Die Schicksale gehen ihr nahe. "Nur leider kann ich nicht immer vollends helfen. Ist ein Fall auch noch so prekär, am Ende entscheidet das Jugendamt - und leider noch zu selten für uns." Doch zumindest ist sie in der Notsituation Ansprechpartnerin und kann trotz der oft großen Entfernung erste Hilfe leisten.

Sie kam als Junge und geht als Frau

Eine Tür fällt hörbar ins Schloss und unterbricht Konni. Isabell, eine Bewohnerin der ersten Stunde, ist soeben nach Hause gekommen.  Als sie das erste Mal im Wohnprojekt stand, brachte sie eine Lebensgeschichte voller Schicksalsschläge mit. Bereits mit drei Jahren stellte ein Psychologe fest, dass Isabell, die offiziell immer noch ein Mann ist,  sich gegengeschlechtlich entwickelte. Die Mutter war überfordert, schlug sie. Es folgte die Kinderpsychiatrie, später der Terror ihrer Mitschüler, Dauerschwänzerei und Sozialstunden. Gleichzeitig wuchs bei ihr der Selbsthass ihr Ekel auf den eigenen Körper. Unterstützung fand sie in ihrer eigentlichen Heimat, einer ländlichen Gegend Bayerns, nirgends. "Mein Leben war ein schwarzer Tunnel ohne Licht", sagt Isabell heute.

Im Wohnprojekt hat sich das geändert. Isabell hat sich das WG-Zimmer ganz oben rechts im Haus ausgesucht. Der Raum ist von Licht durchflutet. An den Wänden hängen ihre Bleistift-Zeichnungen. Sie zeigen Frauen im Manga-Stil. In der Ecke steht eine Kommode mit Spiegel und Schminkzeug. Alles, was eine Frau braucht. Eine Frau - das will Isabell werden. Seit sie bei MIT DIR ist, hat ihre Geschlechtsverwirklichung begonnen. Auf den ersten Blick ist sie schon vollzogen: Sie trägt schulterlanges, blondes Haar und feminine Kleidung. "Alles andere wird folgen, ganz sicher", bekräftigt Isabell.

Aus ihrem Zimmer heraus und die Treppe hinab schweift der Blick ein letztes Mal durch das Haus. Gerade über den ersten Stufen bleibt er an einem Foto hängen. Fünf muskulöse Männer mit nackten Oberkörpern sind zu sehen, einer schwingt die Regenbogenfahne. Ihre Pose erinnert an einen siegreichen Kampf. Die Jugendlichen bei MIT DIR sind auf dem Weg dorthin: Aus erdrückenden Verhältnissen auf zu einem Leben als selbstbewusste Schwule, Lesben oder Transsexuelle. Bis dahin schützt sie die schwere Eingangstür aus dunklem Holz inmitten der unaufgeregten Großstadt.

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Weitere Quellen: photocase.com