Aufklärung und Aufregung

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Aufklärung und Aufregung
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Wie stand die BRAVO in ihrer Vergangenheit zu Schwulen und Lesben? Welche Brüche und welche roten Fäden sind hier gegebenenfalls festzustellen? Diesen Fragen geht Erwin In het Panhuis in seinem populärwissenschaftlichen Werk "Aufregung und Aufklärung" kritisch nach.

Dr. Sommer dieser Name ist vom Jugendmagazin BRAVO mit seiner Sexualaufklärung nicht mehr zu trennen. Seit 1956 erscheint diese Zeitschrift wöchentlich und hatte seitdem auf nicht wenige Generationen Jugendlicher einen nicht geringen Einfluss, auch und gerade im Bereich der Sexualkunde.

Doch wie stand die BRAVO in ihrer Vergangenheit zu Schwulen und Lesben? Welche Brüche und welche roten Fäden sind hier gegebenenfalls festzustellen? Diesen Fragen ging Erwin In het Panhuis kritisch nach.

Abgerundetes Werk

Sein populärwissenschaftliches Werk untersucht dabei die Bereiche Sexualaufklärung, HIV/Aids, Filme sowie Musik. Zudem vergleicht In het Panhuis die BRAVO mit anderen Jugendzeitschriften und begegnet schwulen Jungs, die einst in der BRAVO in Beiträgen auftauchten. Abgrundet wird das durch das Interview mit Dr. Martin Goldstein alias Dr. Sommer.

Seit 1969 beriet ein Dr. Jochen Sommer die jugendlichen BRAVO-Leser bei sexuellen Fragen, ursprünglich verbarg sich hinter diesem Pseudonym der gerade genannte Dr. Goldstein. Ende 1984 endete diese Zusammenarbeit, was aber nicht das Ende dieser Rubrik bedeutete. Ein Dr.-Sommer-Team führt seine Arbeit seitdem fort.

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Auf umfangreichem Quellenmaterial gebettet

Die Einteilung des eigentlichen Hauptteils, der Untersuchung der Sexualaufklärung, folgt diesen Einschnitten: Es wird die Zeit von 1956 bis 1969, dann von 1969 bis 1984 und zum Ende hin von 1984 bis 2006 betrachtet. Die restlichen Kapitel haben keine solche Unterteilung mehr.

In het Panhuis wertete für sein Werk umfangreiches Quellenmaterial aus: 50 Jahrgänge der BRAVO, das sind 2.600 Hefte, die seit der ersten Ausgabe erschienen sind. Dazu kommen noch die anderen Jugendzeitschriften wie Twen, 'ran, Mädchen, Yam und einigen anderen. Entsprechend reich mit  Ausschnitten der Hefte ist "Aufklärung und Aufregung" versehen, was bei dem ein oder anderem Leser, der die BRAVO vor 2007 über längere Zeit gelesen hat, Erinnerungen wach ruft.

Kritik an BRAVO-Haltung gegenüber homophoben Promis

Der Autor bringt dabei einige Mißstände auch aus der jüngeren Zeit deutlich auf den Punkt, vor allem die unkritische Zusammenarbeit mit dem homophoben Rapper Bushido kritisiert In het Panhuis deutlich. Insgesamt habe die "Kritiklosigkeit der BRAVO gegenüber erfolgreichen Musikern [] dabei zwei Seiten: Auf der einen Seite wurde kein schwuler Musiker und keine lesbische Musikerin schlecht gemacht oder durch Leserbriefe beleidigt. Auf der anderen Seite wurden aber auch Musiker wie Bushido mit ihren homophoben Texten nicht kritisiert und Homophobie war für die unpolitische BRAVO kein Thema."

In der Bewertung der älteren BRAVO-Beiträge aus den 1950er und 1960er Jahren versucht Panhuis diese aus Sicht der damaligen Zeit zu beurteilen. Nicht immer gelingt ihm dabei ein angemessenes Urteil, da er dann doch des öfteren das Jetzt als Maßstab nimmt.

Durchaus bringt er aber auch berechtigte Kritik am Stil der BRAVO an: Boulevardeske Aufbereitung der Themen HIV und Aids in den ersten Jahren nach Entdeckung der Krankheit, die ungenügende Aufklärung bis heute in diesem Bereich, sie sei bis heute "weder konsequent noch risikobewusst". "Verantwortungsbewusstsein im Sinne von differenzierten und an wissenschaftlichen Ergebnissen orientieren Verhaltensvorschläge" fehlten laut In het Panhuis.

Indirekte Verharmlosung der DDR

Deutlich zu kritisieren ist der Abschnitt zum FDJ-Jugendmagazin Neues Leben. Dass es sich hierbei um ein offizielles Organ des Staats- und Parteiapparats der DDR, einer sozialistischen Diktatur auf deutschem Boden, handelte, wird geflissentlich verschwiegen. Allgemein schreibt In het Panhuis nur, daß das Neue Leben "die politische Bildung im Sinne der DDR" förderte. Was genau das bedeutet, bleibt vollkommen offen. Dies kann man nur als Verharmlosung und Bagatellisierung der DDR bezeichnen. Vor allem hätte die Analyse in diesen Kontext gebettet gehört.

Trotz dieser Kritikpunkte ist "Aufregung und Aufklärung" insgesamt dennoch lesenswert, nicht nur zum Schwelgen in Erinnerungen. Hier wird die Darstellung von Homosexualität in einem Jugendmedium, das wohl als das einflußreichste in Deutschland gelten darf, aufgearbeitet. Spannend wäre es, in einem nächsten Schritt die Auswirkungen im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu analysieren. Aber dies würde es an einer andere Stelle zu untersuchen gelten.

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