Endstation

Redaktion Von Redaktion
Endstation
onesecondupndown / photocase.com

Daniel verbringt die Ferien bei seiner Großmutter und lernt dort Kai kennen, für den er in den wenigen Wochen bisher ungekannte Gefühle entwickelt. Als der Sommer endet, bringt Daniel es nicht übers Herz, sich von Kai zu verabschieden. Aber kann er wirklich einfach wortlos aus dessen Leben verschwinden?

Gleichgültig betrachtete er das rege Treiben am Bahnhof. Menschenmassen tummelten sich um ihn herum. Alle waren sie aus einem bestimmten Grund hier, alle warteten sie auf den einen für sie wichtigen Zug, der hoffentlich bald eintreffen würde.

Immer mehr fremde Gesichter versammelten sich um ihn herum. Jedes sah anders aus, doch hatten viele  doch ein gemeinsames Ziel. Manche Gesichter strahlten, ja, man konnte ihnen die Freude regelrecht ansehen. Sie warteten gespannt und voller Erwartungen auf den Zug, denn er würde ihnen mit Sicherheit Gutes bringen. Sie wussten, dass sie an einen Ort fahren würden, der sie glücklich machen wird, an denen ihnen Gutes widerfahren wird. Eine gute Nachricht, einen lieben Menschen oder sogar ein neues Leben.

Genauso gut konnte er aber auch in traurige Gesichter sehen. Sie wirkten ängstlich, manche sogar angespannt und unsicher. Man konnte genau erkennen, dass ihnen der Zug nichts Gutes bringen würde. Sie hatten Furcht davor, was kommen würde. Diese Menschen waren nervös und liefen hastig von einem Bahnsteigende zum anderen, womöglich noch mit einer Zigarette in der Hand, um sich selbst ein wenig zu beruhigen.

Neben sich beobachtete er eine junge Frau. Sie wirkte auch nervös, jedoch anders. Sie war ungeduldig, ebenso wie ihre kleine Tochter, die unruhig auf ihrem Schoß hin und her hopste. Ob sie wohl auf ihren Mann wartete? Er fragte sich, ob es viele hier gäbe, die auf eine nahestehende Person warteten. Eine Person, die sie schon seit langem vermissten, die sie liebten.

Er schenkte ihr ein Lächeln, denn es lenkte ihn einen Moment von seinen eigenen Gedanken ab. Doch diese holten ihn schnell wieder ein. Zu welcher Gruppe mochte wohl er gehören? Er hatte Angst, sich diese Frage zu beantworten, obwohl er doch die Antwort ganz genau kannte.

Die Bahnhofsuhr tickte weiter. An den Bahnsteigen fuhren Züge ein und aus. Viele Menschen waren dort zu sehen. Gestresste Geschäftsmänner, schick gekleidet in ihren Business-Anzügen, die sofort ihren Anschlusszug erwischen mussten, Schulklassen mit ihren jungen Lehrerinnen, Familien, junge Pärchen, Leute aus allen Schicht und jeden Alters. Viele stiegen in die Züge ein und genauso viele stiegen auch wieder aus. So war der Lauf der Dinge, so verrann die Zeit.

Doch was war mit ihm Die Zeit schien für ihn still zu stehen. Schon seit Stunden saß er auf der Bank, ein großer Koffer stand neben ihm. Ein Koffer, er bedeutete Abschied, egal, ob man nur in den Urlaub fuhr oder einen Ort für immer verließ. Abschied, dieses Wort wollte er nicht wahr haben. Er wollte hier nicht fort, um genau zu sein, mochte er sogar für immer hier bleiben. Die vergangenen sechs Wochen waren doch so neu, so anders gewesen. Es waren die schönsten sechs Wochen seines bisherigen Lebens.

Ein kleines Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. Kai hatte sein Leben verändert. Kai hatte ihm gezeigt, was es heißt, einen Menschen zu lieben, einen Menschen Vertrauen zu schenken, wie schön es war, Geborgenheit zu spüren. Ja, er hatte ihn wahrlich geliebt und er liebte ihn noch immer.

Nervös, mit schwitzenden und zittrigen Händen hielt er sein Handy in den Händen. Wie gefesselt starrte er auf den kleinen Bildschirm, der gerade eine geöffnete SMS anzeigte. "Hey Dani, was machst du heute? Hast du Lust zu mir zu kommen? Ich würde gerne etwas Zeit mit dir verbringen. Ich liebe Dich. Hdl, Kai"

Diese paar Wörter zerrissen ihm fast das Herz. Er war bis jetzt einfach zu feige um Kai zu gestehen, dass dieser Ort nicht seine wahre Heimat war, dass er seine Sommerferien nur bei seiner Großmutter verbrachte um etwas Abstand von seinen Eltern und seinem Alltag zu gewinnen. All das hatte er verschwiegen. Es war einfach alles zu schön gewesen.

Niemals hatte Daniel gedacht, dass er einen Jungen lieben könnte und dann sah er diesen Kai abends auf dieser Fete und verdrehte ihm den Kopf. Noch nie hatte er solche Schmetterlinge im Bauch gespürt wie bei diesem Kerl. Endlose Stunden am kleinen Badeweiher hinter Kais Haus hatten sie gemeinsam verbracht, endloseNächte vor dem Kamin, bei hellem Feuerschein und selbst gemachter Pizza. Kochen, das mochten sie beide, doch nicht nur das verband sie.

Es schien, als seien sie wie füreinander gemacht. Ihre Charakterzüge ähnelten sich sehr. Alles schien so perfekt. Es war wie eine Traumwelt für Daniel, eine Traumwelt, die nie enden sollte, ein ganz persönliches Sommermärchen. Doch leider waren sechs Wochen nur eine begrenzte Zeit und jetzt saß er hier, konnte seine Tränen kaum zurückhalten.

Er hatte sich geschworen, kalt in diesem Moment zu bleiben, er wollte keine Gefühle zeigen und es kurz und schmerzlos für beide haben. Doch warum konnte er ihm nicht einfach sagen, dass es nicht ging? Dass er nach sechs Wochen wieder fort müsste, hunderte Kilometer von ihm entfernt, dass es so keinen Sinn machen würde? Nicht einmal jetzt brachte er es fertig, eine kleine unbedeutende SMS zu schreiben. Seine Finger klammerten sich an das kleine Gerät. Es fühlte sich so an, als er würde er es jeden Moment in seinen Fingern zerbrechen.

Wieder kam eine Ansage aus einem der vielen Lautsprecher. Ein Zug, der ihn in seine eigentliche Heimat bringen würde, träfe in den nächsten paar Minuten ein. Zum dritten Mal hörte er sie heute schon. Bei keinem Mal hatte er es über das Herz gebracht, in den Zug zu steigen. Er wollte nicht einfach so gehen, ohne ein Wort zu sagen, das konnte er Kai beim besten Willen nicht antun.

Erneut nahm er all seinen Mut zusammen und öffnete das Menü in seinem Handy, das für Kurzmitteilungen vorgesehen ist. Nur zögerlich brachte er die Worte zustande, die sich da auf den Bildschirm aneinander reihten. Dies sollte keine flüchtige SMS sein, die man eben mal so schrieb, nein, diese SMS würde zwei Herzen brechen, die füreinander bestimmt waren.

Er hatte es geschafft. Beim dritten Anlauf hatte er die Worte gefunden, die ihn für diesen Moment richtig erschienen. "Kai, es ist aus. Es geht nicht mehr weiter. Ich sitze hier am Bahnhof und warte auf den Zug, der mich nach Hause bringt, denn hier wohne ich nicht. Es war schön mit dir, ich wünsche dir alles Gute".

Er schämte sich. So sehr, dass er es nicht einmal fertig gebracht hatte, seinen Namen anzufügen. Ein Klick noch, und das Handy würde senden. Er würde alles zerstören. Alles, was sie sich in den letzten sechs Wochen aufgebaut hatten. Ohne ein Wort vorher gesagt zu haben, würde er ihn verlassen. Ohne jegliche Vorwarnung. Eiskalt und doch schweren Herzens.

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!