Ein anderes Coming Out

Redaktion Von Redaktion

Richard Cohen ist verheiratet und hat drei Kinder. Er und schwul? Vergangenheit - sagt er. Die Kernthese seines "Ratgebers": Homosexualität ist heilbar. Wir haben uns intensiv mit dem Buch auseinandergesetzt...

Richard Cohen ist verheiratet und hat drei Kinder. Er und schwul? Vergangenheit - sagt er.  Mit seinem Ratgeber "Ein anderes Coming Out" will er 'Orientierung für Betroffene, Angehörige und Berater' geben. Seine These: Homosexualität ist heilbar! Das habe er an sich selbst ja bewiesen, und dann muss das doch auch für alle anderen gelten.

Der Autor und sein Anliegen

Man weiß gar nicht, wo man bei diesem Buch beginnen soll, so erschreckend ist es! Autor Richard Cohen sagt von sich selbst, dass er einst schwul war. Dominante Mutter, fehlender Vater. Sexueller Missbrauch durch einen Freund der Familie. Und dann auch noch ein sensibler, künstlerisch veranlagter Mensch, der von Vater und Bruder als Prügelknabe missbraucht wird: So beschreibt Cohen einen Teil der Ursachen, wegen denen er homosexuell geworden sei. Mit einer Vier-Stufen-Therapie aber gibt es einen Weg aus der Homosexualität - so behauptet er! Alles schön belegt mit Studien und Bibelzitaten, denn eine echte Umkehr kann nur im Einklang mit Gott erfolgen, dessen Ebenbild ein guter Christ doch sein will. Amen und Halleluja!

Homosexualität ist ungesund!

Darf man seinem Buch glauben, so ist Homosexualität gar nicht gut für den Menschen! Zweier Studien zufolge hängen Homosexualität und psychische Erkrankungen eng zusammen, Schwule und Lesben haben demnach ein höheres Suizid-Risiko, Depressionen und Angstneurosen. Und das Risiko für Schwule, sich AIDS einzugefangen, ist natürlich doppelt so hoch wie bei Drogensüchtigen. Und erst all die Sexpraktiken: Sex im Park, in der Sauna, und dann auch noch SM-Sex! Und Cohen sieht sich in der Verantwortung, davor zu warnen. Denn: Man kann sich ja verändern. Meint er.

Wer an dieser Stelle schon die Augen aufhält, wird merken, wie pervertiert seine Argumentation ist. Die Suizid- und Depressions-Zahlen liegen ja nicht daran, dass die Menschen homosexuell sind, sondern weil die amerikanische Gesellschaft noch immer stockkonservativ ist. Und wer von seinen Eltern nicht akzeptiert wird, in der Schule diskriminiert wird und am besten eben umerzogen werden sollte, der muss ja Depressionen bekommen. Weiter: Warum cruisen einige Schwule? Weil die Klemmschwester-Gattin zu Hause sitzt und man nicht in einschlägigen Kneipen gesehen werden will. Weil Männer triebgesteuerter sind und sie dort unkompliziert ihren Trieb ausleben können. Aber nicht, weil sie psychisch krank sind...

Aber Cohen beschreibt - fast weinerlich - wie schrecklich er darunter gelitten hat, Sex mit so vielen Leuten gehabt zu haben. Und glücklich ist er auch nicht mit seinem festen Partner geworden. Der hat ihn nämlich nicht geliebt. Natürlich weil Schwule nicht lieben können, und nicht weil er den falschen Partner hatte.

Vier Stufen zur Heilung

Gut, dass wir Schwulen, die wir niemals eine glückliche Partnerschaft mit einem Mann werden haben können, mit dem Ratgeber einen Ausweg haben! Und auch die Lesben können sich freuen: Wer mit seiner Homosexualität unzufrieden ist und hetero werden möchte, dem wird geholfen! Übrigens: Wer es nicht will, der ist so tief in seiner Sünde verstrickt, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Highway to hell. Also, ihr gottgläubigen Schwulen, jetzt wisst ihr Bescheid!

Cohen meint, man könne in vier Schritten heterosexuell werden. Wie gesagt: Man muss nur wollen! Verkürzt gesagt sind diese Schritte:

  1. aufhören mit gleichgeschlechtlichem Sex; heterosexuelle Freunde finden; lernen, dass man in Gottes Augen wertvoll ist.

    -> Toll daran ist: Cohen sagt, dass man nicht mehr in die Szene gehen soll. Da wird man ja verführt und fällt wieder zurück in den Gay-Lifestyle. Sprich: Wenn du keinen Sex mit einem Mann bekommen kannst, kommt die Lust auf Frauen von allein.

  2. Meditation, Gebet, geistliche Texte lesen; lernen, mit seinen Gefühlen umzugehen, denn das können Homos nicht; Selbsttherapie durch "Befriedigung des inneren Kindes".

    -> Auch schön: Geht es dem Patienten schlecht, meditiert und entspannt er sich, bis wieder alles im Lot ist. Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung: Man kann nämlich gar nichts dafür, dass man schwul ist! Also suche man die Schuld nicht bei sich - sondern bei anderen. In seinem Fall bei Mama, Papa und dem Mann, der ihn missbraucht hat.

  3. Heilung der gleichgeschlechtlichen Wunden: Die Ursachen für die homosexuelle Neigung muss erkannt und geheilt werden. Dafür muss man zum Vater eine Beziehung entwicklen und mit ihm trauern, ihm vergeben und die eigene Verantwortung übernehmen.

    -> Das ist der kitschige Höhepunkt seines Buches: Cohen selbst hat sich auf den Schoß seines Papas gesetzt. Der wollte das gar nicht, also hat Cohen sich die Arme seines Vaters selbst zur Umarmung um den Körper gelegt. Dann hat er eine halbe Stunde an Papas Brust geflennt. Von da an war sein Leben endlich spürbar anders. Das muss ich auch mal probieren, falls ich jemals hetero werden will!

  4. Heilung der andersgeschlechtlichen Wunden: Das gleiche wie in Phase drei, aber mit der Mutter.

    -> Und hier... ach, lassen wir das. Wen interessiert schon, wie Cohen seine Übermutti in seine Therapie einbezogen hat? Und vielleicht will ja doch noch jemand das Buch lesen.

Plädoyer für Schwule? NEIN!

Cohen verpackt seine Thesen in einen Rahmen, der sich Pro-Homosexuell gibt. Homophobie lehnt er ab. Er will nicht, dass Homosexualität ein Tabuthema ist. Und so baut er einen Rahmen von Empathie auf. Die Unterstützung seiner Thesen mit wissenschaftlichen Studien gibt ihm den Deckmantel des Sachkundigen. Und dass er selbst Betroffener ist, macht seine Schilderungen lebendig. Und all das macht sein Buch so gefährlich!
Anstatt ein ernsthafter Ratgeber für die Betroffenen von Homosexualität zu sein, bleibt Richard Cohen bei zwei Kernthesen stehen. Nämlich: Wer schwul ist und darunter leidet, dem kann geholfen werden. Wer schwul ist und damit klarkommt, der ist verloren! Homosexuelle Menschen lieben auch nicht, sie befriedigen nur ihren Trieb. Wahre Liebe, wahre Zuneigung ist ein Phänomen, das nur in einer heterosexuellen Beziehung stattfinden kann! Zitat: "Homosexualität als natürlich und normal gutzuheißen, heißt Schmerz und Zerrissenheit verherrlichen." Und weiter: "Homosexualität [...] gutheißen bedeutet, Abkoppelung und Entfremdung vom eigenen Selbst und von anderen zur Norm zu erklären."

Ja nee, is klar! Aber wer sollte das Buch denn trotzdem lesen? Nun, jeder, der aus einem konservativen christlich geprägten Elternhaus kommt und mit dem Thema Probleme hat, könnte das Buch gut nutzen. Denn wenn man genau hinguckt, widerlegen sich die Argumente Cohens alle im realen Leben von selbst. Aber dafür muss man gut hingucken! Jeder, der mit solchen Schicksalen konfrontiert wird, sollte das Buch auch zumindest mal angeschnuppert haben. Und wer allgemein am Thema interessiert ist, der kommt auch nicht drum herum.
Dieses Buch sollte hingegen niemand lesen, der - vor allem aufgrund religiöser Gefühle - Probleme mit seinem Schwulsein hat. Es wird ihm hinterher nicht besser gehen!

Und wer jetzt noch nicht genug hat: Nach erfolgreicher Therapie hat Cohen seine Frau mit einem Mann betrogen. Weil er sich nicht von der Szene ferngehalten hat und der Satan ihn dann wieder verführt hat. Tja, so ist das mit dem Schicksal wahrer Heteros...

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Weitere Quellen: Bilder: stock.xchng