Schatten im Advent 2

Redaktion Von Redaktion
Schatten im Advent 2
Photo-Beagle/istockphoto - dbna/andy

Gleich einem Mantel lag die Dunkelheit über der Stadt, zerrissen durch flackernde Lichter. Wie von einem Thron herab überblickte Kevin die unter ihm liegenden Häuser, während er sich schwer auf das schmiedeeiserne Geländer des Balkons stützte.

Gleich einem Mantel lag die Dunkelheit über der Stadt, zerrissen durch flackernde Lichter. Wie von einem Thron herab überblickte Kevin die unter ihm liegenden Häuser, während er sich schwer auf das schmiedeeiserne Geländer des Balkons stützte.

dbna/chris

Die ihn umwitternde Kälte nahm er kaum wahr. Die immer wieder hektisch aufblickenden Lichter unter ihm registrierte er ebenso wenig wie die zu ihm herauf klingenden Geräusche des stadttypischen Nachtlebens.

Vor seinem inneren Auge zog vielmehr das gesamte vergangene Jahr wie im Zeitraffer vorbei.

Hatte er das wirklich alles erlebt?

Mit dem Brief von Svens Mutter waren die Veränderungen wie ein Tsunami über ihn, ja sie beide, hereingebrochen, der alles mit sich mitriss. Und auch wenn das letzte halbe Jahr dann doch einen gewissen Alltag mit sich gebracht hatte, so war sein Inneres noch immer vollkommen aufgewühlt, von einer nicht abschwellen wollenden Unruhe erfasst.

Er konnte es sich nicht erklären. Es war doch alles in Ordnung oder?

Ja, der Umgebungswechsel war ihm nicht leicht gefallen, das wusste er selbst. Zum ersten Mal trennten ihn und seine Eltern mehr als nur wenige Straßenzüge. Seine Freunde, seine Bekannte, alle die sein Leben bisher prägten, waren am anderen Ende des Landes, ja, für ihn am anderen Ende der Welt.

Die Menschen, ihre Art hier in seiner neuen "Heimat" blieben ihm fremd. Nicht, dass er sich mit ihnen nicht verstand. Er konnte schon mitlachen, mitscherzen und Spaß haben wie..., ja, wie daheim. In Svens Heimat aber war er dennoch nicht angekommen. Keiner hatte ihn nach seiner Ankunft abgelehnt, doch zwischen ihm und ihnen da blieb doch ein Widerstand. Man könnte es nicht sehen oder ertasten. Es war aber da wie eine unsichtbare, gläserne Wand.

Ja, genau das. Erst jetzt konnte er das in Worte fassen, was er die vergangenen Monate immer wieder verspürt hatte trotz aller Freundlichkeiten.

Aber und das bedrückte ihn viel mehr hatte es denn Sven gar nicht gemerkt? Kevin war sich unsicher. War die Wand nach dem Umzug auch zwischen sie getreten?

Seine Bedrückung war die letzten Woche immer intensiver geworden. Sven hatte sie nicht bemerkt, und wenn doch, dann zumindest nicht kommentiert.

Denn wie auch? Die Momente, die sie sich sahen beschränkten sich mittlerweile immer mehr auf die Abende, wenn Sven zu Tode erschöpft neben ihm ins Bett fiel und morgens wieder unausgeschlafen aus den Federn kroch.

Das konnte es doch nicht sein nach all den Strapazen! Die hätten sie doch zusammenschweißen müssen. Doch, nichts, aber auch gar nichts davon!

Redete er es sich nun schlecht? Aber Sven ging doch nicht mehr auf ihn zu. Das innere Band, das er einst zwischen ihnen meinte zu spüren, war verschwunden. Svens Empathie für ihn, die er immer so geschätzt hatte, die ihn immer wieder davor bewahrt hatte, in ein dunkles Loch zu stürzen, war wie weggewischt.

Ihn schauderte. Ein Scheideweg direkt vor ihm? Stand er vor der Wahl?

dbna/chris

Etwas krampfte ihn ihm zusammen bei diesem Gedanken, um Bruchteile einer Sekunde später sich anzufühlen wie ein Riss, der sich langsam durch seine Seele zog.

Er wollte schreien! Sein Mund öffnete sich, seine Finger krampften sich um das Geländer, seine Lippen aber verließ kein einziger Ton. Nur in seinem Kopf stand sein Ebenbild brüllend auf dem Balkon, schrie sich die Seele aus dem Leib. Seine Augen brannten, doch nicht eine einzelne Träne wollte hervor quellen.

Wie der kleine Junge von früher kam er sich vor, der stumm und versteinert die schrecklichen Geschehnisse um sich herum bestaunte und sie geschehen ließ. Auf sich selbst, das Kind, sah er herab, wollte es rütteln und schütteln, zur Besinnung rufen.

Er resignierte, es ging nicht. Das Kind war der Betrachter und der Betrachter war er. Er konnte nicht Handeln, war in die Hölle der Passivität verdammt. Und es fühlte sich an wie ein langer freier Fall, an dessen Ende nur ein Aufprall ohnegleichen warten konnte.

Aber kam er überhaupt noch, der Aufschlag?

Wie lange fiel er denn schon?

Wie tief konnte diese Schlucht sein?

Und was kam überhaupt danach?

Immer stärker krampften seine Hände sich an das Geländer. Seine Fingernägel bohrten sich blutig in das Fleisch seiner Handballen, während langsam leise rote Fäden seine Handgelenke herab flossen, um sich dort zu lösen und um schließlich am Boden zu zerschellen. Doch egal wie fest er sich hielt, das Fallgefühl schwand nicht.

Seine Knie wurden weich.

Schon meinte er wirklich zu stürzen, da schlossen sich zwei warme Arme von hinten um seine kalte Brust. Fest drückten sie seinen ausgekühlten Körper an zwei volle, heiße Ballons. Wie nach einem rettenden Anker griff er nach den beiden Armen, hielt sich an ihnen nun fest, und drückte sie noch stärker an sich.

"Julie..." Seine Stimme klang wie das Kratzen einer Schallplattennadel auf Vinyl.

Ein süße weiche Engelsstimme antwortete und es tat sich ein blauer Himmel in ihm auf, die dunklen Wolken zerrissen.

"Advent, Advent, ein Lichtlein brennt..."

Fortsetzung Teil 2»

dbna.newsletter
Bleibe immer up-to-date.
Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!