Mrs Dalloway

Redaktion Von Redaktion

An einem Junitag bereitet Clarissa Dalloway eine große Abendgesellschaft vor. Dabei stellen sich bei ihr Erinnerungen ein, die ihr nach und nach bewusst machen, wie sehr ihr äußeres Wesen sich von ihrem inneren unterscheidet.

Die australische Schauspielerin Nicole Kidman wurde für ihre intensive und bemerkenswerte Darstellung der Virginia Woolf in "The Hours" 2003 mit einen Oscar ausgezeichnet. Die literarische Vorlage für den Film bildete Michael Cunninghams, 1984 erstmals erschienener, Roman "Die Stunden". Cunningham übernahm für sein Werk den Arbeitstitel von Virginia Woolfs "Mrs. Dalloway" sowie zahlreiche Motive ihres Romans und ließ sie selber in diesem als literarische Figur auftauchen. Er bestreitet, so etwas wie eine Hommage an die größte englische Schriftstellerin der Moderne geschrieben zu haben:

"Ich denke über mein Buch eher in musikalischen Begriffen, als eine Art Jazz-Improvisation, als eine Improvisation auf ein bekanntes, großartiges Musikstück. (...) Im Sinne von Virginia Woolf - und so fühle ich auch - gibt es keine belanglose Stunde, nicht eine einzige! Oft, wenn wir in großen Momenten - in den sogenannten "bedeutungsvollen Stunden" - nach dem Sinn suchen, verpassen wir die wirklich wichtigen Dinge, und dies gilt besonders auch für Schriftsteller. Im eigenen Leben kann eine ganz gewöhnliche Stunde mehr bedeuten als irgendein Krieg und der Tod von Königen."

Dass der, für "Die Stunden" mit zahlreichen Literatur- und Kritikerpreisen ausgezeichnete Cunningham auf begeisterte und zärtliche Art von Virginia Woolf spricht und Woolf als bedeutendste englische Schriftstellerin der Moderne gilt, war für dbna Grund genug, ihren Roman "Mrs. Dalloway", der auch in "The Hours" eine Schlüsselrolle spielt, nachzuspüren und diesen für dich zu rezensieren:

Inhalt: Virginia Woolf lässt ihren vierten, 1922 erstmalig entworfenen, Roman "Mrs. Dalloway" an einem Junitag des Jahres 1923 in London spielen. Sie entwirft zwei parallel laufende Handlungsstränge, die beide weitestgehend unabhängig voneinander ablaufen. Die 52jährige Hauptfigur Clarissa Dalloway trifft Vorbereitungen für eine Abendgesellschaft, die sie mit ihrem Ehemann Richard, einem Parlamentsabgeordneten, gibt. Parallel zu dem Geschehen um Clarissa führt Woolf die Geschichte des nervenkranken Kriegsveteranen Septimus Warren Smith ein. Als Folge seiner Erlebnisse während des Ersten Weltkrieges, eskaliert die psychische Instabilität seiner Figur gegen Ende des Romans in einem Selbstmord. Septimus, der die Vergangenheit und den Krieg immer wieder aufs neue durchlebt, Stimmen hört und kaum klare Gedanken fassen kann, wurde von Woolf als eine Art Doppelgänger zu Clarissa entworfen. Sie stellt das Schicksal beider Figuren einander gegenüber. Clarissa, die auf ihrer Abendgesellschaft von Septimus Tod erfährt, erkennt in seinem Schicksal ihr mögliches eigenes und entscheidet sich am Ende des Romans für das Leben. Virginia Woolf lässt ihre Charaktere im Rahmen gesellschaftlich vorgegebener Spielregeln und Konventionen agieren, was man besonders gut an den Höflichkeitsformen und -floskeln der auftretenden Personen bei Dalloways Abendgesellschaft erkennen kann.

Bemerkenswert sind die inneren Monologe und Reflexionen der Darsteller, allen voran die von Mrs. Dalloway, die sich während ihrer Vorbereitungen in Erinnerungen an ihre Jugend ergeht. Angeregt durch ein Wiedersehen mit ihrem Jugendfreund Peter Walsh, denkt sie über verpasste Möglichkeiten nach und wird sich der Begrenzungen, der Leere und Enge ihres Daseins bewusst. Etwas scheint in ihrem Leben gestört zu sein und die Figur der Clarissa weist eine immer deutlicher hervortretende Spannung auf. Die experimentelle Form von Virginia Woolfs Stream of consciousness- Technik galt bei Veröffentlichung von Mrs. Dalloway als etwas literarisch grundlegend neues, was mit dem etwa zeitgleich erschienen, stiltechnisch ähnlichen, Roman "Ulysses" (1922) von James R. Joyce als richtungsweisend für den Roman der Moderne angesehen wurde.

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