Du

Redaktion Von Redaktion
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kai / photocase.com

Sein ganz normaler Alltag: den Namen des One-Night-Stands aus dem Gedächtnis löschen, in den Tag hinein leben, über die Makel anderer spotten. Und zum ersten Mal den eigenen Fehler erkennen.

"Es ist elf Uhr, die Nachrichten."

Gerade aus dem Schlaf gerissen drehst du dich in deinem Bett nochmal um, zur Wand hin gerichtet. Was du da hörst, willst du gar nicht hören, schon gar nicht erst die Nachrichten! Gut, es ist elf Uhr, der Tag schon fast wieder halb vorbei. Vielleicht wäre es doch mal an der Zeit, aufzustehen, um den Tag nicht gänzlich zu verschwenden.

Deinen Wecker, den hast du heute schon einmal gehört, da bist du dir sicher. Wenn du genau überlegst, fällt dir sogar die Zeit ein, denn es war Montag. Montags stehst du immer um sieben Uhr morgens auf, weil du um Viertel nach Acht im Hörsaal sitzen möchtest. Dein Studium ist dir nämlich wichtig, denn du möchtest ja später mal Erfolg im Beruf haben.

Aber heute war dir das egal. Die Nacht wäre viel zur kurz gewesen, wenn du um sieben Uhr tatsächlich aufgestanden wärst, zu kurz, um fit für die Uni zu sein. Du weißt, was du heute Nacht gemacht hast, was dir den Schlaf verweigert hat. Dir gefällt die Erinnerung, sie schenkt dir ein Lächeln auf deinen Lippen. Du weißt, du hattest Sex, puren, leidenschaftlichen Sex, etwas härter, so wie du es magst.

Wenn du dir das Bett genauer ansiehst, dann erinnerst du dich daran, dass es wohl ziemlich hemmungslos zur Sache gegangen sein muss, aber so magst du es ja, so gefällt es dir und wenn du den dominanten Part übernehmen kannst, erst recht.

Wer der Typ war, mit dem du es getrieben hast? Du hast keine Ahnung, du kennst seinen Namen nicht, es ist dir auch scheißegal. Diskretion ist dir wichtig und die Hauptsache ist, dass es Spaß macht! Du hast sowieso nicht vor, den Typen wiederzusehen. Es ist langweilig, zweimal mit dem gleichen Typen zu vögeln, erst recht, wenn er es eigentlich gar nicht wert ist. Kondome hast du immer bei dir, safe muss es schließlich doch sein.

Du lässt das Radio weiter laufen, er stört dich nicht mehr. Du stehst auf, nimmst  zu aller erst eine  warme Dusche, die brauchst du jetzt, um richtig wach zu werden. Außerdem hast du das Bedürfnis, dich rein zu waschen, damit das Erlebte mit dem Wasser in den Abguss fließt. Es bleibt nichts, als eine Erinnerung, der Schmutz, die Sünde ist weggewaschen. Ein weiterer One-Night-Stand, den du in deinem Register im Kopf abspeicherst. Von Liebe hälst du nicht viel. Für dich ist es ein Hirngespinst, nichts weiter, Sex hat damit nichts zutun. Gefühle lässt du erst gar nicht an dich heran kommen. Was für dich zählt, ist der Trieb, die Lust, mehr nicht. Sich fest binden? Das würde in deinen Augen eine Art Schwäche darstellen. Du bist ein Mann, ein wilder Mann! Du lässt dich nicht festhalten.

Du ziehst dich an, machst dich fertig, um raus zu gehen, dein Kleiderschrank bietet eine große Vielfalt. In die Uni gehst du heute nicht mehr . Dafür ist es zu spät und große Lust hast du auch nicht mehr. Du weißt, du bist gut, besser als die meisten Anderen, du musst nicht jede Vorlesung besuchen.

Du machst dich auf den Weg zur Bushaltestelle, die nicht weit von deiner Wohnung entfernt ist. Du hast beschlossen, noch shoppen zu gehen. Einkaufen, neue Kleidung, die deinen Stil und damit dein Selbstbewusstsein unterstreichen. Du fühlst dich gut, du weißt, du bist gut. Viele eindeutige Blicke erntest du, wenn du durch die Straßen dieser Stadt spazierst. Viele könntest du haben. Frauen lässt du gekonnt abblitzen, sie sind dir egal, sie interessieren dich nicht. Du spielst mit ihnen und wenn es ernst wird, sagst du ihnen eiskalt ins Gesicht, dass ihr Körper nicht das ist, was du begehrst. Oberflächlich tut dir das natürlich leid, doch in Wahrheit findest du es befriedigend, soviel Macht zu haben.

Du sehnst dich nach Männern, junge, sportliche Kerle, die was von sich halten, genauso wie du. Wer nicht von sich überzeugt ist, hat bei dir erst gar keine Chance, auch wenn du gerade von diesen Typen sehr begehrt wirst. Was in dem Menschen steckt, ist dir total egal, dir kommt es nicht auf Charakter an.

Viel wichtiger ist es, was unter der Kleidung steckt, und noch viel wichtiger, was in der Hose. Spielen willst du, und dazu brauchst du geeignetes Spielzeug, das dir gefällt! Hast du jemanden gefunden, sei es auf einer Party oder auf den "blauen Seiten", dann wirst du in der kommenden Nacht viel Spaß haben. Am Tag danach ist er wieder weg, und gut ist's. Ob sich ein Kerl dabei in dich verliebt?  Es schmeichelt dir nicht einmal. So etwas lässt du nicht an dich heran kommen.

Du steigst in den Bus ein, der an dieser Haltestelle bereits gut gefüllt ist. Ein Platz, der noch frei ist, ist gleich hinter dem Fahrer, entgegengesetzt zur Fahrtrichtung. Du magst das nicht, auch wenn du dich so natürlich am besten präsentieren könntest. Aber nein, du magst dir diese Leute hier, die mit dem Bus fahren, nicht anschauen, doch diesmal bist du dazu gezwungen, hast zwangsweise den besten Platz für diese Situation ergattert.

Klar, du siehst die Menschen, die dich absolut nicht interessieren. Da sitzen drei Schulmädchen albernd in einer Zweierreihe oder dahinter, eine aufgebrezelte Tussi mit ihrem Handy telefonierend, das mit Strassteinchen besetzt ist. Wenn sie aufsieht, schenkt sie dir sogar ein Lächeln. Sie hat keine Chance bei dir.

Weiter hinten siehst du einen relativ jungen Typ mit Kaputzenpulli, langem Bart und schwarzer, versiffter Kleidung. Du beobachtest, wie er eine Bierflasche mit den Zähnen öffnet und sie dann beherzt in drei Zügen leert, bevor er die Nächste auf der gleichen Art öffnet. Abschaum, was anderes kommt dir gar nicht in den Sinn. Außerdem fahren viele alte, für dich hässliche Menschen mit dem Bus. So möchtest du nie werden, denkst du dir.

In der Mitte des Busses siehst du einen alten Mann. Er wirkt nicht sehr gepflegt, hat lange, krausige, graue Harre und einen ebenso langen Bart. Krumm steht er da und versucht sich mit seiner zitternden Hand an einer Stange festzuhalten. Das jemand aufsteht um für ihn Platz zu machen, auf diesen Gedanken kommt keiner, jeder ist mit sich selbst beschäftigt, genauso wie du.

Als der Bus über eines der vielen Schlaglöcher dieser Stadt fährt, fällt seine bis obenhin mit Plastikpfandflaschen gefüllte Stofftasche um. Seine Bemühungen, die Tasche noch festzuhalten, sind vergebens, zu schwach ist er und fast fällt er bei dem Versuch selbst um. Das riskiert er dann doch nicht. Stattdessen kullern die blauen und grünen Flaschen jetzt quer durch den Gang des Busses. Kein Mensch scheint das Verlangen zu haben, ihm zu helfen. Auch du nicht, wieso denn auch? Jeder hat seine eigenen Probleme.

Du siehst in das Gesicht des alten Mannes. Als du genauer hinsiehst, siehst du sogar eine Träne über sein ledriges Gesicht kullern. Es berührt dich in keinster Weise.

Du denkst dir nur, mit welchem Abschaum der Gesellschaft du hier zusammen in einem Bus sitzen musst. Absolut nicht dein Niveau und du weißt genau, in wenigen Monaten, wenn du deinen Abschluss hast, wirst du noch mehr über sie lachen und alle übertrumpfen.

Du wendest dich ab von den Geschehnissen in diesem Bus, siehst aus dem Fenster, versuchst deinen Kopf frei zu bekommen. Der Anblick erleichtert dich. Selbstbewusst wie immer bist du, zufrieden über dich selbst schenkst du dir ein Lächeln.

Plötzlich siehst du dein Spiegelbild. Dein Gesicht spiegelt sich in der Scheibe, als der Bus einen etwas längeren Straßentunnel unter den Bahngleisen durchquert. Du siehst dich an. Du siehst dich selbst. Auf einmal kannst du nicht mehr, dein eigener Anblick widert dich auf eine seltsame Art und Weise an.

Als du zurück in die Masse blickst, siehst du ein junges hübsches Mädchen, selbstbewusst und intelligent erscheint sie dir. Sie sieht gut aus, befindest du, doch was sie macht, erschrickt dich, ja sogar so sehr, dass du es kaum für dich behalten kannst. Sie kniet auf dem Boden und versucht, die Flaschen des alten Mannes einzusammeln. Sie ist sich nicht zu schade dafür, auch wenn sie sicherlich schmutzig dabei wird.

Auch ohne Worte verschlägt es dir die Sprache. Wie kann sie nur? Dir wird übel, musst den Brechreiz unterdrücken. Doch dir ist schlecht wegen dir selbst, nicht wegen der Situation. Das erste Mal in deinem Leben fühlst du so etwas wie Mitgefühl.

Auf einmal wird dir klar, was für ein Arschloch du bist. Dir wird klar, dass du weniger wert bist, als die meisten hier in diesem Bus. Dir wird klar, dass du keinerlei Wertvorstellungen in dir trägst. Jede Woche vögelst du mit mehreren Kerlen, von denen du nicht einmal die  Namen kennst, und es ist dir scheißegal, was es mit ihnen macht, dir macht es schließlich auch nichts, dachtest du bis jetzt.

Dir wird klar, dass du ein kaputter Mensch bist, dass dich der viele Sex kaputt gemacht hat, genauso wie der Umgang mit anderen Menschen. Du kannst die Tränen nicht zurückhalten, der ganze Bus wird sehen, wie  deine Erkenntnis über dich selbst zu Tage dringt und du kannst nichts dagegen tun. Du weinst. Deine Fassade ist mit einem Male eingebrochen und jetzt bist du nichts. Deine Seele ist leer und schwarz, wie der Tunnel, durch den du eben gefahren bist.

Als der Bus an der nächsten Haltestelle hält, stehst du einfach von deinem Platz auf und rennst zu der Tür. Du willst raus hier, raus aus dem Bus, weg von dem Elend, weg von dir selbst.

Nur eines weißt du genau, ab jetzt wird alles anders. Doch die Wunden bleiben, tief in deiner Seele.

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