JULIT 2011

Falk Steinborn Von Falk Steinborn
JULIT 2011
Fran Hichert Stiftung

Die Gewinner des Jugendliteraturpreises JULIT stehen fest. Der goldene JULIT geht an Silas Schmidt. Der dbna-User hat ein ganzes Buch eingereicht, dass nicht nur Text sondern auch Linoldrucke enthält. Sie erinnern an den Mord zwei schwuler Jugendlicher im Iran.

Die Gewinner des JULIT 2011 stehen fest. Unter ihnen ist auch der dbna-User Silas Schmidt. Er teilt sich den ersten Platz mit Rike Ernert und bekommt ein Preisgeld von 500 Euro. 

Silas Beitrag trägt den Titel "Ohne Reli küssts sich besser". Dieser Satz war vom Literaturwettbewerb JULIT vorgegeben. Der 24-jährige hat um ihn die Geschichte zweier Jungen gestrickt. Er erzählt ihr Begehren  in einer ganz und gar harmonisch wirkenden Umgebung. Aber die Harmonie täuscht. Ihre Mitmenschen reagieren mit Gewalt auf die Liebe der beiden Jungen.

Silas erzählt seine Geschichte in Gedichtform. Sie ist voller Gefühle, dicht und intensiv geschrieben. Ergänzt wird sie durch Linoldrucke, denn Silas studiert Buchkunst auf der Hochschule "Burg Giebichenstein". Seine Drucke offenbaren den Hintergrund der Erzählung. Sie knüpft an die Erhängung zweier schwuler Jugendlicher im Iran vor sechs Jahren an. Im Interview mit dbna spricht Silas darüber, warum er mehr als nur einen Text kreiert hat und sein fertiges Büchlein dann doch nicht beim Wettbewerb einreichen wollte.

Fran Hichert Stiftung
dbna-User Silas Schmidt überzeugte die JULIT-Jury mit Text und Linoldrucken.

dbna-User Silas Schmidt überzeugte die JULIT-Jury mit Text und Linoldrucken.

Silas, sprudelten  bei dem Satz "Ohne Reli küssts sich besser" sofort die Ideen in deinem Kopf?
Ich hatte am Anfang überhaupt keine Inspiration. Der Satz war echt schwer und so habe ich das auch erst einmal bleiben gelassen mit dem Wettbewerb. Zufällig sprach ich dann in meinem Buchkunststudium mit meiner Professorin. Ich wollte einen Comic für meine Kunsthochschule machen. Da macht es dann plötzlich Klick im Kopf: Verbinde doch den Comic mit dem Wettbewerb. 

Das ist ja aber nur eine Idee für die Form gewesen. Aber wie bist du denn dann auf die beiden schwulen Jungen gekommen, die im Iran gehängt wurden?
Das ist schon eine ganze Weile her. 2005 war das. Im Herbst letzten Jahres  kamen mir diese ganzen Bilder von den Kränen, den Augenbinden und den beiden Jungen plötzlich wieder in den Kopf. Ich musste einfach was darüber machen.

Das hast du getan. Und ich finde, du mutest dem Leser da einiges zu. Der letzte Linoldruck in deinem Buch zeigt, wie die beiden Jungen vollkommen entmenschlicht an den Kränen hängen. Ich kann da nur widerwillig hinsehen.
Das ist Ansichtssache. Da sieht man noch viel Schlimmeres im Internet. Es gibt zum Beispiel Fotos, auf denen sieht man den LKW wegfahren, auf dem Jungs vorher standen, ehe sie an Kränen erhängt wurde. Allerdings sind die Bilder ja auch nur die eine Seite. Die andere ist der Text. Es war mir wichtig, die Sprache abzuspecken und mit ihr klare Bilder zu erzeugen, sodass sie auch ohne die Schnitte funktionieren kann.

Schlussendlich war das Ergebnis für mich sehr bedrückend. Ich war mir zwischendurch nicht mehr sicher, ob ich das abschicken kann.

Warum?
Der JULIT wirkt für mich wie ein Preis, bei dem es Erfahrungen von jungen Schwulen und Lesben geht. Auf mich macht es den Eindruck, dass vor allem positive Geschichten erwünscht sind, die anderen Jugendlichen Mut machen. Mein Thema hingegen zieht einen runter.

Stimmt. Allerdings fängt das Buch auch sehr romantisch und teils erotisch an -  bis zu dem Punkt, wo du dem Leser mit der Faust ins Gesicht schlägst.
Das ist so gewollt. Es war mir wichtig, dass es diese Liebesgeschichte am Anfang gibt. Der Leser soll begreifen, dass es hier um zwei Menschen geht, zwei Verliebte. Sie könnten überall sein. Ich schreibe von  Sand,  Sonne und Früchten. Sowas gäb es auch in vielen Ländern. Aber ich wollte extra kein Land nennen. Denn was im Iran 2005 passiert ist, dass kann auch in anderen unmenschlichen ungerechten Systemen passieren: Menschen werden diskriminiert, verfolgt und hingerichtet.

Warum interessiert dich das so? Man könnte provokant behaupten: Uns Schwulen geht es in Deutschland gut.
Ja, uns Lesben und Schwulen geht es gut in Deutschland, Europa und der westlichen Welt. Wir haben das Recht unsere Meinung frei zu sagen.  Wir haben die Möglichkeit für Gerechtigkeit zu kämpfen, ohne unser Leben zu riskieren. Aber die wenigsten tun das. Man vergisst schnell, wenn man in einer Demokratie und in Gerechtigkeit lebt, dass es auf der Welt noch Orte gibt, in denen es nicht so ist. 

Ich möchte mich auch weiterhin mit meiner Kunst schwulen, lesbischen und queeren Themen widmen. 

Danke für das Gespräch.

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
Weitere Quellen: Frank Hichert Stiftung