Édouard Louis: Das Ende von Eddy

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Édouard Louis: Das Ende von Eddy
Montage: S.Fischer/Wikimedia,Johannes Jansson

Gemobbt, ausgegrenzt, fertiggemacht: Eddys Kindheit in Nordfrankreich ist unerträglich. Deshalb ist er entschlossen, von dort wegzukommen. Den Weg bis dahin beschreibt er in einem großartigen Roman.

Er wird angespuckt. Jede Pause kommen sie, er wartet schon auf die beiden Jungs. Er lässt es über sich ergehen, lässt es mit sich machen. Eddy ist seit seiner frühesten Kindheit ein Opfer. Opfer einer intoleranten Gesellschaft und Opfer seiner eigenen Familie. Noch bevor er selbst weiß, dass er schwul ist, wissen es die anderen. Das ist der Grund, weshalb sie ihm sein Leben zur Hölle machen.

Die Geschichte von Eddy Bellegueule tut weh, weil sie so wahr ist. Er wächst in einem kleinen Dorf in Nordfrankreich auf, seine Eltern sind arm, sein Vater oft betrunken. Mit den anderen Jungs kann er nicht viel anfangen. Das beruht auf Gegenseitigkeit: Denn mit "dem Schwulen" wollen sie auch nichts zu tun haben. Eddy merkt schnell, dass er anders sein muss. Schimpfworte, Prügel, Ausgrenzung. Er fängt schließlich selbst an, Schwule zu verachten, so verinnerlicht ist der Hass schon.

Eddy schildert statt zu verurteilen

Anders als seine Brüder und Cousins ist er kein echter Kerl. Dabei ist genau das in dem kleinen Ort, in dem jeder in der Fabrik arbeitet, das Wichtigste. Der Umgang in seiner Familie ist derb, der Ton meist vulgär, der Alltag bestimmt durch die prekäre finanzielle Lage. Als der Vater arbeitslos wird, verschlimmert sich das noch. Die Perspektivlosigkeit paart sich mit der Gewissheit, sich abfinden zu müssen mit dem Leben, das man hat.

Montage: S.Fischer/Wikimedia,Johannes Jansson

Es macht betroffen und traurig, die Geschichte von Édouard Louis zu lesen. Doch es geht dem Autor nicht um Selbstmitleid, auf keinen Fall. Dafür beschreibt er das Erlebte zu nüchtern und ausgewogen. Nur in Nuancen merkt der Leser, dass Édouard das alles wirklich erlebt hat. Oft bleibt er emotional distanziert und berichtet fast schon naiv, dafür ungemein detailliert, über Mitschüler, die ihn anspucken. Weder gibt es Schuldzuweisungen noch stellt er seine Umgebung an den Pranger. Er schildert statt zu verurteilen. Denn das reicht vollkommen aus: Ein Urteil bildet sich der Leser schnell.

Die Botschaft: Es gibt ein Entkommen

Édouard Louis gewährt Einblicke in ein Erwachsenwerden, das von ständigen Identitätskrisen geprägt ist. Wie soll sich ein junger Mann entwickeln und entfalten, wenn er nicht so akzeptiert wird, wie er ist? Wenn ihm, im Gegenteil, gesagt wird, dass er seine Art ändern muss? Er beschreibt eine Gesellschaft, die mit Andersartigkeit nicht umzugehen weiß und diese Unsicherheit in Ablehnung, Gewalt und tief sitzendem Hass ausdrückt.

"Das Ende von Eddy" ist ein mutiger Roman, der schon bald zum Kanon der schwulen Literatur gehören könnte. Sicher schildert er keinen Einzelfall. So bringt er uns bei allen erkämpften Rechten auf den Boden der Realität zurück: Gesetze können sich von heute auf morgen ändern, die Einstellung der Leute nicht. Viele schwule Jugendliche werden mindestens in Teilen das nachfühlen können, was der heute 22-jährige Autor erlebt hat. Édouard Louis gibt all den jungen Erwachsenen, die warum auch immer Ablehnung erfahren haben, eine Stimme. Er lässt sie wissen, dass sie nicht alleine sind, und trägt so eine wichtige Botschaft weiter. Es gibt ein Entkommen: Aus Eddy Bellegueule wurde Édouard Louis.

Édouard Louis
DAS ENDE VON EDDY

Roman | Hardcover
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Preis (D) 18,99 | (A) 19,60 | SFR 27,50
ISBN: 978-3-10-002277-6

Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2015

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