Hinter den schwulen Lachern

Falk Steinborn Von Falk Steinborn
Hinter den schwulen Lachern
Archiv der Jugendkulturen Verlag

Die Simpsons sind die Miniaturversion US-amerikanischer Familien. Genauso wie das Land hat sich die Serie in den letzten Jahren gewandelt. Die Studie "Hinter den Schwulen Lachern - Homosexualität bei den Simpsons" zeigt, wie Schwule und Lesben heute und damals in der gelben Comicwelt wegkommen.

Es wird oft moniert, dass Schwule, Lesben, Bi- und Trans*-Personen nur selten in den Medien vorkommen. Wer sich allerdings die Simpsons anschaut, der wird überrascht sein, wie oft die Serie zu Homosexualität Bezug nimmt. In den ersten 500 Folgen finden sich 490 einzelne Szenen und vier Folgen mit einem schwul-lesbischen Thema.

Das fand Erwin In Het Panhuis heraus. Er hat untersucht, welches Bild die Simpsons über Homosexualität zeichnen. Sein Ergebnis: "Seit den ersten Folgen der Simpsons 1989 haben sowohl der Umfang als auch die Deutlichkeit der Szenen im schwulen und lesbischen Zusammenhang zugenommen."

50 echt männliche Küsse mit Homer

Dies zeigt sich am deutlichsten an der Figur Homer Simpson. Der leicht trottelige Vater mit der Glatze tritt immer wieder mit seiner schwulen Seite - oder ist es eine bisexuelle Seite? - in Erscheinung. In Het Panhuis hat 50 Küsse zwischen Homer und anderen Männern gezählt - am häufigsten mit dem fromm-christlichen Nachbarn Ned Flanders.

Zu diesem hätte es gut gepasst, dass er sich abfällig über Schwule und Lesben äußert. Aber das tut - trotz aller gleichgeschlechtlichen Begierde - auch Homer. Er bedient sich zum Beispiel Klischeegesten, um Schwule abzuwerten (allerdings nur in den ersten 10. Staffeln) und äußert sich oft abfällig über Schwule ("kleines warmes Brüderchen" zu Smithers). Nur manchmal wird Homer für solche Aussagen gestraft.

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Genauso wie Homer 50 Mal mit Kerlen knutscht, hegt auch Marge manchmal ihre Leidenschaft für Frauen. Ihre lesbische Schwester Patty ist ihr allerdings voraus.

Genauso wie Homer 50 Mal mit Kerlen knutscht, hegt auch Marge manchmal ihre Leidenschaft für Frauen. Ihre lesbische Schwester Patty ist ihr allerdings voraus.

Homophobe Äußerungen muss auch Patty, die Schwester von Marge, immer wieder in Springfield über sich ergehen lassen. Dabei wird oft auf ihre männliche Art angespielt (Damenbart, behaarte Beine, Kerl mit Rock), die ins lesbische Klischeebild passt. Trotzdem wagt Patty später ein Coming-out mit den simplen Worten: "Der seidene Faden ist zerrissen, an dem meine Heterosexualität hing."

Homo-Ehe in Springfield?

In Folge 16 gehen die Simpsons-Macher mit der Figur sogar noch einen Schritt weiter. In Anknüpfung an die Einführung der Homo-Ehe im ersten US-Bundesstaat (Massachusetts, 2004) darf Patty Heiratspläne schmieden. So verlobt sie sich mit Veronika. In Het Panhuis schlussfolgert dazu: "Mit dem offenen Lesbischen auftreten [...] ist Patty die wichtigste lesbische Figur der Serie."

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Bart möchte von seinen Mitschülern nicht als schwul gehalten werden.

Bart möchte von seinen Mitschülern nicht als schwul gehalten werden.

Diese und weitere Feststellungen finden sich in der Studie, deren Ergebnisse wie ein schwul-lesbisches Lexikon der Simpsons aufgemacht sind. Es gibt einerseits über die homosexuellen Erlebnisse und Aussagen der Hauptcharaktere in vollem Umfang Auskunft. Andererseits fasst es zusammen, wie die Simpsons einzelne schwul-lesbische Themen (z.B. Schwule in der Navy, Homoehe, lesbische Sexualität) behandeln.

In Randkapiteln verweist das Buch außerdem auf Transsexualität und Travestie. Bisexualität kommt hingegen kaum zur Sprache. Das erklärt sich dadurch, dass In Het Panhuis  die Simpsons lediglich mit einem homosexuellen Fokus untersucht hat und dadurch gleichgeschlechtliche Körperkontakte oder Zuneigung zwischen Charakteren stets als schwule oder lesbische, nicht aber als bisexuelle Züge interpretiert.

Was nicht hetero ist, ist homo?

Lediglich im Fall von Homer fragt er in einem kurzen Absatz, ob er etwa bisexuell sein könnte. Für die anderen Charaktere diskutiert In Het Panhuis das nicht. Bisexualität als gleichwertige sexuelle Orientierung, die ebenfalls das homoerotische Begehren der Charaktere erklären würde, blendet die Studie aus.

So spricht In Het Panhuis in seiner Kritik an den Simpsons auch nur über Homo- statt Bisexualität: "Es gibt bei den Simpsons kein offen schwules (und auch kein lesbisches) Paar, bei dem über mehrere Folgen ein Liebes- oder sexuelles Verhältnis auch nur angedeutet wird." Nach queerer Denkart ist diese Kritik leider unzureichend. Trotzdem ist die Studie ein guter, wenn auch etwas monoperspektivischer Einstieg in eine nicht-heterosexuelle Lesart der Simpsons.

Dieser Artikel erscheint in Zusammenarbeit mit dem Magazin out! des lgbt-Jugendnetzwerkes Lambda e.V. Einen Link zum kompletten Heft findest du unten.

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