Zwischen den Gräbern

Redaktion Von Redaktion

Einer der Höhepunkte unserer Paris-Reise war für mich der Besuch des Friedhofs Père Lachaise. An diesem Tag war der Himmel sehr wolkenverhangen, immer wieder gab es kurze Schauer. Genau die richtige Stimmung, um zwischen alten Grabstätten entlang zu wandern.

Lieber Patrick,

in deinem letzten Brief hast du mir von deinen WG-Erfahrungen berichtet. Seit ich von zuhause ausgezogen bin, habe ich immer alleine gewohnt. Allerdings sind Eltern und ihre Kinder ja auch irgendwie eine Art Wohngemeinschaft. Ich weiß nicht, ob ich WG-tauglich bin. Ich glaube, ich brauche meine Freiheit.

"Zuhause ausgezogen" steht da oben. Das ist schon eine komische Sache mit dem "Zuhause". Ich lebe jetzt seit fast 5 Jahren in Augsburg und fühle mich hier wirklich sehr wohl. Und dennoch, wenn ich meine Eltern in Nordrhein-Westfalen besuche, dann spreche ich auch von "nach hause fahren". Manchmal bin ich aber auch nicht zuhause.

Ich war kürzlich mit meinem Freund Alex in Paris. Wir haben die Mona Lisa betrachtet, den Eiffelturm bestiegen und Notre Dame besichtigt. Die Mona Lisa ist wesentlich kleiner als man vielleicht meint. Was hat dieses Gemälde eigentlich so verdammt berühmt gemacht? So richtig verstehen kann ich es nicht. Der Eiffelturm hingegen, der ist wahrhaftig groß. Das weiß man spätestens, wenn man die 600 Treppenstufen hinaufgestiegen ist und sich dann erst ungefähr auf der Hälfte befindet. Ganz nach oben geht es dann nur mit dem Aufzug, aber uns hat der Ausblick von der zweiten Plattform schon gereicht. Paris wohin das Auge blickt. Millionen von Menschen leben in dieser Stadt. Ein atemberaubender Anblick. Als wir durch die große Tür Notre Dame betraten, fand dort gerade eine Messe statt. Sakrale Klänge drangen in unsere Ohren, der Weihrauch nahm uns für einen Bruchteil einer Sekunde den Atem. Ich habe ja eigentlich mit der Institution Kirche nicht viel am Hut, aber als dann auch noch Orgelmusik einsetzte und ich durch die spärlich beleuchteten Gemäuer schritt, bekam ich dennoch eine Gänsehaut.

Einer der Höhepunkte unserer Reise war für mich der Besuch des Friedhofs Père Lachaise im Osten der Stadt. An diesem Tag war der Himmel sehr wolkenverhangen, immer wieder gab es kurze Schauer. Genau die richtige Stimmung, um zwischen hundert Jahre alten Grabstätten entlang zu wandern. Der Friedhof ist sehr groß. Und was ihn so besonders macht, sind all die großen Persönlichkeiten, die hier begraben liegen. Edith Piaf. Jim Morrison. Gilbert Bécaud. Und natürlich Oscar Wilde. Direkt am Eingang gibt es eine große Tafel, auf der man sich denjenigen aussuchen kann, dessen Grab man besuchen möchte. Dann sucht man die entsprechende Nummer auf der Karte und versucht sich den Weg einzuprägen.

Als wir 5 Minuten gegangen waren, wussten wir nur noch sehr grob, welche Richtung wir einschlagen mussten, um zur letzten Ruhestätte von Oscar Wilde zu gelangen. An sonnigen Tagen bildet sich an seinem Grab sicher eine Menschentraube, aber hier und heute waren neben uns nur wenige Besucher da. Egal, wir hatten es nicht eilig. Wir genossen die Ruhe, die frische klare Luft und die nicht in Worte fassbare Atmosphäre.

Wir sahen pompöse Grabsteine, verfallene Gruften, liebevoll arrangierten Blumenschmuck und immer wieder Namen von Verstorbenen. Es hatte wieder leicht zu regnen begonnen. Gerade so viel, dass es sich nicht lohnt, einen Schirm aufzuspannen. Da erblickten wir bereits aus einiger Entfernung die Gruft des Poeten und Literaten.

Ein quaderförmiges Denkmal aus hellem Stein, die Inschrift OSCAR WILDE kaum noch zu lesen. Viele der Menschen, die vor uns da waren, hatten sich hier verewigt. Hatten Grüße auf der Mauer hinterlassen oder Lippenstiftabdrücke ihrer Kussmünder. "Oscar, I love you" stand da und ein paar seiner schönsten Aphorismen. Wir wurden ganz still. Da liegen also irgendwo seine sterblichen Überreste. Vermutlich ist nicht viel davon übrig geblieben. Was bleibt von einem Menschen, wenn er 100 Jahre unter der Erde ist?

Bei einem Schriftsteller fällt die Antwort nicht schwer. Seine Texte bleiben. Was er gedacht und niedergeschrieben hat, das kann man auch heute noch nachlesen. Seine Bücher stehen in jeder Bibliothek, in jeder Buchhandlung. Auch in der Schule kommt man kaum an ihm vorbei, an Oscar Wilde. Der Mann mit der interessanten Biographie, der erst heimlich, dann zunehmend offener ein schwules Leben führte.

Ich atme tief durch. Schade, wir haben keinen Lippenstift dabei, um dem Grabstein auch unsere Küsse aufzudrücken. Ich hebe einen Kieselstein auf, schließe kurz die Augen und lege den Stein dann auf einen Vorsprung an der Gruft. Der Stein ist mein Zeichen, dass ich hier war. Mein Gruß. Mein Abschied.

Dann schauen wir uns an, Alex und ich, lächeln leicht. "Gehen wir?" frage ich. Alex nickt. Ein letzter Blick, dann drehen wir uns um. Und gehen Hand in Hand ganz langsam und schweigend in Richtung Ausgang. Als wir durch das Tor schreiten, lösen sich unsere Hände wieder voneinander.

"Ich habe einen Film über Oscar Wilde auf DVD, wollen wir den vielleicht mal anschauen?" frage ich. "Klar, gerne", meint Alex. Dann ist es Mittagszeit. Wir suchen uns ein schönes Café, essen eine Kleinigkeit, trinken ein Glas Wasser. Und heute gönnen wir uns mal was: eine Créme brulée für uns zwei.

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