"Der Splitter"

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"Der Splitter"

"Der Splitter" heißt der Text von dbna'ler Christoph Heimbach. Mit ihm hat er sich beim Literaturpreis JULIT gegen die Texte anderer schwuler, lesbischer, bisexueller und trans*-Jugendliche durchgesetzt. dbna präsentiert einen Ausschnitt aus dem Text sowie einige Zeichnungen von Christoph zum Text.



() Schließlich spuckte der kleine Zehnjährige einen Schwall Wasser aus seinem Atmungsorgan, hustete kläglich, drehte sich dabei auf die Seite und blieb erschöpft liegen. Doch Philipp handelte nicht so, wie man es in der Situation erwarten würde. Überglücklich ob der Rettung, seines geglückten Schwimmens, seiner Belebungsmaßnahmen,  drückte er seinem Freund wieder den Mund auf die Lippen, dieses Mal länger und mit einer Intensität, die über eine Rettungsmaßnahme der DLRG hinausging. Völlig überfordert mit dieser Situation schauten sich die wenigen umstehenden Kinder ungläubig an, fragten leise den Retter, was dies solle, murmelten durcheinander, bis fast zeitgleich einer der zuvor Untätigen Philipp von dem noch schlaffen Körper zog und das Geburtstagskind seinen Freund kraftlos mit dem Arm wegschob.

Er maß diesem Kuss nicht viel Bedeutung bei, zwar war dies äußerst ungewöhnlich, schließlich hätte er zuvor nicht einmal seiner Mutter einen Kuss auf die Wange gegeben, aber nachdem er fast ertrunken war, schätzte er dieses Ereignis nicht als Problem ein. Es hätte so glücklich enden können, doch die Umstände wollten es anders. Schon begannen die ersten Kinder, mit den Fingern auf die Beiden zu zeigen und riefen eindeutige Sätze zu ihnen hinüber, anscheinend nicht mehr von der Rettungsaktion ergriffen, sondern darauf bedacht, sie möglich effektiv zu diffamieren.

"Die Beiden lieben sich, sie lieben sich! Er hat ihn geküsst und er hat zurückgeküsst!"

Und wie es sein sollte hatten einige Erwachsene, die sich doch durchgerungen hatten, ihre Kinder anzuhören, den Ort des Geschehens erreicht, und erhaschten staunend die Rufe der Kinder. Sofort war der Corpus Delicti ausgemacht, das Geburtstagskind wurde, da seine masseninkompatibles Verhalten allseits bekannt und berüchtigt war, als pauschale Verkörperung des Unheils wahrgenommen, schließlich war er ja auch in den See gestiegen. Eine Mutter meinte sogar, dass sie bei ihm schon immer homosexuelle Tendenzen verspürt habe, war sein rebellisches Verhalten doch ein Zeichen für aktive Abgrenzung von der "normalen Gesellschaft", wie sie es formulierte. Nicht schwierig zu erahnen, handelte es sich hierbei um die Mutter des Philipp, von dem sie selbstverständlich jeden Makel der Männerliebe abweisen wollte. Argwöhnisch beurteilte die Mutter des Ehrenkindes die Situation als in dem Moment nicht lösbar und äußerte sich innerlich wiederstrebend nicht zu jener hanebüchenen These. Lediglich zweierlei Bedeutsames warf sie in den Raum.



"Mein Sohn ist nicht schwul und ich will auch keinen schwulen Sohn haben!"

Als sei nichts geschehen übergingen die meisten Erwachsenen die als "abenteuerlich" und "überzogen" titulierte Geschichte vom Todesschwimmen der beiden Rebellen, deshalb wurde mit dem Geburtstagsprogramm ohne weitere Verzögerung fortgefahren. Eine große Torte mit kiloweise Schokolade, Sahne und Kerzen wurde aufgetischt, feierliches Geschirr und Besteck arrangiert und festliche Papierservietten gefaltet. Unter den wachsamen Augen Philipps Mutter wurde die Interaktion der beiden Jungen begutachtet, während sie nur freundschaftlich faxend die Servietten zu mehr oder weniger nachvollziehbaren Tierformen rissen. Ein Ritual einer jeden Geburtstagsfeier durfte natürlich nicht fehlen, das obligatorische Geburtstagslied. Insgeheim kicherten und feixten einige Mädchen und ein paar wenige Jungs über die nun wie in Stein gemeißelte, vermeintliche Homosexualität der Jungen, stimmten aber kräftig in den Gesang ein.

"Zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag, zum Geburtstag, zum Geburtstag, viel Glück!"
"Und jetzt wünsch dir was!"

So blies der kleine Junge stolz, gerade seinen zehnten Geburtstag zelebrierend, die zehn Kerzen aus. Prustete seine Wangen und seine Lunge leer, bis sie sich wie ein kleiner, schrumpeliger Knoten anfühlte. Als die letzte Kerze nicht ganz erlöschen wollte, pustete er noch einmal nach, in dem Eifer, seiner Pflicht als Kind des Tages nachzukommen. Mit einem breiten Grinsen betrachtete er, der Peter genannt wird, seine Mutter und seinen Großvater, die ihn abseits kritisch beäugten und sprach ohne Worte bei dem letzten Hauch, der aus seinem Munde kam, opponierend: "Wenn ich groß binIch wünsche mir einen schwulen Sohn."

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Weitere Quellen: Christoph Heimbach