Ben&Jerrys-Test

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Ben&Jerrys-Test
Sunrise

Wir haben den Sieger-Text vom Queer-Slam im Jugendzentrum Sunrise in Dortmund: "Ben&Jerrys-Test" von Sven Hensel. Eine Geschichte über die fertigen Bilder, die uns täglich in den Kopf gesetzt werden.

Für sexuelle Vielfalt und gegen Sexismus: Unter diesem Motto traten am 12. Oktober junge Poeten beim ersten Dortmunder Queer-Slam auf. Dicht gedrängt saßen und standen die Besucher im Kulturhaus "taranta babu", um die bewegenden Texte in zu hören. Es war ein ganz wunderbarer Abend rund um Freundschaft, Liebe und sexuelle Vielfalt.

Nach einem spannenden Herzschlagfinale war schließlich U20 NRW-Meister Sven Hensel der glückliche Gewinner des Slams. Organisiert wurde das Ganze vom queeren Jugendzentrum Sunrise in Dortmund.

Für alle, die nicht dabei sein konnten, haben wir den Gewinnertext "Ben&Jerrys-Test" für euch:

Sunrise
Sven, der Gewinner des Slams.

Sven, der Gewinner des Slams.

Ben&Jerrys-Test

Eine Geschichte über die fertigen Bilder, die uns täglich in den Kopf gesetzt werden von Sven Hensel.

Und bald ist unsere Nacht vorbei, du schnarchst leise neben mir und die Wolken werden langsam wieder zuckerwattepink. Vorhin, als unsere Nacht noch im Gange war (du verstehst, knick knack), kam ich schon ordentlich ins Schwitzen. Nicht nur der Sommer, die Nähe zu dir oder einfach nur du machen mich "dabei" (hihi) ziemlich kurzatmig, sondern auch meine Speckröllchen.

Gelöffelt haben wir danach nicht, meine Güte, wir beide wären sonst sicherlich erstickt. Denn nicht nur ich, die Nähe zu mir oder der Sommer machen dir zu schaffen - du hast auch zugenommen.

Ich stehe leise auf, damit du weiter schnarchen kannst, esse ein kaltes Stück Pizza von gestern Abend (jammi) und passe nicht mehr in meine Lieblingshose. Ich komme also zurück zu dir, immer noch in Unterwäsche, setze mich auf das quietschende Bett (wodurch du aufwachst) und wir machen dasselbe wie jeden Tag: Wir schauen zusammen in die Glotze.

"Sollen die doch mal Miley Cyrus in Ruhe lassen", fauchst du die MorgenmagazinBITCH von Sat1 an. Ich nicke. "Ich mochte Hannah Montana", sage ich, "aber stell ma' vor, du hättest auch deine gesamte Kindheit damit verbracht, zwei Masken zu tragen - einmal die private und einmal die öffentliche - und das auch gleich zwei Mal, einmal in der Fiktion und einmal in der Realität, du würdest sicher auch irgendwann quadroschizophren werden oder zumindest auf die Erwartungen der Öffentlichkeit scheißen."

Du kicherst oder grunzt (ich kann das nicht immer ganz auseinanderhalten) und entgegnest mir, dass ich sicher nicht nackt auf einer Abrissbirne säße und einen Hammer ableckte, wenn ich ausflippen würde, sondern dass ich mich viel eher in einem Berg aus Pizza vergrübe, und um mich zu beruhigen, nach und nach die Fassade auf äße.

Weil du meine Theorie über die neue Hannah Montana (nämlich Cro) nicht hören willst, schalten wir um, und Shrek läuft auf Super-RTL. Ein dicker, hässlicher Oger, ein wirklich dicker und wirklich hässlicher Oger, kriegt die Prinzessin. Und sie verlieben sich, und sie wird auch hässlich und dick.

Das ist der übliche Gang einer monogamen, konventionellen, heteronormativen, gesellschaftlich akzeptablen Beziehung: Wenn man sich liebt, wird man faul, hässlich, dick. UND GRÜN.

"Wusstest du", fragst du, "dass Shrek den Bechdel-Test nicht besteht?", und ich schaue dich verwundert an. Du klugscheißerst: "Der Bechdel-Test schaut nach der Präsenz von Frauen in Filmen und hat drei einfache Bedingungen: Erstens gibt es mindestens zwei Frauen mit Namen, die zweitens miteinander reden und das, drittens, über etwas anderes als Männer?"

Ich nicke, sage: "Voll cool, dass du das weißt", und küsse dich auf die Stirn für dein dickes Gehirn.

Du kicherst (oder grunzt). Hm.

Ob ich heute denn zum Training fahre, fragst du. Entgegnen tu ich - "nö". Du nickst. Ob du denn heute zum Training fährst, frage ich. Entgegnen tust du - "seh ich so aus?"

Ich schüttele den Kopf. Du nickst. Ich nicke. Wir sind voll süß beim Simultan-nicken.

Wir geben uns einen Eskimokuss.

Sunrise
Volles Haus beim 1. Queer Slam für sexuelle Vielfalt und gegen Sexismus.

Volles Haus beim 1. Queer Slam für sexuelle Vielfalt und gegen Sexismus.

Wir schalten um und auf Pro7 laufen die üblichen, verdächtigen Serien. Niemand dieser Menschen ist echt, denke ich mir, niemand ist dick, keiner hat einen Bauch, niemand wiegt mehr als normal, und ich wette, sie passen alle in ihre Lieblingsjeans hinein.

"Weißt du", sage ich, "wieso gibt es nicht auch einen Bechdel-Test für die Präsenz von Dicken in Filmen, Serien, Zeitschriften, Werbung, oder generell Medien? Um zu prüfen, was für ein Körperbild vermittelt wird. Der hätte dann auch drei Regeln, und ich würde ihn Ben&Jerrys-Test nennen, weil sich das auch immer um die Dicken kümmert". Du kicherst (oder grunzt, hm) und sagst, dass die Regeln dann bestimmt sind, dass es mindestens zwei dicke Frauen gibt, die miteinander über etwas anderes als ihr Gewicht oder Essen reden, und ich sage "Nein. Männer können sich doch auch dick fühlen".

Du küsst mich auf meine baconrote Wange, weil mir das peinlich war. Ich grüble.

Weißt du, du und ich, wir sind Gewohnheitstiere, und wir haben keinen inneren Schweinehund, nein, wir sind verrückte Katzenfrauen mit 80 Katzen, nur dass es keine Katzen, sondern eben 80 Schweinehunde sind, die nicht in uns leben, sondern jeden Tag mit uns zusammen fernsehen.

Diese alten Katzenfrauen kaufen sich Katze für Katze, um ihre Defizite - die Einsamkeit - auf ein anderes Objekt zu verschieben. Wir beide, du und ich, sind nicht besser, wir alte Schweinehundehälter. Wir verschieben unsere Probleme auf diese kleinen Biester, und rechtfertigen damit eigentlich alles: Faulheit, Fastfood und Fernsehen.

Ich glaube, im letzten Punkt liegt auch der Schweinehund begraben: Wenn wir nicht so viel Werbung schauen würden, zwischen all den anderen Medien, die uns auch noch mehr eintrichtern, wie wir zu sein haben, würden wir uns vielleicht viel weniger im Unterton unwohl und dazu gezwungen fühlen, anders sein zu müssen. Dieser Einfluss von Werbung ist mir ungeheuer, denn sie verkauft nicht nur oder setzt Trends. Werbung entscheidet, was normal ist, was Erfolg bringt, verändert unsere Konzepte von Glück und Normalität und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, wenn wir nicht der Süße der Norm entsprechen und der BMI am oberen statt am unterem Normalrand kratzt.

Und egal wie lange ich darüber nachdenke, bald ist auch unser Tag vorbei. Dieses Mal grunzt du sehr hart, weil ich einen Flachwitz erzählt habe (und nur du über meine Flachwitze lachst). Wir teilen uns mit unseren Schweinehunden ein Karamelsutra Ben&Jerrys-Eis.

Der Fernseher läuft endlich im Hintergrund, und der Abend tunkt unsere Szenerie in ein Curryketchup-Rot.

Weißt du, unsere Geschichte besteht vielleicht den Ben&Jerrys-Text, aber nicht den Bechdel-Test - denn ob du männlich, weiblich oder irgendwas anderes bist, habe ich nie erwähnt.

Und für unsere Geschichte und die Geschichte aller Menschen, und für die Liebe ist es auch scheißegal, genauso wie auch unsere Bäuche egal sind, denn was wichtig ist, ist, dass wir uns mögen und uns lieb haben und die Nähe des anderen trotz der Hitze (oder vielleicht auch eben wegen dieser Hitze) suchen und unsere dicke, verschrobene Liebe - und nicht die Präsenz oder die Quote von Dicken und Frauen.

Aber erst recht nicht, was man uns sagt, wie und mit wem wir glücklich zu sein haben.

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Weitere Quellen: Sven Hensel, Sunrise